Vom Versorger zum Umsorger
Interview mit Christian Schneider, Geschäftsführer der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim GmbH

Als Christian Schneider und sein Kollege Johannes Rager 2018 zur Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim GmbH (SWLB) wechselten und zwei Jahre später die Geschäftsführung übernahmen, war die Aufgabe klar: Das Unternehmen sollte fit für eine Zukunft werden, in der das traditionelle Gasgeschäft an Bedeutung verliert. „Wir hatten eine klare Vorstellung davon, wo die Reise hingeht“, sagt Christian Schneider. Die Strategie war langfristig angelegt: Neue Geschäftsfelder sollten erschlossen, die Infrastruktur modernisiert und zugleich die wirtschaftliche Basis gesichert werden. Dabei sollte die Transformation das gesamte Unternehmen erfassen.
Erweitertes Portfolio
Die Wurzeln der SWLB reichen mehr als 160 Jahre zurück. Aus dem einstigen Gasversorger hat sich Schritt für Schritt ein moderner Infrastrukturpartner entwickelt, ganz im Sinne des Leitgedankens „Vom Versorger zum Umsorger“. Die Anforderungen haben sich grundlegend verändert: Heute sind deutlich mehr Leistungen gefragt. Christian
Schneider ist überzeugt, dass Stadtwerke dafür umfassend aufgestellt sein müssen. Die Transformation ziele darauf ab, „die Gassparte, die uns wegfallen wird, aufzufangen“, erklärt er. Deshalb beschränkt sich das Unternehmen längst nicht mehr auf die Energieversorgung. Telekommunikation, Mobilität, digitale Dienstleistungen und weitere Angebote ergänzen das Portfolio und sollen neue Ertragssäulen schaffen.
Umfangreiche Investitionen
Der Umbau der SWLB ist mit erheblichem finanziellen Aufwand verbunden. „Wir haben festgestellt, dass wir knapp 1 Milliarde EUR benötigen, um das zu schaffen“, sagt der Geschäftsführer. Rund 400 Millionen EUR flossen seit 2018 bereits in Telekommunikation, Stromnetze, Wärme und Digitalisierung. Ludwigsburg möchte bis 2035 klimaneutral werden. Das Thema ist bei der SWLB schon lange in der DNA verankert: Die Stadtwerke ertüchtigen die Stromnetze, investieren in erneuerbare Erzeugungsanlagen wie Solarthermie, Biomethan und Holzheizkraftwerke und treiben den Ausbau der Fernwärme voran.
Neue Geschäftsfelder
Ein zentrales Standbein der Neuausrichtung ist der Glasfaserausbau. Rund 100 Millionen EUR investierten die SWLB, um nahezu jedes Gebäude in Ludwigsburg anzuschließen. Das neue Geschäftsfeld stärkt den Standort und soll den Rückgang des Gasgeschäfts teilweise ausgleichen. Inzwischen expandiert das Unternehmen in weitere Kommunen. „Glasfaser sichert auch für Kommunen den Standort“, betont Christian Schneider. Hinzu kommen Telekommunikationsleistungen, Rechenzentrumslösungen und Funktechnologien wie LoRaWAN. Auch in der Elektromobilität sind die Stadtwerke früh aktiv geworden: Rund 700 Ladepunkte sind bereits installiert, bis 2030 sollen es mehr als 1.000 sein. Bürgerbeteiligung, Kooperationen und Energiedienstleistungen ergänzen das breite Angebot der SWLB.
Zweite Transformationsphase
Mit der Digitalisierung hat die zweite Transformationsphase begonnen. Bis 2030 sollen rund 60% der wiederkehrenden Prozesse digitalisiert werden. Robotik und künstliche Intelligenz spielen dabei eine zentrale Rolle, jedoch ausdrücklich nicht mit dem Ziel, Arbeitsplätze abzubauen. Die digitalen Werkzeuge sollen Routineprozesse effizient abwickeln und die Mitarbeitenden entlasten. So können sie sich stärker auf anspruchsvolle Aufgaben konzentrieren und erhalten dafür Zugang zu sicheren unternehmenseigenen KI-Anwendungen und digitalen Werkzeugen.
Kultur des Wandels
Für Christian Schneider entscheidet nicht allein die Technik über den Erfolg einer Transformation. Ebenso wichtig ist es ihm, die Mitarbeitenden auf diesem Weg mitzunehmen. Neue Aufgabenprofile, Workshops, Strategietagungen und konsequentes Change-Management begleiten den Wandel. Auch die Personalabteilung versteht sich dabei nicht als reine Verwaltung, sondern als Dienstleister und aktiver Begleiter der Veränderung. „Kultur verändert sich nicht von heute auf morgen. Dafür muss man sich fünf Jahre Zeit nehmen“, sagt der Geschäftsführer. Veränderungen müssen immer wieder erklärt, Erfolge sichtbar gemacht und die Belegschaft aktiv eingebunden werden.
Solide Finanzierung
Der tiefgreifende Umbau gelingt nur mit einer langfristigen Finanzierung. Die Gesellschafter unterstützen den Kurs, indem Gewinne im Unternehmen verbleiben und zusätzlich Eigenkapitalinstrumente bereitgestellt werden. Gleichzeitig sorgen neue Geschäftsfelder für Wachstum. Der Umsatz stieg innerhalb von acht Jahren von rund 130 Millionen EUR auf etwa 350 Millionen EUR. Trotz hoher Investitionen, steigender Abschreibungen und zusätzlicher Personalkosten erzielte die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim GmbH stabile Ergebnisse: eine wichtige Voraussetzung für die weitere Transformation.
Klares Zielbild
Für die SWLB ist die Transformation kein abgeschlossenes Projekt. Eigenversorgung, Digitalisierung, neue Wettbewerber sowie politische und technologische Entwicklungen verändern den Energiemarkt laufend. Deshalb überprüft das Unternehmen seine Strategie regelmäßig und passt einzelne Maßnahmen neuen Rahmenbedingungen an. Die grundsätzliche Richtung bleibt jedoch bestehen. Für Christian Schneider kommt es darauf an, Veränderungen frühzeitig aufzugreifen, ohne dabei den langfristigen Kurs aus den Augen zu verlieren: „Man braucht ein Zielbild vor Augen und darf sich nicht links oder rechts aus der Bahn werfen lassen.“












