„Wir gestalten die Elektro-Infrastruktur der Zukunft“

Interview mit Matthias Gerstberger, Director of Marketing der OBO Bettermann Holding GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Herr Gerstberger, wie ist Ihr Unternehmen durch die aktuellen Entwicklungen in der Bauindustrie gekommen?

Matthias Gerstberger: Wir sind im dreistufigen Vertrieb tätig, unsere Produkte finden Sie also nicht im Baumarkt oder im Endkundenshop. Das bedeutet aber auch: Wir sind sehr stark in Großprojekten engagiert – Flughäfen, Kraftwerke, große Verwaltungsbauten – und entsprechend von deren Konjunktur abhängig. Die allgemeine Stagnation der Bauindustrie trifft uns daher, aber unsere internationale Aufstellung mit über 40 Tochtergesellschaften und neun Produktionsstandorten weltweit federt das ab. Der deutsche Markt bleibt mit rund 40% Umsatzanteil unser stärkstes Standbein – hier erwarten wir mit Blick auf anstehende Maßnahmen und Investitionspakete eine Belebung.

Wirtschaftsforum: Sie sprechen von internationaler Aufstellung – wie wichtig ist die Produktion in den USA für Sie?

Matthias Gerstberger: Die eigene US-Produktion ist ein klarer Vorteil, besonders angesichts der aktuellen geopolitischen Lage. Wir liefern nicht nur schneller, sondern umgehen auch potenzielle Handelsbarrieren. Generell zeigt sich: Wer Wertschöpfung lokal organisieren kann, ist besser gewappnet für globale Störungen. Das hilft uns, gerade in Zeiten unsicherer Lieferketten zuverlässig zu bleiben.

Wirtschaftsforum: Welchen Stellenwert hat die Weiterbildung Ihrer Mitarbeiter bei OBO?

Matthias Gerstberger: Einen sehr hohen. Qualifizierte Mitarbeiter sind für uns ein zentraler Erfolgsfaktor. Mit der OBO Academy haben wir deshalb eine eigene Plattform geschaffen, die praxisnahe Schulungen anbietet – sowohl intern als auch für externe Partner wie Planer oder Installateure. Es geht dabei nicht nur um Produkte, sondern um ein tiefes Verständnis für Anwendungen, Normen und technische Entwicklungen. In einer dynamischen Branche ist aktuelles Wissen entscheidend. Die Schulungen finden auf unserem Campus in Menden oder digital statt.

Wirtschaftsforum: Welche Themen treiben Sie aktuell besonders?

Matthias Gerstberger: Ganz oben steht das Thema Nachhaltigkeit. Wir bauen derzeit eine eigene Abteilung auf, um die stark steigenden Anforderungen zu bewältigen – etwa die CO2-Bilanz für jedes Produkt, den PCF (Product Carbon Footprint), den wir bereits für rund die Hälfte unseres Portfolios berechnet haben. Auch EPDs (Environmental Product Declarations) gewinnen an Bedeutung. Hier arbeiten wir eng mit externen Instituten zusammen. Besonderes Augenmerk liegt zudem auf Lösungen für erneuerbare Energien – insbesondere im Bereich Photovoltaik, wo wir Systeme für Flachdach-, Schrägdach- und Freifeldanwendungen anbieten. Unsere Teilnahme am UN Global Compact unterstreicht, wie ernst wir Nachhaltigkeit nehmen – auch intern, durch klare Priorisierung im Management.

Wirtschaftsforum: Ein weiteres Thema ist die neue BlackLine-Serie. Was steckt dahinter?

Matthias Gerstberger: Die BlackLine ist unsere Antwort auf architektonische Trends und den Wandel in der Nutzung von Bestandsgebäuden. Immer öfter werden Industriehallen oder Altbauten in moderne Büros umfunktioniert – mit sichtbarer Technik als Gestaltungselement. Schwarze Installationen sind dabei gefragter denn je. Da wir als Komplettanbieter sowohl Boden- und Wand- als auch Deckeninstallationen in Schwarz liefern können, stoßen wir mit BlackLine auf großes Interesse – aktuell besonders im deutschen Markt. Die Nachfrage ist so hoch, dass wir mit der Disposition kaum hinterherkommen. Darüber hinaus bietet uns diese Linie die Möglichkeit, gezielt Architekten und Planer anzusprechen, die in Nachhaltigkeitsfragen künftig noch stärker mitentscheiden.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie die wichtigsten Wachstumspotenziale für OBO?

Matthias Gerstberger: Wir haben rund 30.000 verschiedene Produkte – aber nicht in jedem Markt unser volles Portfolio. Allein durch konsequente Markterschließung mit bestehenden Lösungen liegt enormes Wachstumspotenzial brach. Zudem beobachten wir Trends wie die Kreislaufwirtschaft sehr genau. In Ländern wie den Niederlanden gibt es bereits Modelle, bei denen Hersteller Produkte nach Jahren zurücknehmen und wieder aufbereiten – auch das wird für uns ein Thema. Erste Ideen zu diesen Second-Life-Modellen prüfen wir aktuell. 

Wirtschaftsforum: Wie tragen Sie Ihre Innovationen in den Markt?

Matthias Gerstberger: Neben Messen wie der BAU in München setzen wir stark auf digitale Kanäle. Mit 108 Social Media-Kanälen weltweit und über 120.000 Followern kommunizieren wir gezielt – etwa mit Webinaren für Architekten. Plattformen wie ‘WirliebenBau’ sind dabei wichtige Touchpoints. Wichtig ist uns dabei immer: Wir kommunizieren nicht nur Produkte, sondern Lösungen und konkrete Anwendungsbeispiele. Marketing bedeutet für uns Dialog und Relevanz – nicht nur Reichweite.

Wirtschaftsforum: Was ist Ihre Vision für OBO?

Matthias Gerstberger: Wir möchten die Elektroinfrastruktur der Zukunft aktiv mitgestalten. Dabei geht es uns nicht zwingend darum, ständig neue Produkte zu entwickeln, sondern vielmehr darum, das Potenzial unseres bereits sehr umfassenden Portfolios weltweit besser auszuschöpfen. Unser Ziel ist es, als Komplettanbieter in allen relevanten Märkten flächendeckend präsent zu sein – und so ein kontinuierliches, nachhaltiges Wachstum sicherzustellen. Die Vision dahinter ist klar: Wir wollen als verlässlicher Qualitätsanbieter nicht nur sichtbar bleiben, sondern unverzichtbar werden – für Kunden auf der ganzen Welt.

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