Das Smartphone als Ticket zur Nachhaltigkeit

Interview mit Kilian Kaminski, Gründer und Geschäftsführer von Refurbed

Wirtschaftsforum: Zwei Jahre Lebensdauer schreiben Hersteller Smartphones maximal zu. Warum sollten wir diesen Trend brechen und unserem Smartphone ein längeres Leben schenken?

Kilian Kaminski: Es ist gerade in Deutschland nahezu Standard, dass wir eine Vertragskultur über zwei Jahre haben und nach Ablauf gibt es entweder kostenlos oder für einen geringen Preis ein neues Gerät. Es ist letztendlich so, dass der Nutzer sein Smartphone durchschnittlich für 1,8 Jahre nutzt. Bei den Smartphones ist es problematisch, dass einzelne Komponenten nach dieser Zeit kaputt sind. Als Beispiel nenne ich das iPhone und einen nicht mehr funktionierenden Homebutton. Doch alle anderen Komponenten funktionieren noch, daher müssen nur die einzelnen kaputten Komponenten ausgetauscht werden, sodass der Konsument es sogar vier bis fünf Jahre nutzen kann.

Dafür braucht man natürlich Fachleute und die richtigen Komponenten. Wir unterscheiden uns dabei komplett von klassischen Reparturshops. Sie können uns eher mit ebay oder Amazon vergleichen, da wir einen Marktplatz zur Verfügung stellen, denn wir refurbishen keine Geräte selber. Wir arbeiten mit den größten und professionellsten Refurbishern zusammen, die von der Arbeitsweise eher einem Labor ähneln als einer Repartaurwerkstatt.

Wirtschaftsforum: Wie viele Partner haben Sie?

Kilian Kaminski: Wir arbeiten aktuell mit mehr als 60 Partnern zusammen. Der Großteil sitzt in Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Es gibt große Qualitätsunterschiede in dem refurbished Markt, weshalb wir nicht mit jedem zusammenarbeiten. Qualität ist bei uns das wichtigste Merkmal. Wer mit uns zusammenarbeitet, durchläuft einen aufwendigen Bewerbungsprozess. Wir arbeiten nur mit den Besten zusammen, damit unser Kunde auch das beste Produkt bekommt.

Wirtschaftsforum: Es gibt mit Shift und Fairphone zwei Unternehmen, die Smartphones mit längerer Lebensdauer und einfach austauschbaren Modulen anbieten. Was halten Sie davon?

Kilian Kaminski: Ich finde die Produkte grundsätzlich gut. Bevor sich Nutzer ein brandneues Smartphone zulegen, sollten sie sich lieber ein Gerät dieser Unternehmen kaufen, um vor allem etwas für die Nachhaltigkeit zu tun.

Ein Problem, das wir auf einer Messe, auf der auch Fairphone vertreten war, erkannt haben, ist, dass sehr viele Kunden nachhaltig leben wollen und nur diese eine Option hatten: das Fairphone. Was sie bemängelt haben, ihnen gefällt die Software und das Aussehen nicht. Sie kaufen es, weil es keine Alternative gibt. Bei uns gibt es diese Alternativen allerdings, aufbereitete Markengeräte von Apple oder Samsung zu kaufen. So können Nutzer ein nachhaltiges Marken-Smartphone mit gewünschter Bedienbarkeit und Aussehen zu einem günstigen Preis kaufen. Wer aber auf keinen Fall auf ein Neugerät verzichten kann, der sollte sich lieber das Fairphone oder Shift zulegen.

Wirtschaftsforum: Die Produkteigenschaft „Gebraucht“ ist ja eher negativ behaftet. Wie räumen Sie mit diesem Vorurteil, Gebraucht = schlechte Qualität, auf?

Kilian Kaminski: Es ist schwierig, der Gesellschaft diesen Begriff positiv zu vermitteln. Aber wir verkaufen in dem Sinne keine gebrauchten Produkte. Wir bieten refurbished Produkte. Ein gebrauchtes Produkt, ist, wenn ich Ihnen mein altes Handy gebe und Sie es direkt weiternutzen. Bei einem refurbished Produkt werden Geräte komplett erneuert. Das Gerät durchläuft bei uns einen aufwendigen Aufbereitungsprozess, in etwa 40 Schritte. Dazu gehören ein Softwaretest, Kameratest, der Akku wird überprüft und alles, was nicht funktioniert, wird ausgetauscht. Bei uns sind die Produkte wie neu, nur das irgendwann jemand schon einmal dieses Gerät in der Hand hatte.

Wir wollen unseren Kunden vermitteln, dass es nicht nur zwei Zustandskategorien gibt, also neu und gebraucht. Es gibt eine dritte: refurbished, die wie Neuware anzusehen ist. Refurbished verbindet Vorteile von gebraucht und neu. Gebraucht, weil die Preise geringer sind als bei einem Neugerät und Neu, weil der Garantieanspruch, die Funktionalität und Verwendbarkeit sehr stark einem neuen Produkt ähneln. Wir wollen den Kunden von refurbished Produkten überzeugen. Wir bieten zum Beispiel eine Testphase von 30 Tagen an, in denen er das Gerät ausprobieren kann und wir nehmen es auch wieder kostenfrei zurück, sollte es ihm nicht gefallen.

„Wir wollen unseren Kunden vermitteln, dass es nicht nur zwei Zustandskategorien gibt, also neu und gebraucht. Es gibt eine dritte: refurbished.“ Kilian Kaminski
Kaminski

Wirtschaftsforum: Wie hat Ihnen Ihre Teilnahme bei der österreichischen TV-Sendung auf PULS4 „2 Minuten 2 Millionen“ beim Unternehmenswachstum geholfen?

Kilian Kaminski: In Österreich sind wir dadurch sehr bekannt geworden. Die Sendung gucken im Durchschnitt 500.000 bis 600.000 Menschen. „2 Minuten, 2 Millionen“ hat unsere Verkäufe angekurbelt, weil sich die Zuschauer refurbed gemerkt haben und einige Monate später einen Laptop oder ein Smartphone gekauft haben. Wir müssen viel Branding Marketing betreiben, da wir ein Bedarfsgut verkaufen.

Wir nutzen Social Media, vor allem Facebook, Instagram und YouTube, um unsere Bekanntheit weiterhin zu steigern. Und da wollen wir bei Nutzern im Kopf bleiben, die in Zukunft ein refurbished Gerät kaufen möchten und sich dann, wenn es soweit ist, an uns erinnern. Nachhaltigkeit ist ein großes Thema und Bewegungen wie Fridays for Future tragen dazu bei, sich über die Umwelt Gedanken zu machen.

Kaminski
„Nachhaltigkeit ist ein großes Thema und Bewegungen wie Fridays for Future tragen dazu bei, sich über die Umwelt Gedanken zu machen.“ Kilian Kaminski

Wirtschaftsforum: Für jedes verkaufte Gerät pflanzen Sie einen Baum, das machen inzwischen viele Unternehmen. Warum haben Sie sich dafür entschieden und kein anderes Umweltprojekt gewählt?

Kilian Kaminski: Für uns Gründer war vor Beginn an klar, dass wir einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten möchten. Mit unserem Geschäftsmodell verbessern wir die Welt. Ein refurbished Produkt verursacht 70% weniger CO2 Emissionen als ein Neugerät. Denn bei der Produktion eins neuen Geräts werden viel mehr Ressourcen genutzt, die eigentlich schon längst aufgebraucht wurden. Dennoch müssen wir noch 30% ausgleichen, um zu 100% nachhaltig zu sein. Perfekt ist es also, einen Baum pro verkauftes Gerät zu pflanzen, denn der gleicht die fehlenden 30% aus. Unsere Kunden kaufen ein zu 100% nachhaltiges Gerät bei uns. Das haben wir ab dem ersten Arbeitstag gemacht. Danach habe ich auch von immer mehr Unternehmen gelesen, die jetzt auch Bäume pflanzen. Klar, wir waren nicht die ersten, aber wir machen es aus Überzeugung.

Wir möchten, dass unsere nachfolgende Generation nachhaltig leben können. Derzeit haben wir noch das Problem: Alles, was nachhaltig ist, ist teurer. Das gilt für Lebensmittel und vor allem Kleidung. Wir haben eines der ersten Businessmodelle, bei dem die nachhaltige Alternative günstiger ist als das nicht nachhaltige Produkt. Bei uns spart man Geld und lebt nachhaltiger. Generell möchten wir eine Eintrittskarte für ein nachhaltiges Leben sein, sodass wir Kunden ermutigen, auch künftig auf nachhaltige Produkte zurückzugreifen.

Interview: Vera Gaidies | Fotos: refurbed

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