Auf neuen Wegen mit bewährter Sohle
Interview mit Sebastian Roscher, CPMO der framas Kunststofftechnik GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Roscher, Pirmasens ist international als deutsche Schuhmetropole bekannt. In den 1960er-Jahren wurde jeder zweite Schuh in Deutschland in Pirmasens hergestellt. Die framas Kunststofftechnik GmbH hat heute noch ihren Stammsitz in Pirmasens. Wie stellt sich das Unternehmen den Herausforderungen des Marktes?
Sebastian Roscher: framas war immer offen gegenüber neuen Entwicklungen und Technologien, hat Herausforderungen angenommen und darin neue Chancen gesehen. Das ist bis heute ein wichtiges Unternehmenskriterium.
Wirtschaftsforum: Können Sie das anhand der Geschichte konkretisieren? Welche Entwicklungsschritte und strategische Entscheidungen haben framas geprägt?
Sebastian Roscher: Als framas 1949 in Pirmasens gegründet wurde, stand die Herstellung von Schuhleisten aus Holz im Vordergrund, die regional vertrieben wurden. Die Expansion nach Asien und der technologische Wandel von der Holzleiste zum Kunststoff markierten rückblickend entscheidende Entwicklungsschritte. Die neuen Materialien ermöglichten nicht nur die Erschließung weiterer Produktfelder, sondern auch die industrielle Massenfertigung. Die Internationalisierung war eng mit der Verbindung der Gründerfamilie Martz zur Familie Dassler verknüpft. Käthe Dassler, Tochter des Firmengründers Franz Martz und Ehefrau des adidas-Gründers Adi Dassler, ermutigte ihre Brüder, den Blick früh nach Asien zu richten. Korea wurde zum ersten Standort dieser internationalen Expansion und damit zum Ausgangspunkt der Industrialisierung von framas.
Aus einem regionalen Hersteller von Leisten entwickelte sich Schritt für Schritt ein global agierender Zulieferer. Durch den Einstieg in die Kunststoffproduktion änderte sich auch das Portfolio. Hinterkappen spielten fortan eine zentrale Rolle. adidas benötigte damals Hinterkappen in Asien; durch unsere Fertigung in Korea, später auch an anderen asiatischen Standorten, konnten wir uns hier als verlässlicher Partner etablieren.
Wirtschaftsforum: Gab es neben der Expansion nach Asien und der Hinwendung zu Kunststoff weitere wegweisende Entwicklungen?
Sebastian Roscher: Im Laufe der Zeit wurden immer mehr Fertigungsschritte in das Unternehmen integriert – vom Werkzeugbau bis hin zur Materialentwicklung. Heute arbeiten wir mit eigenen Materialien, die teilweise aus recycelten Produktionsreststoffen hergestellt werden. Damit legt framas großen Wert auf die eigene Entwicklung und Kontrolle entlang der gesamten Wertschöpfungskette. So können wir Prozesse gezielt steuern und eine konstant hohe Qualität sicherstellen.
Wirtschaftsforum: Wie ist framas heute aufgestellt?
Sebastian Roscher: Heute gibt es in Vietnam und Indonesien jeweils drei Werke; hier liegt ganz klar unser Fokus. Das dritte Werk in Vietnam entstand während der Pandemie. Es ist eine State-of-the-Art-Produktion, in die alle Learnings der vergangenen Jahre eingeflossen sind. Damit beschäftigen wir global 3.500 Mitarbeitende, wobei es saisonale Schwankungen gibt.
Der Umsatz liegt zwischen 170 und 200 Millionen EUR. Verschiedene Joint Ventures wurden aufgebaut, einige später bewusst wieder beendet, um unabhängig zu bleiben. Aus China, wo es zwischenzeitlich zwei Werke gab, haben wir uns wieder etwas zurückgezogen; eine Entwicklung, die durch die Pandemie beschleunigt wurde.
Wirtschaftsforum: Wo liegen die Schwerpunkte des Portfolios?
Sebastian Roscher: Wir liefern eine breite Palette an Kunststoffkomponenten für die Schuhindustrie – darunter Sohlen, Hinterkappen und Teile der Schnürung – an Marken wie adidas, Nike oder On Running. Aktuell konzentrieren wir uns zunehmend auf ausgewählte Produktgruppen und Produkte mit hohem Mehrwert. Gleichzeitig sehen wir insbesondere in kleineren Brands attraktive Partner mit großem Entwicklungspotenzial. Gemeinsam mit einem Partner fertigen wir beispielsweise sogenannte Full Bottom Units – komplette Sohlenmodule, die mehrere Komponenten integrieren und dadurch die Produktion deutlich effizienter gestalten.
Wirtschaftsforum: Was hat Sie persönlich zu framas geführt?
Sebastian Roscher: Ich stamme aus einer Unternehmerfamilie; meine Familie betreibt einen Werkzeugbaubetrieb im Hunsrück. Die Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern weckte irgendwann mein Interesse für Asien. Die Arbeitsweise dort – die Schnelligkeit, die ausgeprägte Wissbegierde und die hohe Motivation – haben mich von Anfang an begeistert.
Über einen meiner Professoren kam ich schließlich zu framas. Dort startete ich als Entwicklungsleiter in China, wurde später technischer Leiter und schließlich Geschäftsführer. Vor drei Jahren hat der damalige Vorstand mit großer Weitsicht einen Generationenwechsel angestoßen. Seit dem zweiten Quartal 2025 bilde ich gemeinsam mit Maximilian Wolf und Fabian Urban die heutige Geschäftsführung.
Wirtschaftsforum: Neue Führung, neue Impulse. Wie soll framas künftig ausgerichtet werden?
Sebastian Roscher: Ein Thema ist für uns das Nearshoring. Geopolitische Entwicklungen, aber auch der zunehmende Fokus auf Nachhaltigkeit führen bei einigen Unternehmen zu einem Umdenken. In welchem Umfang Marken diese Entwicklung künftig vorantreiben werden, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Die zunehmende Zahl entsprechender Anfragen deutet jedoch auf ein wachsendes Interesse hin. Wir sehen jedoch weiterhin den Großteil der Produktion in Indonesien, Vietnam, China und künftig auch in Indien. Teilproduktionen werden aber sicherlich in anderen Regionen sowie in Europa stattfinden. Gleichzeitig wird die Produktion zunehmend automatisiert. Digitalisierung und insbesondere der Einsatz von künstlicher Intelligenz spielen für uns eine zentrale Rolle. Wir werden hier einen Unterschied machen können, da unser globales Team intensiv daran arbeitet, Datentransparenz sicherzustellen und damit Planungssicherheit zu schaffen. In volatilen Zeiten ist das essenziell. Ein weiterer zentraler Baustein unserer zukünftigen Ausrichtung sind strategische Partnerschaften. Unser Anspruch bei framas ist es, uns vom klassischen Zulieferer immer stärker zu einer technologischen Plattform und einem ganzheitlichen Lösungsanbieter weiterzuentwickeln. Dafür wollen wir nicht alles selbst entwickeln oder mit hohen Investitionen eigene Strukturen aufbauen. Vielmehr möchten wir unsere Kompetenzen gezielt mit denen starker Partner verbinden, gemeinsam Innovationen vorantreiben und so unser Produkt-, Technologie- und Serviceportfolio schneller erweitern. Strategische Partnerschaften und offene Innovation werden deshalb für unsere weitere Entwicklung eine wichtige Rolle spielen. Was dabei bleiben wird, ist die Nähe zu unseren Kunden und die Tatsache, dass es bei framas tolle, motivierte Menschen gibt, die gemeinsam mit unseren Partnern und Kunden die Zukunft aktiv gestalten wollen.
















