Eine Heldenreise für den Rallye-Sport

Interview mit Jona Siebel, CEO der WRC Promoter GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Siebel, seit 2013 verantwortet Ihr Unternehmen die weltweite Vermarktung der FIA World Rally Championship, der zweitgrößten Motorsportserie im Vierradbereich überhaupt. Was zeichnet diese Sportart aus?

Jona Siebel: Ich habe schon mit einigen Formel1-Fahrern gesprochen, die mir gegenüber unumwunden zugegeben haben, dass bei der WRC die besten Autofahrer der Welt antreten – schlicht weil die technischen und fahrerischen Herausforderungen unter den konkreten Rahmenbedingungen unserer Veranstaltung unfassbar komplex sind. Ich selbst konnte dieses unbeschreibliche Gefühl einmal als Beifahrer von Elfyn Evans, einem der großen Stars unseres Sports, hautnah erfahren, als wir mit beinahe 200 km/h durch die elsässischen Wälder geflitzt sind – in diesem Moment habe ich kaum für möglich gehalten, dass das, was ich gerade erlebte, wirklich real war. Das war eine hohe Kunst.

Wirtschaftsforum: Bei dieser Emotionalität dürfte die Vermarktung der WRC ein Selbstläufer sein.

Jona Siebel: Nicht ganz – denn die Dramaturgie ist bei unseren Rallyes weniger stringent als bei anderen Motorsportarten. Anders als bei Rundstreckenrennen wie der Formel 1, wo die Fahrer gegeneinander antreten, fahren unsere Sportler mit ihren Co-Piloten gegen die Zeit und die Unwägbarkeiten der natürlichen Streckenumgebung – „Man and Machine against Time and the Elements“ lautet unser Motto. Doch das passiert eben nicht an einem zentralen Ort, sondern verstreut über mehrere Strecken, sogenannte Stages, auf denen die einzelnen Wertungsprüfungen stattfinden – einzig der Service-Park, der zentrale Ausgangspunkt und Reparatur-Hub der Fahrzeuge, fungiert als wichtiges Bindeglied, weshalb wir diesen Ort in Zukunft noch viel emotionaler bespielen werden. Dabei setzen wir sowohl live vor Ort als auch im Broadcast-Bereich zunehmend auf wichtige technologische Innovationen – so haben wir dieses Jahr zum ersten Mal eine Highspeed-Drohne eingesetzt, mit der wir das fahrende Auto aus einer ganz neuen Perspektive zeigen konnten. Gemeinsam mit unserem Produktionsdienstleister NEP ist es uns mithilfe eines Flugzeugs, das 10 km über dem Boden kreist, zudem gelungen, ein System zu etablieren, mit dem wir jede einzelne Stage live abbilden können – ein absoluter Gamechanger bei unseren Übertragungen.

Wirtschaftsforum: Wie wollen Sie die Emotionalität dieser Sportart in ihrer Gesamtheit fassbar machen?

Jona Siebel: Führen wir uns einmal exemplarisch den deutschen Sportmarkt vor Augen: Da gibt es Fußball, Fußball und Fußball und irgendwann kommt dann vielleicht die NFL, die vor einigen Jahren insbesondere vom jungen Publikum entdeckt wurde. Einzelsportarten funktionieren fast nur über bekannte Namen, die mit besonders herausragenden Leistungen in Verbindung gebracht werden – denken Sie an Superstars wie Boris Becker, Steffi Graf oder Jan Ulrich. Ohne eine klare Emotionalität und eine packende Geschichte um einen Sportler und seine Weltklasse-Skills wird sich also kaum eine signifikante Breitenwirkung erzielen lassen – das ist eine wichtige Lehre, die wir aus dieser Beobachtung ziehen, und zwar nicht nur für den deutschen Markt, sondern weltweit. Deshalb wollen wir unsere Fahrer noch viel stärker in den Fokus rücken und sie auf einer emotional packenden Ebene einem breiten Publikum vorstellen.

Wirtschaftsforum: Gerade jüngere Zuschauer konsumieren ihren Content gerne snackable – ist das mit Sportgroßveranstaltungen überhaupt in einen sinnvollen Einklang zu bringen?

Jona Siebel: Natürlich bevorzugen verschiedene Zielgruppen unterschiedliche Darstellungsformen, und die Medienlandschaft durchläuft aufgrund der enormen Fragmentierung der Sehgewohnheiten ohnehin einen tiefgreifenden Transformationsprozess – darauf stellen wir uns selbstverständlich ein, nicht zuletzt mit unserer eigenen OTT-Plattform, auf der wir unsere emotionale Ansprache konsequent leben. Gerade mit gut erzählten Heldengeschichten erreicht man aber auch das junge Publikum – denken Sie nur an das Phänomen Taylor Swift, die eine gigantische globale Fangemeinde geradezu elektrisiert, weil sie authentisch und nahbar ist, ein Lebensgefühl transportiert, eine Haltung und ein enormes Talent hat. Um eine derart spannende Heldenreise erzählen zu können, brauchen wir natürlich die richtigen Persönlichkeiten in unseren Autos und werden in Zukunft auch gerne andere Celebrities wie bekannte YouTuber als Co-Driver zu ihnen auf den Beifahrersitz setzen und sie hinterher von ihren beeindruckenden Erlebnissen erzählen lassen. Diese Synergien mit anderen Entertainment-Segmenten wollen wir konsequent ausspielen, um die Motorsportmarke WRC verstärkt in eine Entertainment-Brand zu transformieren. Das wird natürlich nur mit einer breiten und entsprechend komplexen Marketingstrategie funktionieren – aber diese Herausforderung nehmen wir gerne an.

Interview:

Manfred Brinkmann
und Dr. Endre Hagenthurn

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Mehr als Farbe

Interview mit Heiko Reinhardt, Geschäftsführer der Farben Reinhardt GmbH & Co. KG

Mehr als Farbe

Vom Malerbetrieb über Trockenbau und Bodenarbeiten bis zum eigenen Lackierzentrum: Die Farben Reinhardt GmbH & Co. KG aus Stadtallendorf deckt ein ungewöhnlich breites Spektrum ab. Geschäftsführer Heiko Reinhardt setzt dabei…

Recycling, das sich auszahlt

Interview mit Andreas Gietzen, Geschäftsführer der HAHN Kunststoffe GmbH

Recycling, das sich auszahlt

Kreislaufwirtschaft bedeutet, Ressourcen neu zu denken: Was für den einen Abfall ist, kann für den anderen ein wertvoller Rohstoff sein. Lange bevor Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung zu zentralen Zukunftsthemen wurden, hat…

Glasfaser mit kurzen Wegen

Interview mit Marc Blechschmidt, Geschäftsführer der FNOH-DSL Südheide GmbH

Glasfaser mit kurzen Wegen

Was 2004 als private Initiative für eine Internetversorgung per Funk begann, ist heute ein regionaler Glasfaserversorger. Die FNOH-DSL Südheide GmbH plant, baut und betreibt ihre Infrastruktur selbst. Geschäftsführer Marc Blechschmidt…

Spannendes aus der Region München

KI als Wachstumsmotor für den Mittelstand

Interview mit Florian Schick, Managing Partner und Gründer der BU Bregal Unternehmerkapital GmbH

KI als Wachstumsmotor für den Mittelstand

Der deutsche Mittelstand steht unter Druck und verfügt zugleich über große Chancen. Für Florian Schick, Managing Partner und Mitgründer von BU Bregal Unternehmerkapital, liegt eine der größten in der künstlichen…

Ein One-Stop-Shop für die Industrie von morgen

Interview mit Hermann W. Reiter, Geschäftsführer der DigiKey Germany GmbH

Ein One-Stop-Shop für die Industrie von morgen

Wer neue Elektronik entwickelt, benötigt Bauteile oft sofort – zunächst jedoch nur in kleinen Stückzahlen. Genau darauf ist DigiKey spezialisiert. Der Digitaldistributor bietet mehr als 17,4 Millionen Produkte von über…

Unternehmen retten. Zukunft sichern.

Interview mit Martin Scheiblegger, CEO der Accursia Capital GmbH

Unternehmen retten. Zukunft sichern.

Wenn ein Unternehmen in schwierige Situationen gerät, braucht es mehr als Kapital. Es braucht Verantwortung, Erfahrung und Vertrauen. Die Accursia Capital GmbH aus München steht für die nachhaltige Stabilisierung mittelständischer…

Das könnte Sie auch interessieren

Architektur zwischen Madrid und ­Berlin

Interview mit Anja Lunge, Architektin und Nanna Wülfing, Architektin bei Nieto Sobejano Arquitectos

Architektur zwischen Madrid und ­Berlin

Ursprünglich kamen die spanischen Architekten Enrique Sobejano und Fuensanta Nieto für ein Projekt in Halle (Saale) nach Deutschland: Heute ist ihre Berliner Niederlassung größer als ihr ursprüngliches Madrider Büro. Warum…

Hamburger Mittelstand, globaler Maßstab

Interview mit Benjamin Barnack, Geschäftsführer der hey contact heroes GmbH

Hamburger Mittelstand, globaler Maßstab

Die Arbeitswelt hat sich verändert – und mit ihr der Kundenservice. Während viele Unternehmen noch darüber diskutieren, wie viel KI sinnvoll ist, verbindet die hey contact heroes GmbH längst globale…

Saubere Lösungen für komplexe Anforderungen

Interview mit Samuel Simon, Geschäftsführer der Schwarzwälder Service GmbH & Co. KG

Saubere Lösungen für komplexe Anforderungen

Die Gebäudereinigungsbranche befindet sich im Wandel. Digitalisierung, Automatisierung und steigende Qualitätsansprüche verändern das Geschäft ebenso wie der zunehmende Fachkräftemangel. Die Schwarzwälder Service GmbH & Co. KG begegnet diesen Herausforderungen mit…

TOP