„Wir brauchen drei Säulen: Sonne, Wind und Biomasse“

Interview mit Dipl.-Ing. Jörg Albano-Müller, Geschäftsführender Gesellschafter der Schwelm Anlagentechnik GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Albano-Müller, Ihr Unternehmen geht zurück auf das Schwelmer Eisenwerk, das 1886 gegründet wurde. Was ist aus dieser Zeit geblieben?

Jörg Albano-Müller: Uns als Eigentümerfamilie war es immer wichtig, das Unternehmen im Geist der Gründerväter fortzuführen. Das bedeutet, ein familiäres Miteinander zu pflegen und den Mitarbeitern Freiheiten einzuräumen. Wir sind zwar klein, aber ein echtes Hightechunternehmen, das ihnen die Chance biete, schon früh Verantwortung zu übernehmen.

Wirtschaftsforum: Wie hat sich das Unternehmen entwickelt und wie ist es heute aufgestellt?

Jörg Albano-Müller: Schwelm Anlagentechnik hat 2003 mit 40 Mitarbeitern begonnen, heute sind wir 75. Neben unserer Zentrale in Schwelm betreiben wir ein nahezu EU-weites Servicenetz mit dem Schwerpunkt in Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Unser Umsatz lag 2019 bei 14,4 Millionen EUR, 2020 bei 20 Millionen EUR. Diese Steigerung resultiert aus üblichen projektbedingten Schwankungen.

Wirtschaftsforum: War Ihr Weg in das Familienunternehmen vorgezeichnet?

Jörg Albano-Müller: Nicht direkt. Ich bin Architekt und MBA und war zunächst in der Bauindustrie, danach in leitender Funktion an der Universität Münster tätig. Dann habe ich mich entschieden, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten und das Unternehmen weiterzuführen. So kam ich Anfang 2019 in die Firma und bin seitdem mit großer Freude dabei. Ich bin der strategische Kopf. Die operative Leitung hat mein Kollege Arno Engstler, der als Dipl.-Ing. der Versorgungstechnik schon lange im Unternehmen ist.

Wirtschaftsforum: Was bieten Sie schwerpunktmäßig an?

Jörg Albano-Müller: Wir bauen Biogasaufbereitungsanlagen, die das Rohgas so aufbereiten, dass es Erdgasqualität hat. Über Biogaseinspeiseanlagen, die wir ebenfalls errichten, kann es dann ins Erdgasnetz eingespeist werden. Unser zweites wichtiges Standbein sind Biomethantankstellen für Pkw sowie für Lkw und Busse. Eine der Urzellen der Firma ist der Chemieanlagenbau mit Verdichterstationen und Mischanlagen für Gase. Wir sind auch zertifiziert für den Umgang mit wassergefährdenden Stoffen, dürfen also entsprechende Anlagen bauen und aufrüsten. Hier liegt eine unserer Kernkompetenzen. Ein weiterer spannender Bereich sind Wasserstofftankstellen für Lkw und Busse. Unsere erste Anlage für die Stuttgarter Straßenbahn AG ist Ende letzten Jahres in Betrieb gegangen. Seitdem haben die Anfragen bei uns extrem zugenommen. Wir haben über 600 Erdgastankstellen gebaut und so war die Erweiterung zum Wasserstoff für uns ein logischer Schritt. Unsere Anlagentechnik unterscheidet sich von der großer Hersteller und bietet große Wirtschaftlichkeit und Zuverlässigkeit.

Wirtschaftsforum: Sie sind also stark im Bereich erneuerbare Energien tätig. Wie sehen Sie die Zukunft von Biogas?

Jörg Albano-Müller: Das Thema Biogas und Biomethan ist mein persönliches Steckenpferd. Es ist wichtig zu wissen, dass Biogas nicht nur aus sogenannten Energiepflanzen gewonnen wird, sondern zunehmend aus Abfall und Reststoffen, etwa aus der Nutztierhaltung und der Lebensmittelindustrie, aber auch aus Grünschnitt oder alten Fetten. Daraus hergestelltes Biogas ist eine CO2-neutrale Energiequelle, die immer zur Verfügung steht, unabhängig von Sonne und Wind. Wenn die Energiewende gelingen soll, brauchen wir einen solchen Energieträger, der die Grundlast abdeckt. Die Politik sollte dringend erkennen, dass drei Säulen notwendig sind: Sonne, Wind und Biomasse. Die Biogasbranche ist enttäuscht über die Fördermöglichkeiten von Biogasanlagen. Auch was die Planungssicherheit angeht, sind die Anlagenbetreiber, gegenüber denen von Wind- und Sonnenenergieanlagen stark benachteiligt. Deutschland hat hier großen Nachholbedarf. Die Infrastruktur ist durch das flächendeckende Erdgasnetz bereits vorhanden. Wir könnten also jedes gasbeheizte Haus nahezu klimaneutral versorgen, ohne neue Trassen und Leitungen bauen zu müssen. Gleiches gilt für die Tankinfrastruktur.

Wirtschaftsforum: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Gründe für den Erfolg von Schwelm Anlagentechnik?

Jörg Albano-Müller: Aufgrund unserer überschaubaren Größe können wir sehr flexibel auf Kundenwünsche reagieren und die Anlagen in kurzer Zeit maßgeschneidert und in hoher Qualität errichten. Dazu bieten wir exzellente Serviceleistungen. Das Ergebnis ist große Kundentreue.

Wirtschaftsforum: Verraten Sie uns zum Schluss, was Sie an Ihrer Arbeit so begeistert und was Sie persönlich bewegt?

Jörg Albano-Müller: Für mich ist es eine große Freude, die Familientradition fortzuführen, in dem Wissen um unsere einzigartige Unternehmensgeschichte, die 1886 ihren Anfang nahm. Ein starker Antrieb ist auch meine Überzeugung, dass unsere Produkte für die Entwicklung der Energiewende äußerst wichtig sind. Der große Wunsch von uns allen ist, dass Biogas und Wasserstoff eine immer größere Rolle einnehmen. Was schwieriger ist, als ich es erwartet hatte: Ich würde gern den Anteil unserer Technikerinnen erhöhen und möchte weibliches Fachpersonal animieren, sich bei uns zu bewerben. Frauen können sich mindestens so gut wie Männer in technische Prozesse eindenken. Und ein ausgewogeneres Verhältnis beider Geschlechter tut jedem Unternehmen gut.

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