Vielfalt in 3D
Interview mit Niels Stenzel, stellvertretender Geschäftsführer der SHINING 3D Technology GmbH

Von zwei auf rund 95 Mitarbeitende in weniger als zehn Jahren: Als Niels Stenzel 2017 zu SHINING 3D kam, war er der zweite Mitarbeiter der erst ein Jahr zuvor gegründeten deutschen Gesellschaft. Heute verantwortet er den Standort in einem der wichtigsten Märkte des international tätigen Technologieunternehmens. Deutschland war 2016 die erste Niederlassung außerhalb Asiens; inzwischen sind in Stuttgart neben Vertrieb, Service und Anwendungstechnik auch Forschung und Entwicklung angesiedelt. Weltweit beschäftigt SHINING 3D mehr als 1.300 Mitarbeitende und erzielt rund 221 Millionen USD Umsatz. „Mit der Gründung der deutschen Gesellschaft konnten wir in Deutschland und Europa noch näher an unseren Kunden und Partnern sein und eigene Strukturen aufbauen“, sagt Niels Stenzel. Diese Nähe ist bis heute entscheidend: „Unsere Kunden wissen, dass Service und Support direkt aus Deutschland kommen – und die meisten unserer Kunden kennen wir auch persönlich.“
Breite als Stärke
Dentaltechnik und Automobilindustrie, Orthopädie und Maschinenbau, Energie sowie zivile Luft- und Raumfahrt: Die Bandbreite der Anwendungen ist groß. „Eine unserer großen Stärken ist, dass wir so breit aufgestellt sind“, sagt der Standortleiter. „Unser breites Portfolio hat unser Geschäftsmodell widerstandsfähiger und flexibler gemacht.“ Gerade in den vergangenen Jahren mit steigenden Kosten, unterbrochenen Lieferketten und geopolitischen Unsicherheiten hat sich die Diversifizierung bewährt. Schwächelt ein Markt, können andere Bereiche dies auffangen. Die unterschiedliche Dynamik der Märkte eröffnet SHINING 3D zusätzliche Wachstumsperspektiven. So hat sich die Dentaltechnik zu einem der wichtigsten Standbeine entwickelt: In diesem Bereich zählt das Unternehmen inzwischen zu den Marktführern.
Digital und intelligent
Digitale Prozesse bilden die Grundlage der Anwendungen bei SHINING 3D – von der industriellen Messtechnik bis zur Dentaltechnik. Zugleich gewinnt künstliche Intelligenz an Bedeutung. Im Dentalbereich wird sie bereits konkret eingesetzt, etwa um Bild- und Scandaten automatisiert zu bereinigen und den Zahnstatus zu analysieren. So lassen sich nicht nur Abläufe beschleunigen, sondern auch Ergebnisse konsistenter auswerten und Anwender entlasten. In der industriellen Messtechnik steht der KI-Einsatz noch am Anfang, soll künftig aber ebenfalls dazu beitragen, Abläufe zu vereinfachen und stärker zu automatisieren. Für SHINING 3D ist KI damit weniger ein eigenständiges Thema als vielmehr ein weiterer Baustein auf dem Weg zu leichter nutzbaren 3D-Lösungen.
Vom Scan zum Produkt
In der Dentaltechnik spielt der Intraoralscanner eine zentrale Rolle: Er erfasst Zähne und Strukturen direkt im Mund des Patienten digital. Darauf bauen weitere Anwendungen auf – etwa Aligner sowie Schienen gegen Zähneknirschen. In Verbindung mit 3D-Druckern kann SHINING 3D große Teile der Prozesskette vom Scan bis zum fertigen Produkt mit eigenen Lösungen abbilden. Eine aktuelle Entwicklung ist die Video-Fotogrammetrie, eine hochpräzise Technologie aus der industriellen Messtechnik, die für diesen Bereich nutzbar gemacht wurde. „Wir betreiben viel Cross R&D“, sagt Niels Stenzel. „Technologien, die wir in der hochpräzisen industriellen Messtechnik einsetzen, können wir auf unser Dentalgeschäft übertragen.“
Einfach in der Anwendung
Technologische Präzision und einfache Anwendung sollen bei SHINING 3D Hand in Hand gehen – „Ease of Use“. „Wir wollen, dass jeder unsere Produkte ohne großen Aufwand, langwierige Trainings und wochenlanges Lernen benutzen kann“, sagt der Standortleiter. In der industriellen Messtechnik zeigt sich, was das konkret bedeutet. 3D-Scanner erfassen Bauteile optisch und machen Produktionsabweichungen sichtbar. Neuere Geräte können die Auswertung direkt anzeigen. So können Mitarbeitende in der Wareneingangskontrolle ein Bauteil scannen und unmittelbar erkennen, ob es den Vorgaben entspricht oder genauer geprüft werden muss. Der nächste Schritt besteht darin, solche Abläufe zunehmend zu automatisieren.
Messen auf Knopfdruck
„Viele Kunden wollen den Knopfdruck: Bauteil drauflegen, messen und am Ende den Report bekommen.“ Was Niels Stenzel so einfach beschreibt, ist ein wichtiger Entwicklungsschwerpunkt – und zugleich eine Antwort auf den Fachkräftemangel. Sensorik und Scanner lassen sich beispielsweise mit Cobots verbinden, die Bauteile automatisiert vermessen und den Messvorgang zuverlässig wiederholen. Das beschleunigt die Qualitätskontrolle und reduziert den Bedarf an spezialisierten Fachkräften. Wachstumspotenzial sieht SHINING 3D unter anderem im Energiesektor, wo etwa Turbinenschaufeln regelmäßig inspiziert und vermessen werden müssen. Auch Medizin und Orthopädietechnik sowie die zivile Luft- und Raumfahrt sollen in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen.
Digital statt wegwerfen
Einmal gescannt, dauerhaft verfügbar: Digitale Zwillinge ermöglichen es, Bauteile auch später noch auszuwerten – ohne weiteren Transport und ohne das physische Teil erneut vermessen zu müssen. Wurde bei der ersten Auswertung ein bestimmtes Maß nicht berücksichtigt, lassen sich die vorhandenen Scandaten einfach erneut heranziehen. „Wir haben diesen digitalen Zwilling immer“, erklärt der Standortleiter. „Ich kann die Scandaten öffnen und auch Maße nachträglich ermitteln, die ich anfangs vielleicht noch nicht für wichtig gehalten habe.“ Gleichzeitig helfen präzise digitale Messungen, Fehler frühzeitig zu erkennen, Ausschuss zu reduzieren und Entwicklungszyklen zu verkürzen. Auch beim Reverse Engineering eröffnen sich neue Möglichkeiten: Alte oder beschädigte Bauteile, für die keine Zeichnungen oder 3D-Daten mehr existieren, lassen sich einscannen, digital rekonstruieren und anschließend neu fertigen oder 3D-drucken. Das gilt für Komponenten in Flugzeugen oder Autos ebenso wie für Alltagsgegenstände. Selbst ein nicht mehr erhältliches Ersatzteil einer Kaffeemaschine kann so reproduziert werden, statt das gesamte Gerät zu ersetzen.
Mehr Raum in Stuttgart
In Stuttgart schafft SHINING 3D derzeit die Voraussetzungen für weiteres Wachstum: Die Betriebsfläche wird auf mehr als 5.000 m2 erweitert. Neben Forschung und Entwicklung soll dort künftig auch eine kleinere Produktion entstehen. „Wir wollen auch lokal direkt verfügbar sein“, sagt Niels Stenzel. Eine stärkere Produktion in Deutschland soll helfen, Abhängigkeiten von Lieferketten und geopolitischen Entwicklungen zu reduzieren. Parallel verstärkt SHINING 3D seine Präsenz in wichtigen Zukunftsmärkten. Neben der DACH-Region rückt innerhalb Europas insbesondere Osteuropa stärker in den Fokus; auch Asien und die USA bleiben wichtige Märkte.
Technologie für viele
Wachstum allein ist nicht das Ziel von SHINING 3D. Die Vision reicht weiter: 3D-Technologie soll einfacher, erschwinglicher und damit für immer mehr Anwender nutzbar werden. Wohin das führen könnte, macht der Standortleiter an einem alltäglichen Beispiel deutlich. Statt einen Raum künftig mit Zollstock oder Maßband auszumessen, könnte ein 3D-Scanner einen digitalen Zwilling erstellen, auf dessen Grundlage sich etwa eine Küche planen lässt. Was heute vor allem in Industrie, Medizin oder Dentaltechnik eingesetzt wird, könnte damit zunehmend Einzug in den Alltag halten. Seit 2017 erlebt Niels Stenzel die Entwicklung von SHINING 3D aus nächster Nähe. In dieser Zeit ist nicht nur der deutsche Standort stark gewachsen; auch die Einsatzmöglichkeiten der Technologie sind immer vielfältiger geworden. Gerade die Verbindung aus Unternehmensentwicklung und neuen Anwendungen macht für ihn den Reiz seiner Aufgabe aus. Dahinter steht eine klare persönliche Überzeugung: „Mir ist wichtig, dass technologische Innovationen für einen möglichst breiten Anwenderkreis zugänglich werden. Präzise 3D-Technologien dürfen kein exklusives Werkzeug für Großunternehmen oder spezialisierte Labore bleiben.“












