Eine Sprache für die vernetzte Welt
Interview mit Sebastian Hilscher, CEO der Hilscher Gesellschaft für Systemautomation mbH

Wirtschaftsforum: Herr Hilscher, die industrielle Kommunikation gewinnt an Bedeutung. Ihr Unternehmen ist in diesem Markt ganz vorn dabei.
Sebastian Hilscher: Ja, wir haben uns durch richtige Firmenentscheidungen schrittweise an die Spitze des Marktes gesetzt. Das Unternehmen wurde vor 40 Jahren von meinem Vater gegründet und ich führe es seit 2020 in 2. Generation. In dieser Zeit hat sich Hilscher im Prinzip alle zehn Jahre neu ausgerichtet. Anfangs gab es ein reines Projektgeschäft rund um die Umsetzung von Bus-Kommunikation und das Schreiben erster Bus-Verbindungen. Mein Vater wollte jedoch mit eigenen Produkten am Markt auftreten und so boten wir erste Produkte für die industrielle Vernetzung an. Wir wurden zum Marktführer für industrielle PC-Karten. Industrie-PCs stellen allerdings nur einen Bruchteil der Geräte dar, welche in einem Netzwerk kommunizieren müssen. Im nächsten Schritt wollten wir unser Angebot daher von den Industrie-PCs auf weitere Geräte, etwa Sensoren, Antriebe und Gateways, ausweiten. Dazu mussten unsere Produkte allerdings kleiner werden. Das führte zur Entwicklung unseres ersten eigenen Multiprotokoll-Chip, dem netX. Im Markt ist mittlerweile eine ganze Familie an Netzwerkcontrollern unter diesem Namen bekannt und setzt heute Benchmarks für Industrievernetzung.
Wirtschaftsforum: Wer sind Ihre Kunden?
Sebastian Hilscher: Unsere Kunden sind die Komponentenhersteller für die Industrie. Die Hersteller dieser Geräte sind Experten darin, ihre Produkte wie Motoren, Sensoren, Steuerungen bestmöglich zu optimieren, aber die Kommunikation zwischen diesen Komponenten gehört nicht zu ihrem Kerngeschäft. Genau hier kommen wir ins Spiel: Wir sorgen dafür, dass die Daten zuverlässig dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Dass diese Technologie weltweit gefragt ist, beweisen rund 25 Millionen Netzwerkknoten, die bereits mit unserer netX-Technologie ausgestattet sind und in Maschinen und Anlagen rund um den Globus zum Einsatz kommen.
Wirtschaftsforum: Das ist eine beeindruckende Zahl. Wie steht Hilscher insgesamt in Zahlen da?
Sebastian Hilscher: Wir beschäftigen aktuell 420 Mitarbeiter weltweit und generieren einen Umsatz von 70 bis 100 Millionen EUR. 2020 bis 2023 hatten wir jedes Jahr ein Umsatzwachstum von 30%. Da war der Markt wirklich verrückt, weil alle dachten, die Bauteile würden knapp. Diese Situation ist in der Branche unter Chip-Allokation bekannt. Dann waren die Lager voll, aber inzwischen merken wir wieder eine stark anziehende Nachfrage. Nachdem im Januar, Februar zu lesen war, dass es wieder zu einer Chip-Allokation kommen könnte, haben unsere Kunden bestellt wie verrückt. Dadurch hatten wir im ersten Quartal dieses Jahres den gleichen Auftragseingang wie im ganzen Jahr 2024.
Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie sich am Markt im Vergleich zum Wettbewerb?
Sebastian Hilscher: Uns unterscheidet vom Wettbewerb, dass wir die komplette Verantwortung für die industrielle Kommunikation übernehmen. Wir liefern nicht nur den Chip, sondern auch die passende Software und Hardware, also die gesamte Lösung aus einer Hand. Unsere Kunden können sich dadurch auf ihr Kerngeschäft konzentrieren: Der Motorenhersteller entwickelt seinen Antrieb und wir sorgen dafür, dass dieser zuverlässig mit anderen Systemen kommuniziert. Und das in allen gängigen industriellen Netzwerkstandards wie PROFINET, EtherCAT und EtherNet/IP, ohne sich um die technologische oder regulatorische Komplexität samt Standards dahinter kümmern zu müssen.
Gerade beim Thema Security ist dieser ganzheitliche Ansatz wichtig, denn Sicherheit entsteht nur durch das Zusammenspiel von Hardware und Software. Wir liefern keine einzelnen Bausteine, sondern eine abgestimmte Lösung, mit der unsere Kunden ihre Maschinen sicher und zuverlässig vernetzen können. Ein großer Umbruch steht der Industrie in diesem Kontext mit dem Cyber Resilience Act (CRA) der Europäischen Union (EU) bevor. Gleichzeitig spüren wir den zunehmenden Preisdruck aus China sowie neue Herausforderungen durch Zölle und veränderte Lieferketten. Unternehmen müssen ihre Produktionsstandorte und Lieferwege heute deutlich flexibler gestalten. Deshalb wird es immer wichtiger, schnell reagieren und sich an neue Rahmenbedingungen anpassen zu können.
Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie das Wachstum für die kommenden Jahre?
Sebastian Hilscher: Unser klassischer Markt ist die Fabrikautomatisierung. Unsere Lösungen kommen weltweit in verschiedensten Anwendungen zum Einsatz – von Antrieben über Sensoren bis hin zu Steuerungen. Gleichzeitig sehen wir, dass sich bewährte Technologien aus diesem Bereich zunehmend auch in anderen Branchen etablieren, etwa in der Prozessautomatisierung, im Medical- oder im Defense-Bereich. Der Bedarf an Vernetzung und Digitalisierung wächst, und viele Branchen setzen dabei auf Lösungen, die sich in der Industrie bereits über Jahrzehnte gut bewährt haben.
Wirtschaftsforum: Was ist das mittel- oder langfristige Ziel?
Sebastian Hilscher: Ich sehe für uns große Wachstumschancen, weil immer mehr Märkte zusammenwachsen. Gleichzeitig wird Security immer wichtiger. Unser Fokus liegt deshalb darauf, international noch enger zusammenzuarbeiten. Wir haben dafür unsere Strukturen weiterentwickelt und wollen unsere weltweiten Standorte noch besser vernetzen, um unsere globalen Kunden einheitlich zu unterstützen. So können wir weiter wachsen und unsere Technologie noch stärker im Markt etablieren.









