„Europa darf nicht blauäugig auftreten!“

Interview mit Dr. Jürgen Reinert, Vorstandsvorsitzender der SMA Solar Technology AG

Dr. Endre Hagenthurn (Wirtschaftsforum): Herr Dr. Reinert, die SMA Solar Technology AG wurde schon vor über vier Jahrzehnten gegründet und hat demnach auch die turbulenten ‘Solar-Coaster’-Jahre miterlebt – mit welchem Gefühl blicken Sie auf das aktuelle Marktgeschehen?

Dr. Jürgen Reinert: In der Tat hat unser Unternehmen wie viele andere Player in den frühen Jahren des neuen Jahrtausends ein beachtliches Wachstum hingelegt – bisweilen konnten wir damals über 1.000 neue Mitarbeitende pro Jahr für SMA gewinnen. Als ab 2011 der deutsche Markt dann nahezu vollends in sich zusammenfiel und wir einen Umsatzrückgang in Deutschland über vier Jahre von insgesamt 90% hinnehmen mussten, hatte dies natürlich gleichermaßen massive negative Auswirkungen auf unsere Organisationsstruktur. Seit 2018 erleben wir nun aber eine neuerlich stabile Wachstumsphase, die auch die Coronapandemie sowie die damit einhergehenden massiven Lieferengpässe nicht ausbremsen konnten, wobei sich die allgemeine Marktsituation auch an dieser Stelle bereits merklich entspannt hat. Dabei hat sich zudem unsere 2018 getroffene Richtungsentscheidung, unsere Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie unsere Fertigung in Deutschland zu konsolidieren und damit unsere globale Präsenz in 190 Ländern von Europa und nicht zusätzlich von China aus zu bedienen, als goldrichtig erwiesen.

Manfred Brinkmann (Wirtschaftsforum): Der Diskurs in Bezug auf die Erneuerbaren Energien wandelt sich. Neben Photovoltaikanlagen rücken auch Elektromobilität und Wärmepumpen in den Fokus. Wie bewerten Sie das?

Dr. Jürgen Reinert: Diese Entwicklung spielt unserer Unternehmensausrichtung durchaus in die Hände – denn da eine Wärmepumpe oder auch eine Wallbox für ein E-Auto mit selbst erzeugtem Solarstrom klar am preisgünstigsten betrieben werden kann, handelt es sich dabei aus Sicht des Endverbrauchers um komplementäre Güter. SMA beschäftigt sich schon seit über 15 Jahren mit dem Thema Energiemanagement und hat sich in dieser Zeit beständig vom reinen Produkthersteller zum Lösungs- und Systemanbieter weiterentwickelt. Dabei sehen wir in der sektorübergreifenden Vernetzung der einzelnen Gewerke ein großes Nutzenpotenzial für die gesamte Wertschöpfungskette. Das gestiegene Interesse an unserer Kompetenz in diesem Segment ist jedenfalls eindeutig: Unsere Schulungen, in denen wir Installateur:innen zum Beispiel Fortbildungen zur Kombination von Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen anbieten, werden mittlerweile von zehnmal so vielen Teilnehmenden besucht wie noch vor wenigen Jahren.

Manfred Brinkmann (Wirtschaftsforum): Wie können europäische Anbieter auf dem heiß umkämpften internationalen Solarmarkt langfristig bestehen?

Dr. Jürgen Reinert: Ich bin überzeugt: Auch Europa muss sich stärken. Denn der amerikanische Inflation Reduction Act hat enorme Anreize für Investitionen in den USA geschaffen, während China mit ebenso großem Nachdruck die Unternehmen im eigenen Land fördert. Vor diesem Hintergrund muss auch Europa aktiv werden und die eigene Erneuerbare-Energien-Wirtschaft stärken, ganz besonders auch um zukünftige Abhängigkeiten zu reduzieren. Am Vorabend des Ukrainekrieges betrug die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Erdgas circa 35%. Bei erneuerbaren Energien – insbesondere bei den Solarzellen und -modulen – beträgt die Abhängigkeit von China inzwischen immense 90%. Deshalb muss Europa die heimische Wirtschaft entschlossener fördern, was nicht zwangsläufig die Erhöhung von Zöllen bedeutet, sondern vielmehr auch mit Anreizen bewirkt werden kann.

Manfred Brinkmann (Wirtschaftsforum): Herr Dr. Reinert, welche Bedeutung fällt dabei dem öffentlichen Diskurs zu?

Dr. Jürgen Reinert: Wir schätzen die breite öffentliche Diskussion sehr. Als Systemanbieter, der sich auch über die Entwicklung von klimafreundlichen Energielösungen im Energiesegment engagiert, setzen wir uns für eine ganzheitlich gedachte Energiepolitik ein, die von allen Akteuren getragen wird. Denn nur gemeinsam können wir die Energiewende vorantreiben.

Interview:

Manfred Brinkmann
und Dr. Endre Hagenthurn

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Energie & Umwelt

Energie neu denken: Wie Kölns Uni­klinik Effizienz und Zukunft sichert

Interview mit Prof. Dr. Peter Heinen, Geschäftsführer der medfacilities Energie GmbH und Dipl.-Ing. Bernd Oerder, Bereichsleiter Energie- und Produktmanagement der Uniklinik Köln

Energie neu denken: Wie Kölns Uni­klinik Effizienz und Zukunft sichert

Steigende Energiekosten, Klimawandel und eine hochkomplexe technische Infrastruktur stellen Krankenhäuser vor enorme He­rausforderungen. Die medfacilities Energie GmbH geht sie mit einer Energie- und Technologieoffensive an. Wirtschaftsforum sprach mit Prof. Dr.…

Warum dezentrale Energie die Antwort auf globale Risiken ist

Interview mit Justas Karaliunas, CEO der EnerPro GmbH

Warum dezentrale Energie die Antwort auf globale Risiken ist

Globale Energiemärkte stehen unter Druck: Digitalisierung, geopolitische Spannungen und rasant steigender Strombedarf fordern neue, resilientere Versorgungskonzepte. Während Staaten und Versorger um Lösungen ringen, wächst die Nachfrage nach dezentralen, effizienten und…

Das Energieökosystem der Zukunft

Interview mit Jie Zhang, Managing Director Europe der GoodWe Europe GmbH

Das Energieökosystem der Zukunft

Mit Photovoltaikmodulen, Wechselrichtern, Wärmepumpen und vielen weiteren Artikeln hält der chinesische GoodWe-Konzern alle wesentlichen Komponenten bereit, damit die Energiewende gelingen kann. Kein Wunder, dass das Unternehmen in den 16 Jahren…

Spannendes aus der Region Landkreis Kassel

Baustelle 4.0: GPS statt Schnur und Bandmaß

Interview mit Michael Finette, Geschäftsführer Baubetrieb Finette GmbH

Baustelle 4.0: GPS statt Schnur und Bandmaß

Der deutsche Wohnungsbau bricht ein, Baustoffe verteuern sich, Fachkräfte fehlen. Wer in diesem Umfeld bestehen will, braucht ein klares Profil, verlässliche Qualität und die Bereitschaft, in moderne Technik zu investieren,…

Form folgt Funktion. Und Menschen.

Interview mit Francesca Russo, CCO der MED-Systeme GmbH

Form folgt Funktion. Und Menschen.

Krankenhausmöbel spielen eine zentrale Rolle im modernen Gesundheitswesen. Sie unterstützen nicht nur das medizinische und pflegerische Personal bei effizienten, sicheren Arbeitsabläufen, sondern tragen auch zum Wohlbefinden der Patienten bei. Dieser…

Präzision unter Druck: Wie Wartung zum Wettbewerbsvorteil wird

Interview mit Mirko Ruhwedel, Geschäftsführer und Lothar Sommer, Geschäftsführer der RUN-TEC GmbH

Präzision unter Druck: Wie Wartung zum Wettbewerbsvorteil wird

Lieferketten unter Druck, Investitionszurückhaltung und steigende Kosten zwingen Industrieunternehmen dazu, bestehende Maschinen länger und effizienter zu nutzen. Genau hier setzt die RUN-TEC GmbH an. Das Unternehmen aus Nordhessen hat sich…

Das könnte Sie auch interessieren

Wenn Photovoltaik zum Business-Case wird

Interview mit Florian Golinski, Geschäftsführer der SUNTEC Energiesysteme GmbH

Wenn Photovoltaik zum Business-Case wird

Energiekosten, Klimaziele und ein Strommarkt, der immer häufiger in Bewegung gerät: Für viele Unternehmen und Haushalte ist Energieversorgung längst ein strategischer Faktor. Photovoltaik – vor allem in Kombination mit Speicher…

Repowering als Schlüssel für eine erfolgreiche Energiewende

Interview mit Prof. Dr. Werner Süss, CEO der NeXtWind Management GmbH

Repowering als Schlüssel für eine erfolgreiche Energiewende

Der Ausbau der erneuerbaren Energien gilt als zentrale Voraussetzung für Klimaschutz, Versorgungssicherheit und eine unabhängige Energieversorgung. Gleichzeitig erreichen viele der ersten Windanlagen aus den 1990er-Jahren das Ende ihres Lebenszyklus. Die…

Das Energieökosystem der Zukunft

Interview mit Jie Zhang, Managing Director Europe der GoodWe Europe GmbH

Das Energieökosystem der Zukunft

Mit Photovoltaikmodulen, Wechselrichtern, Wärmepumpen und vielen weiteren Artikeln hält der chinesische GoodWe-Konzern alle wesentlichen Komponenten bereit, damit die Energiewende gelingen kann. Kein Wunder, dass das Unternehmen in den 16 Jahren…

TOP