„Durch Digitalisierung wird der Mittelstand mündiger!“
Interview mit Stefan Wahle, General Manager der Wolters Kluwer Tax & Accounting Deutschland GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Wahle, seit Jahrzehnten beschäftigt sich Wolters Kluwer mit der Digitalisierung von Steuerberatungskanzleien und ihrer Schnittstelle zu mittelständischen Unternehmen. Wie spannend waren die vergangenen Jahre für Sie?
Stefan Wahle: Natürlich haben wir jede Menge technologischen Fortschritt erlebt und viele gesetzliche Neuerungen, bei denen unsere Plattformen und Prozesse gefordert waren, etwa die Mehrwertsteueranpassungen während und nach der Pandemie oder die Grundsteuerreform. Hier konnten wir mit unseren Produktlösungen zwischen Unternehmen und ihren Steuerberatern die Zusammenarbeit spürbar erleichtern.
Wirtschaftsforum: Die nächste große Neuerung steht mit der E-Rechnung an – auch wenn es um dieses Thema in der allgemeinen Berichterstattung noch auffällig ruhig ist.
Stefan Wahle: Zum 1. Januar 2027 müssen Unternehmen mit einem Vorjahresumsatz von mehr als 800.000 EUR im B2B-Kontext grundsätzlich E-Rechnungen versenden. Für Unternehmen mit einem Vorjahresumsatz bis 800.000 EUR gilt die Übergangsregelung noch bis Ende 2027. Wenngleich man neuen regulatorischen Vorschriften durchaus skeptisch gegenüberstehen darf, erwarte ich mir von der stärkeren Verbreitung der E-Rechnung nachhaltige Vorteile. Vielleicht kann sie sogar zum Digitalisierungsturbo für den Mittelstand werden, weil sie den gesamten Markt zu effizienteren Prozessen zwingt. Wenn am Ende dieses Prozesses auch ein flächendeckendes Meldesystem in Deutschland eingeführt wird, wie es etwa in Italien bereits besteht, könnte dies zudem eine wirksame Maßnahme zur Bekämpfung des Umsatzsteuerbetrugs sein.
Wirtschaftsforum: Was müssen die Betriebe jetzt tun?
Stefan Wahle: Wer Mandant einer Kanzlei ist, die unser System ADDISON Direkt einsetzt, kann sich entspannt zurücklehnen. Wir haben Mitte des Jahres eine entsprechende Lösung auf den Markt gebracht – auch wenn sich 80% aller Unternehmen noch gar nicht mit dem Thema beschäftigt haben. Dazu kommt es zumeist erst im allerletzten Quartal vor der Einführung. Das lehren zumindest unsere Erfahrungen aus Spanien, Belgien und Italien.
Wirtschaftsforum: Ist KI ein weiterer Digitalisierungsturbo im Tax- und Accounting-Bereich?
Stefan Wahle: Disruptionen haben es an sich, dass man die daraus entstehenden kurzfristigen Veränderungen oft überschätzt, den langfristigen Wandel hingegen unterschätzt. Das dürfte auch auf KI zutreffen. Ein Ende des Steuerberaterberufs, wie wir ihn kennen, sehe ich aber auch auf längere Sicht nicht. Denn selbst wenn sich viele Prozesse in der Buchhaltung durch die Digitalisierung straffen oder sogar vollständig automatisieren lassen, dürften viele Betriebe in diesen Bereichen auch künftig auf professionelle Unterstützung setzen. Genauso wird in den Kanzleien schon aus Haftungsgründen weiterhin ein Human in the Loop involviert bleiben. KI wird vermutlich vor allem durch einen immer höheren Automatisierungsgrad grundlegende Veränderungen herbeiführen und die Effizienz steigern. Dadurch werden wiederum Ressourcen für das Kanzleipersonal frei, um mehr Mandanten zu betreuen und weiter zu wachsen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels, der auch Steuerberater und Wirtschaftsprüfer erfasst hat, sind das gute Nachrichten.
Wirtschaftsforum: Wie wird sich Wolters Kluwer vor diesem Hintergrund verändern?
Stefan Wahle: Es wird viele Start-ups geben, die sich darauf konzentrieren, einzelne Teilprozesse mit spezifischen KI-Tools zu automatisieren – Impulse, die die Branche dankbar aufnehmen wird. Durch unsere tiefe und jahrzehntelange Verankerung in den Workflows fällt unserem Unternehmen jedoch eher die Aufgabe zu, mit unserer laufend gepflegten Berechnungslogik weiterhin eine verlässliche regulatorische Ausführung zu gewährleisten. Denn auch wenn wir unsere Lösungen um KI-Systeme ergänzen, müssen am Ende nachvollziehbare, deterministische und damit auch rechtssichere Ergebnisse stehen.
Wirtschaftsforum: Gleichzeitig befindet sich der Steuerberatermarkt in einer zunehmenden Konsolidierungsphase.
Stefan Wahle: Diese wird auch durch Private Equity-Kapital gestützt – eine Entwicklung, die das Fremdbesitzverbot nicht zum Erliegen bringen dürfte. Für Wolters Kluwer ergeben sich daraus weitere Wachstumschancen. Natürlich werden wir unsere Lösungen auch künftig bei einzelnen Kanzleien platzieren. Durch die Zusammenarbeit mit starken Marktkonsolidatoren werden wir unsere Breitenwirkung aber noch verstärken können.
Wirtschaftsforum: Wie profitiert der Mittelstand von den Digitalisierungsimpulsen durch KI, E-Rechnung und effiziente Plattformlösungen?
Stefan Wahle: Der Mittelstand wird dadurch mündiger werden, weil er in einen ganz anderen Dialog mit seinen Steuerberatern eintreten und so noch stärker von deren Beratungskompetenz profitieren kann. Diesen Wandel wollen wir bei Wolters Kluwer gern begleiten. Schließlich sind wir selbst ein mittelständisches Unternehmen und gleichzeitig in internationale Konzernstrukturen eingebunden, auf deren Basis wir auf umfassendes Wissen aus dem Ausland zurückgreifen können. Das wird uns auch in Zukunft stark machen.











