„Die Frage ist nur, wann der Markt wieder anspringt“

Interview mit Thorsten Flasch, Geschäftsführer der WILLI KROHN Handelsgesellschaft mbH

Wirtschaftsforum: Herr Flasch, die Stahlindustrie hat vier turbulente Jahre hinter sich – wie hat die WILLI KROHN Handelsgesellschaft mbH diese Zeit erlebt?

Thorsten Flasch: Aufgrund der erheblichen gesamtwirtschaftlichen Einschränkungen haben wir zu Beginn der Coronapandemie ursprünglich mit einer schwierigen Zeit gerechnet. Dann jedoch haben wir tatsächlich sehr anständige Geschäftsjahre abschließen können, schlicht weil die allgemeine Bautätigkeit in dieser Phase weitgehend ungehindert weiterlief, wodurch bisweilen sogar größere Stahlmengen als zuvor nachgefragt wurden. Mit Beginn der Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 kam es dann im Stahlmarkt aber nicht nur zu umfangreichen Beschaffungsproblemen, sondern es setzte auch eine rasante Verteuerung ein, mit Höchstpreisen für Stahl, wie ich sie in 30 Jahren in der Branche noch nicht erlebt hatte. In der Spitze haben sich die Einstands- und damit auch die Verkaufspreise verdoppelt, was jedoch dem mengenmäßigen Absatz keinen Abbruch tat – im Gegenteil: Viele Bauunternehmen haben aus Angst vor Lieferausfällen auf einmal Mengen abgefragt, die wir so noch nie gesehen hatten.

Wirtschaftsforum: Wie mussten Sie beschaffungsseitig auf diese deutliche Nachfragesteigerung reagieren?

Thorsten Flasch: Wir hatten schon vorher eine langfristige und damit auch belastbare Beziehung zu unseren Hauptlieferanten aufgebaut und sie dabei stets als strategische Partner gesehen und auch so behandelt – dieses gewachsene wechselseitige Vertrauensverhältnis war unter diesen außergewöhnlichen Umständen natürlich Gold wert. Die Springer, die sich immer sehr eng am Preis orientiert und in diesem Zuge permanent ihre Lieferanten gewechselt haben, waren die großen Verlierer dieser Krise. Die WILLI KROHN Handelsgesellschaft konnte so jedoch eine sehr gute Grundversorgung aufrechterhalten. Zudem haben wir in kürzester Zeit unseren Lagerbestand verdoppelt, um etwaige Ausfälle im Zweifel kompensieren zu können. Das hat natürlich viel Liquidität gebunden, erwies sich jedoch schnell als genau die richtige Entscheidung. Durch unsere hohe Lieferfähigkeit konnten wir in dieser Zeit zudem etwa zwei Dutzend Neukunden gewinnen, mit denen wir prinzipiell eine langfristige Partnerschaft angestrebt haben. Nicht zuletzt wegen der bald darauf folgenden Marktkorrektur in der Bauwirtschaft wurde dieses Ziel jedoch leider nur in Einzelfällen erreicht.

Wirtschaftsforum: Wann hat sich der wirtschaftliche Einbruch schließlich auch in Ihrem Unternehmen bemerkbar gemacht?

Thorsten Flasch: Im Jahr 2023 hatten wir noch viele Aufträge aus dem Vorjahr, die wir sukzessive abarbeiten konnten; erst im letzten Quartal wurde die starke Marktabkühlung auch bei uns spürbar. Die zahlenmäßigen Auswirkungen sollte man dabei aber nicht überdramatisieren – denn der geringere Jahresumsatz ist schließlich zum großen Teil darauf zurückzuführen, dass die Stahlpreise nach der massiven Verteuerung des Vorjahres wieder zu ihrem normalen Niveau zurückkehrten, was gesamtwirtschaftlich betrachtet ja zu begrüßen ist.

Wirtschaftsforum: Wie blicken Sie von diesem Punkt aus nun in die Zukunft?

Thorsten Flasch: Gerade vor dem Hintergrund einer derart volatilen Marktlage sind Prognosen natürlich schwierig und es gibt nicht viele belastbare Indikatoren, die verlässlich in eine bestimmte Richtung weisen. Trotzdem gehe ich davon aus, dass der Markt in naher Zukunft wieder anspringen wird, schlicht weil aus der Makroperspektive betrachtet ein enormer Bedarf an Bau- und Instandhaltungsleistungen besteht, gerade in unserer Heimat in Norddeutschland. Wer einmal mit offenen Augen durch die Region fährt, bemerkt sofort den Investitionsstau an unserer Infrastruktur, etwa im Brücken- und Betonbau. Auch die Wohnungsknappheit ist ein Dauerthema und wird uns noch lange beschäftigen. Der damit einhergehende Druck auf die politischen Entscheidungsträger dürfte über kurz oder lang so massiv werden, dass sich jede Regierung gezwungen sieht, entsprechende Anreize zu setzen, die dann zwangsläufig eine Erholung der Baukonjunktur zur Folge haben. Bleibt dies aus, könnten die Konsequenzen katastrophal sein, denn aufgrund der nachlaufenden Effekte haben zahlreiche Baugewerke wie Elektriker und Heizungsbauer derzeit immer noch volle Auftragsbücher, die sie abarbeiten können. Die aktuelle Abkühlung wird zeitversetzt aber auch sie treffen. Wenn die Gewerke, die im Bausektor am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, dann jedoch immer noch nur unzureichend ausgelastet sind, wird das gesamtwirtschaftliche Loch noch viel größer. Das muss durch entschlossen gesetzte politische Rahmenbedingungen unbedingt verhindert werden.

Wirtschaftsforum: Welche Wünsche würden Sie an die politischen Entscheidungsträger richten?

Thorsten Flasch: Die Probleme, denen wir heute gesamtwirtschaftlich begegnen, sind aus meiner Sicht nicht allein der aktuellen Bundesregierung anzulasten, sondern systemischer Natur. Aufgrund dieser Komplexität möchte ich auch nicht mit den handelnden Personen in Berlin tauschen – denn die Herausforderungen sind immens. Trotzdem wünsche ich mir eine stärkere Beachtung der Bedürfnisse des Mittelstands, der in Deutschland weiterhin den zentralen Motor unserer Volkswirtschaft bildet, oft aber weniger Beachtung findet als große Konzerne. Im gelebten Alltag begegnen wir dabei vielen konkreten Schwierigkeiten: Die Genehmigungsverfahren dauern zu lange, die Bürokratie ist zu kleinteilig und die Rahmenbedingungen für Investitionen sind für viele Eigenkapitalgeber nicht attraktiv genug. Das zu verändern, wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

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