Mit KI auf dem Prüfstand
Interview mit Dr. Christian Artmann, CEO der ibg Prüfcomputer GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Artmann, was macht die ibg Prüfcomputer GmbH eigentlich?
Christian Artmann: Wir beschäftigen uns mit zerstörungsfreier Materialprüfung. Konkret prüfen wir die Mikrostruktur von Metallen sowie Oberflächenfehler wie Risse oder Schleifbrand mittels Wirbelstromtechnik. Vereinfacht gesagt vergleichen wir Bauteile mit einem definierten Gutzustand und erkennen Abweichungen sehr zuverlässig. Unsere Systeme kommen überall dort zum Einsatz, wo Sicherheit und Qualität entscheidend sind – vom Automobil über die Luftfahrt bis hin zur Bahnindustrie. Wir nennen es ‘präventive Prüfung’.
Wirtschaftsforum: Das klingt nach einer sehr speziellen Nische.
Christian Artmann: Das stimmt. Gleichzeitig begegnet man unseren Technologien häufiger, als man denkt. Nahezu alle sicherheitsrelevanten Metallkomponenten werden heute geprüft. Bei Schrauben behaupte ich beispielsweise gern, dass der Großteil der Schrauben in modernen Fahrzeugen irgendwann durch unsere Systeme gelaufen ist.
Wirtschaftsforum: Wie ist das Unternehmen entstanden?
Christian Artmann: Die Wurzeln reichen mehr als 40 Jahre zurück. Firmengründer Herbert Baumgartner hat damals erkannt, dass die vorhandenen Wirbelstrom-Prüfsysteme zwar leistungsfähig, aber zu kompliziert waren. Sein Ziel war es, diese Prüfung auch für Anwender nutzbar zu machen, die keine hoch spezialisierten Experten sind. Dieser Gedanke prägt uns bis heute.
Wirtschaftsforum: Sie sprechen oft davon, dass ibg eigentlich ein Softwareunternehmen ist. Warum?
Christian Artmann: Weil die Intelligenz unserer Systeme in der Software steckt. Wir verkaufen zwar Hardware, aber der eigentliche Mehrwert liegt darin, Komplexität zu reduzieren und Prüfprozesse zu automatisieren. Von unseren rund 50 Mitarbeitenden arbeitet ein erheblicher Teil in der Softwareentwicklung. Die Hardware ist letztlich nur die Plattform für unsere Algorithmen.
Wirtschaftsforum: Wie hebt sich ibg von anderen Anbietern ab?
Christian Artmann: Ein wesentliches Merkmal ist die einfache Bedienbarkeit. Intern vergleichen wir uns gern mit einem Kaffeevollautomaten. Man kann natürlich auch die Barista-Version wählen und
alles selbst einstellen. Damit steigt aber auch die Fehleranfälligkeit. Unsere Systeme liefern reproduzierbare Ergebnisse – unabhängig davon, wer sie bedient. Daneben sind unsere Prüfcomputer besonders leicht in komplexe Produktionsanlagen integrierbar. Genau dafür sind wir im Markt bekannt.
Wirtschaftsforum: Welche technologische Entwicklung ist aktuell besonders wichtig?
Christian Artmann: Ein großer Meilenstein ist unsere neue KI-basierte Lösung zur Vorhersage von Härte und Härteverläufen metallischer Bauteile. Bislang mussten solche Prüfungen zerstörend durchgeführt werden. Mit unserer Technologie können wir diese Informationen aus den Wirbelstromsignalen ableiten. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die Qualitätskontrolle.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bei ibg insgesamt?
Christian Artmann: KI ist für uns ein Werkzeug, aber kein Selbstzweck. In einigen Bereichen sind unsere klassischen Algorithmen nach wie vor schneller als heutige KI-Lösungen. Dort, wo KI einen echten Mehrwert schafft, etwa bei der Analyse komplexer Härteverläufe oder künftig bei keramischen Oberflächen, setzen wir sie gezielt ein. Entscheidend ist immer das Ergebnis für den Kunden.
Wirtschaftsforum: Sie haben gerade auch eine neue Gerätegeneration vorgestellt?
Christian Artmann: Ja, wir führen aktuell unsere neue Plattform „Neo“ ein. Sie ist leistungsfähiger, noch einfacher in bestehende Anlagen zu integrieren und verfügt über eine Benutzeroberfläche, die sich an der Bedienlogik moderner Smartphones orientiert. Unser Ziel ist es, die Bedienung so intuitiv wie möglich zu gestalten – gerade vor dem Hintergrund des weltweiten Fachkräftemangels.
Wirtschaftsforum: Wie international ist das Unternehmen aufgestellt?
Christian Artmann: Sehr international. Rund 90% unseres Geschäfts erzielen wir im Export. Dabei arbeiten wir weltweit mit spezialisierten Vertriebspartnern zusammen, die ihre jeweiligen Märkte und Anwendungen genau kennen. So können wir Kunden überall kompetent betreuen.
Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung haben Nachhaltigkeit und Energieeffizienz?
Christian Artmann: Meiner Meinung nach eine viel größere, als vielen bewusst ist. Die Wirbelstromprüfung arbeitet berührungslos, benötigt keine Chemikalien und zerstört keine Bauteile. Andere Prüfverfahren gehen teilweise mit problematischen Stoffen einher oder erzeugen zusätzlichen Materialverbrauch. Darüber hinaus sehen wir großes Potenzial darin, Prüfdaten künftig stärker für die Optimierung von Produktionsprozessen zu nutzen.
Wirtschaftsforum: Was bedeutet das konkret?
Christian Artmann: Wenn Produktions- und Prüfdaten intelligent miteinander verknüpft werden, lassen sich Prozesse präziser steuern. Gerade bei energieintensiven Verfahren wie dem Härten von Bauteilen können Unternehmen Energie sparen, Ausschuss reduzieren und ihre CO2-Bilanz verbessern. Deshalb lautet unser Leitsatz: Zeit sparen, Geld sparen und CO2 sparen.
Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie die Zukunft des Unternehmens?
Christian Artmann: Aktuell bauen wir mit der KI-gestützten Härteprüfung ein zweites bedeutendes Geschäftsfeld neben unserem klassischen Geschäft auf. Langfristig sehen wir zudem enormes Potenzial darin, die Wirbelstromprüfung noch stärker als Instrument zur Prozessoptimierung in der Industrie zu etablieren. Qualitätssicherung bleibt wichtig – künftig werden jedoch Produktionsdaten, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit eine ebenso große Rolle spielen.











