„Krankheiten warten nicht!“

Interview mit Joachim Dehmel, CEO der THUASNE DEUTSCHLAND GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dehmel, schon seit etlichen Jahren ist THUASNE neben seinem Heimatmarkt Frankreich in über 80 weiteren Ländern aktiv und hat sich dabei vor allem im Orthopädie- und Kompressionsbereich einen Namen gemacht. Welche Leistungen decken Sie dabei genau ab?

Joachim Dehmel: Am bekanntesten sind sicherlich weiterhin unsere orthopädischen Produkte und Bandagen, die bei Beschwerden am Sprung-, Knie- und Handgelenk sowie am Rücken und Ellenbogen – etwa beim klassischen Tennisarm – zum Einsatz kommen. Neben Produkten für akute Beschwerden haben wir zudem Lösungen für die Behandlung chronischer Erkrankungen, etwa im Fall der Osteoarthritis, entwickelt, durch die möglicherweise auch die Erforderlichkeit von chirurgischen Eingriffen weiter hinauszögert oder gar vollends verhindert werden kann. Im klassischen Kompressionsbereich arbeiten wir in unserer Rolle als Marktführer sehr eng mit zahlreichen Verbrennungszentren zusammen, wo wir mit unseren maßgefertigten Produkten dafür sorgen können, dass Narben möglichst geschmeidig und flach bleiben – hier hat sich in zahlreichen Studien gezeigt, dass ein gewisser Druck auf die Narbe ab einem bestimmten Genesungsstadium den weiteren Heilungsverlauf beschleunigen kann und zudem einem guten kosmetischen Ergebnis förderlich ist.

Diese jahrzehntelange Kompressionsexpertise können wir inzwischen auch in angrenzende Bereiche wie die Lymphologie, Phlebologie sowie die Behandlung von Lipödemen übertragen.

Wirtschaftsforum: Darüber hinaus gilt THUASNE als ausgewiesener Experte im Breast-Care-Segment.

Joachim Dehmel: Auch hier konzentrieren wir uns auf die Entwicklung und Herstellung nicht-invasiver Produkte, die auf der Haut getragen werden. Dabei beschränkt sich unser Engagement nicht allein auf entsprechende Epithesen, die in angenehmer Weise die ektomierte Brust nachempfinden. Vielmehr können wir dank unserer gewachsenen Erfahrung im Kompressions- und Narbenbereich zudem Lösungen anbieten, die bei häufig auftretenden Komplikationen lange nach dem eigentlichen chirurgischen Eingriff unterstützen können: So entwickeln über 30% aller brustoperierten Frauen ein Ödem an ihrem Arm, das mit unserer Kompressionsbekleidung gut und einfach behandelbar ist. Aufgrund unseres umfassenden Verständnisses des vollständigen Krankheitsbildes können wir so unser Produktportfolio beständig weiterentwickeln, um den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten in ihrer Gesamtheit Rechnung zu tragen.

Wirtschaftsforum: Mit welchen weiteren Verbesserungen ist dabei perspektivisch zu rechnen?

Joachim Dehmel: Ein wichtiger Ansatz liegt sicherlich in der weiteren Förderung und Bestärkung der Patienten-Compliance – denn eine Vielzahl aller verordneten Kompressionsartikel endet in irgendeiner Kommodenschublade, ohne jemals getragen zu werden, womit dann natürlich auch keinerlei Wirksamkeit gegeben ist. Deshalb arbeiten wir beständig an modernen Veredelungsformen und neuen Materialien, um die Produkte weicher und komfortabler zu gestalten und das selbstständige Anziehen zu erleichtern – ein Thema, das vor dem Hintergrund der weiteren Verlagerung von stationären hin zu ambulanten Eingriffen noch stärker an Bedeutung gewinnt. Schließlich kann sich die Patientin dann bei den ersten Anwendungen nicht mehr auf die Übernahme durch geschultes Pflegepersonal in einem klinischen Umfeld verlassen, sondern muss vom ersten Schritt an selbstständig tätig werden. Dass unsere Produkte so leicht zu benutzen sind wie möglich, ist heute also wichtiger als je zuvor.

Wirtschaftsforum: Welche Veränderungen kann dabei auch die Digitalisierung anstoßen?

Joachim Dehmel: In Zukunft wird es sicherlich die Möglichkeit geben, unsere Produkte mit entsprechenden Sensoren auszustatten, durch welche über eine App-Lösung angezeigt werden kann, ob das jeweilige Hilfsmittel noch nicht lange genug oder gar zu lange getragen wurde und nun ausgezogen oder in eine andere Position gebracht werden muss, beziehungsweise wie stark etwa das Knie in der jeweiligen postoperativen Woche belastet oder gebeugt werden darf. Hier verfolgen wir derzeit eine Vielzahl an unterschiedlichen Ansätzen mit bisher äußerst positivem Feedback von den Anwendern. Dementsprechend sind wir überzeugt, hier einen wichtigen Hebel gefunden zu haben, um medizinischen Mehrwert durch einen schnelleren Heilungserfolg weiter zu erhöhen.

Wirtschaftsforum: Die Coronapandemie hat gerade in der patientennahen Medizin ein beachtliches Maß an Fragilität offenbart – wie hat THUASNE diese Zeit erlebt?

Joachim Dehmel: Sportinduzierte Akutverletzungen sind natürlich merklich zurückgegangen. Chronische Erkrankungen hingegen machten vor der Pandemie nicht Halt und müssen konsequent therapiert werden. Unser großer Vorteil in dieser Zeit war unser breites, auf diverse Krankheitsbilder ausgerichtetes Portfolio, was uns sehr versorgungsunabhängig gemacht hat. Diese Unabhängigkeit und Verlässlichkeit sind schon immer zentrale Elemente unseres Wertekanons gewesen. Da wir unsere eigenen Supply Chains auf ein Höchstmaß an Sicherheit ausgelegt haben, konnte THUASNE auch in der Folge des Ukrainekonfliktes durchweg lieferfähig bleiben, was angesichts unseres Leistungsspektrums auch alternativlos ist – denn die Krankheit kann eben nicht warten. Nichtsdestotrotz war die Fragilität der medizinischen Versorgung in dieser Zeit bisweilen besorgniserregend – und führt hoffentlich zu einem stärkeren Bewusstsein für ihre unverrückbare Notwendigkeit in unserem Alltag!

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