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„Wir verkehren in alle Richtungen“

Interview mit Thomas Baumgartner, Präsident der Fercam AG

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Wirtschaftsforum: Herr Baumgartner, Fercam ist ein Unternehmen mit über 70-jähriger Geschichte. Mit welchen Leistungen ist die Firma gestartet?

Thomas Baumgartner: Als mein Vater Eduard Baumgartner 1963 das Unternehmen, das bereits 1949 gegründet worden war, übernommen hat, waren wir ausschließlich im Bereich Komplettladungen unterwegs. Zunächst waren wir nur auf dem italienischen Markt, aber bald auch in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft aktiv. Die Nachfrage war damals kein Problem, sondern eher die Notwendigkeit, genügend Lizenzen zu bekommen. 1977 sind wir in den kombinierten Verkehr auf Straße und Schiene eingestiegen. Zwei Jahre später haben wir unsere ersten ausländischen Filialen in Köln und München eröffnet.

Wirtschaftsforum: Wann und wie haben Sie ins Geschehen eingegriffen?

Thomas Baumgartner: Mein Vater hat die Firma bis 1986 entwickelt. Ich stieß 1982 dazu. Als erstes habe ich damals darüber nachgedacht, ob eine weitere Entwicklung im Bereich Komplettladungen sinnvoll wäre, da dieser Markt sehr umkämpft war.

Das Ergebnis dieser Überlegungen war, dass wir 1986 die Speditionsgesellschaft Gondrand übernommen haben und damit in den Bereich Groupage und einen anderen Logistikbereich hineinkatapultiert worden sind. Die Sparte Luft- und Seefahrt haben wir erst einmal verkauft und ein italienisches Sammelgutnetzwerk in Europa aufgebaut. Bis 2000 war mein Anliegen vor allem, dieses zu festigen und zu vergrößern. In diesem Zug haben wir viele kleine und größere Speditionen gekauft und die Niederlassungen direkt untereinander vernetzt.

Das war damals noch nicht alltäglich, da es sehr kostspielig war. Und wir haben gleich den damals neuen Barcode eingesetzt, was ein großer Vorteil war. Im Ausland – in Deutschland, Frankreich und Spanien – sind wir für den Aufbau eines gemeinsamen Sammelgutnetzes verschiedene Partnerschaften eingegangen.

Wirtschaftsforum: Das hat sich dann sicherlich in anderen Ländern fortgesetzt?

Thomas Baumgartner: Nein, wir haben uns 2003 entschlossen, uns im Ausland auf einen einzigen Partner zu konzentrieren. Seitdem pflegen wir eine strategische Partnerschaft für den internationalen Sammelgutverkehr mit dem deutschen Logistikunternehmen Dachser. Mit ihm sind wir in ganz Europa aktiv. Nur in kleinen Ländern, in denen Dachser nicht präsent ist, organisieren wir weiterhin die Sammelgutverkehre mit lokalen Partnern. Für den deutschen Markt war unser Standort Bozen, nahe des Alpenübergangs, historisch und geografisch immer optimal geeignet für den Warenaustausch. Wir verkehren in alle Richtungen.

Wirtschaftsforum: Haben Sie sich nur geografisch vergrößert?

Thomas Baumgartner: Nein, ein weiterer wichtiger Meilenstein war unser Wiedereinstieg in das Luft- und Seefahrtgeschäft sowie in die Logistik im In- und Ausland in den Jahren 2005 und 2006. In Italien haben wir nach und nach diverse Lager-Logistikzentren aufgebaut, die mit einem Netzwerk gekoppelt sind. Unser Lagerkunden können dieses Netz und unsere Dienstleistungen nutzen und unter anderem auf unsere italienischen und internationalen Verteiler zugreifen.

Wirtschaftsforum: Gibt es viele Wettbewerber mit ähnlichen Angeboten?

Thomas Baumgartner: In Italien sind wir die einzige Firma in dieser Branche mit einem solch breiten Leistungsspektrum. Die Wettbewerber sind nur auf bestimmte Bereiche konzentriert. Wir bieten dagegen einen 360-Grad-Service an.

Wirtschaftsforum: Das Unternehmen hat sich also kontinuierlich vergrößert und breiter aufgestellt. Wird das auch in Zukunft so weitergehen?

Thomas Baumgartner: Jede Firma muss wachsen, denn Stillstand bedeutet Rückschritt. Jede Generation möchte Dinge anders machen. So lange die Firma wächst, bieten sich immer neue Chancen. Gewinn ist wiederum notwendig, um das Wachstum zu stemmen und die Firma gesund zu erhalten. Wir stecken den Gewinn immer ins Unternehmen, auch um die Arbeitsplätze zu sichern.

Wirtschaftsforum: Was war Ihre beste unternehmerische Entscheidung?

Thomas Baumgartner: Das war die Partnerschaft mit Dachser sowie der Kauf von Firmen, die wir in unser Unternehmen integriert haben. Man muss Entscheidungen treffen, auch auf die Gefahr hin, dass mal etwas schief geht. Ich denke, dass wir bei allen Entwicklungen unsere Mitarbeiter mitgenommen haben. Schon seit Jahrzehnten werden alle Bereichsleiter über ein spezielles Gremium in die Entscheidungsfindungen einbezogen.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie noch Potenzial für Ihr Geschäft?

Thomas Baumgartner: Innerhalb Europas wird der Verkehr nicht mehr wachsen; die Bevölkerungszahlen stagnieren. Außerhalb Europas und in Osteuropa sowie im Luft- und Seefahrtgeschäft, wo wir noch recht klein sind, gibt es aber noch großes Potenzial.

Wirtschaftsforum: Gibt es derzeit neue Entwicklungen?

Thomas Baumgartner: Durch die Corona-Krise war bisher alles blockiert. Aber Corona hat dazu geführt, dass wir eine neue Landverbindung auf der Straße von Europa nach China auf die Beine gestellt haben. Denn dadurch, dass die Passagierflugzeuge nicht mehr flogen, die auch viel Cargogut mitnehmen, war der Cargoverkehr auf der Schiene überlastet, und der Seeweg ist zu lang.

Wirtschaftsforum: Worin liegen neben der großen Bandbreite an Services Ihre Vorteile gegenüber den Wettbewerbern?

Thomas Baumgartner: Viele von ihnen wagen sich nicht aufs internationale Parkett. Wir sind in der Nähe des Brenners, kennen die deutsche Sprache und sind auch international stark. In Italien ist es umgekehrt so, dass ausländische Mitbewerber dort schwer Fuß fassen. Wir kennen sowohl die italienische als auch die europäische Mentalität.

Wirtschaftsforum: Welche Themen bewegen Sie derzeit besonders?

Thomas Baumgartner: Bei Fercam kümmere ich mich vornehmlich um unsere Logistikimmobilien, die zu 50% in unserem Besitz sind. Die Geschäftsführung hat inzwischen mein Sohn Hannes übernommen. Als Präsident des italienischen Verbandes für die Transport- und Logistikfirmen ANITA engagiere ich mich stark für das Thema Brennerverkehr, denn Italien hängt am Europäischen Markt. 70% des italienischen Marktes entfallen auf den Export, zum Großteil nach Nord- und Mitteleuropa und damit über den Brenner. Wenn diese Übergänge erschwert werden, haben wir ein massives Problem.

Ich war schon immer der Meinung, dass Mobilität der Waren wichtig ist. Das wird jetzt, während Corona, besonders deutlich. Die Wirtschaft funktioniert nicht, wenn Transport und Mobilität nicht garantiert sind. Aber sie müssen so umweltfreundlich wie möglich gestaltet werden. Deshalb setzen wir seit jeher auf den kombinierten Verkehr Straße/Schiene und haben bereits Flüssiggas-Lkws. Tesla und Nikola basteln gerade an Sattelzugmaschinen, die mit Wasserstoff betrieben werden. Bei beiden Anbietern haben wir bereits Elektrofahrzeuge bestellt.

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