Analog wird digital

Interview mit Thomas Brunner, Geschäftsführer der KATHREIN Solutions GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Brunner, Ihr Unternehmen ist führend in AutoID-Lösungen für sehr viele Branchen. Es ist faszinierend zu sehen, wie die von KATHREIN Solutions entwickelten Lösungen Eingang in große Bereiche unseres Alltagslebens gefunden haben.

Thomas Brunner: Wir begannen vor etwa zwölf Jahren mit der Entwicklung der neuen RFID-Technologie und haben uns aus der KATHREIN-Gruppe heraus gegründet. RFID steht für ‘Radio Frequency Identification’, also die kontaktlose Identifikation von Objekten und Lebewesen. Denken Sie etwa an das kontaktlose Bezahlen per Handy. Das ist heute weit verbreitet. Wir machen diese Übertragung über größere Distanzen, und zwar mittels passiver Funktechnik, sogenannte Transponder.

Wirtschaftsforum: Wie muss man sich das vorstellen?

Thomas Brunner: Ein Transponder ist ein preiswertes Stück Technik, das ohne eigene Energieversorgung in Form einer Batterie auskommt; es ‘erntet’ die notwendige Energie sozusagen aus den Funkwellen in der Luft. Er kann auf Paket- und Palettensendungen aufgebracht werden und lässt sich in allen Produktionsprozessen unterbringen. So können Prozessschritte digitalisiert werden. Am zu erfassenden Objekt gibt es ein RFID Etikett, eben diesen Transponder, mit integrierter Antenne und einem Speicherchip, auf dem die Daten zu finden sind. Stellen Sie sich das wie einen USB-Stick vor. Die Antenne der Schreib-/Lesestelle erzeugt das Funkfeld für die Energie- und Datenübertragung. Als Drittes gibt es ein Lesegerät, mit dem die digitalen Daten aus dem Chip im Transponder gelesen und geschrieben, oder sogar gefiltert, werden können.

Wirtschaftsforum: Welche konkreten Anwendungsmöglichkeiten können Sie hier nennen?

Thomas Brunner: Die Fahrzeugregistrierung lässt sich sehr gut digitalisieren. Fahrzeuge sind durch das Kennzeichen und/oder durch einen angebrachten Transponder eindeutig identifizierbar. So kann für das Fahrzeug bereits bei der Anmeldung eine digitale ID erstellt werden. Interessant sind auch vielfältige Lösungen in der Agrarwirtschaft. So kann über AutoID genau festgelegt werden, wann ein Tier wie viel Futter bekommt. So lassen sich Prozesse in der Viehzucht mithilfe der RFID-Technik steuern und kontrollieren. Eine Kuh kann automatisch gemolken werden, wenn in ihre Ohrmarke zusätzlich ein Transponder eingesetzt wird. So lässt sich feststellen, wie viel Milch sie gibt und welches Futter sie braucht.

Wirtschaftsforum: Das sind spannende Beispiele, an die man nicht direkt denkt. Aber immer mehr rücken auch Lösungen für Mautsysteme in den Fokus, oder?

Thomas Brunner: Mautsysteme werden eingesetzt, um die Benutzung von Straßen zu monetarisieren. Wir haben hier entsprechende Lösungen entwickelt, die in Asien, Südamerika und im Mittleren Osten zur Anwendung gekommen sind. Hierbei werden Transponder in Scheiben oder Kennzeichen integriert. Sobald sie sich an den Lesestationen vorbeibewegen, werden sie erfasst. Hier haben wir global große Projekte realisiert. Gerade steigt die Nachfrage vor allem in Südamerika durch neue Infrastrukturprojekte wieder an.

Wirtschaftsforum: Sie bieten umfassende Lösungen?

Thomas Brunner: Stimmt, wir können derartige Projekte planen, konzipieren und ausführen. 2015 haben wir in München ein Softwarehaus übernommen, sodass wir nicht nur die Geräte, sondern auch die passende Software liefern können, die auch in kritischer Infrastruktur genutzt werden kann. Dazu zählen auch viele europäische Bahnbetreiber.

Wirtschaftsforum: Gibt es hier konkrete Beispiele, wie Ihre Technik genutzt wird?

Thomas Brunner: Der öffentliche Nahverkehr wird immer wichtiger, aber die Nutzer möchten Züge, die qua Preis, Zeit und Komfort überzeugen. Mit unserer Technik lassen sich Züge hochwertig während der Fahrt überwachen, um frühzeitig Defekte zu erkennen. Es gibt zum Beispiel intelligente Sensormessstellen Sensormessstellen, die defekte oder überhitzte Bremsscheiben detektieren. Mit Wärmekameras wird von unten die Temperatur gemessen und so lassen sich die einzelnen Achsen überprüfen. Die ID des Zuges, der Waggons und der einzelnen Achsen erfahren wir via RFID, sodass wir Wartungen vorausschauend planen können, und Schäden nicht erst in der Werkstatt feststellen. Auf gleiche Weise können so auch Reinigungszustände von Zügen erfasst werden. Aber das sind nur einige Beispiele, wie unsere Technik ganz konkret genutzt werden kann.

Wirtschaftsforum: Worauf führen Sie den anhaltenden Erfolg des Unternehmens zurück?

Thomas Brunner: Es ist sicher die Freude an Innovationen, die alle Hauptverantwortlichen teilen. Wir möchten digitale Lösungen beim Kunden platzieren und ihn damit begeistern. Wir haben immer Neues ausprobiert. Dieser Spirit ist ein wesentlicher Teil unserer Unternehmenskultur.

Wirtschaftsforum: Und wie geht es weiter?

Thomas Brunner: Internationalisierung und Partnernetzwerke sind sicher wichtige Themen, ebenso wie die Entwicklung neuer Geschäftsfelder, um auch weiterhin Wachstum zu generieren. Ganz neu ist ein E-Bike-Tracker, der motornah integriert ist und immer automatisch aufgeladen ist. Die Lösung haben wir für Corratec, einen führenden E-Bike-Hersteller, speziell entwickelt. Auf diesem Weg werden wir weitergehen und Innovationen in die Praxis führen.

Mehr zum Thema

„Eigentlich hat jeder schon den Startschuss gehört!“

Interview mit Tassilo Hibler, Technical Director der SD GmbH Klaus Hirsch

„Eigentlich hat jeder schon den Startschuss gehört!“

Die SD GmbH Klaus Hirsch fertigt seit 30 Jahren hochpräzise Rohrformteile, die vorwiegend in der Automobilindustrie sowie in der Energietechnik eingesetzt werden. Inzwischen knüpft das Unternehmen aber auch Kontakte in…

Solarstrom neu vernetzt

Interview mit Michael Reichert, Geschäftsführer der WI Energy GmbH

Solarstrom neu vernetzt

Von der Projektentwicklung zum hybriden Solarpark: Mit Photovoltaik und leistungsstarken Batteriespeichern schafft die WI Energy Gruppe ganzheitliche Energiekonzepte für eine moderne, zukunftsweisende Energieversorgung. Geschäftsführer Michael Reichert spricht über den Wandel…

„Unsere Anlagen laufen rund um die Uhr!“

Interview mit Martin Müller, CEO bis 2025 der Polymetrix AG

„Unsere Anlagen laufen rund um die Uhr!“

Martin Müller kennt Polymetrix wie kaum ein anderer: Seit fast fünf Jahrzehnten begleitet er die Entwicklung des Unternehmens aus dem schweizerischen Oberbüren, das weltweit Maßstäbe in Kunststoffverarbeitung und Recycling setzt.…

Spannendes aus der Region Landkreis Rosenheim

Leichtes Wasser, das schwer wiegt

Interview mit Marie Vogl, Geschäftsführerin der Das leichteste Wasser Vertriebsgesellschaft mbH

Leichtes Wasser, das schwer wiegt

Ohne Wasser kein Leben. Wasser unterstützt den Stoffwechsel, reguliert die Körpertemperatur, transportiert Nährstoffe und hilft, Schadstoffe aus dem Körper auszuscheiden. Idealerweise ist dieses Wasser frei von Kalk und Salzen –…

„Bis 2030 wollen wir unseren Umsatz noch einmal verdoppeln!“

Interview mit Lucian Cira, Site General Manager von Recipharm Wasserburg

„Bis 2030 wollen wir unseren Umsatz noch einmal verdoppeln!“

In der Coronapandemie konnten nicht nur die bekannten Impfstoffhersteller starke Wachstumsraten vorweisen, sondern auch spezialisierte CDMOs, die unter anderem für die Abfüllung der Präparate zuständig waren – so wie etwa…

Der Gipfel ist erst der Anfang

Interview mit Sebastian Schaller, General Manager Germany der Oberalp Deutschland GmbH

Der Gipfel ist erst der Anfang

Wer über Bergsport spricht, kommt an der Oberalp Gruppe kaum vorbei. Das familiengeführte Unternehmen mit Hauptsitz in Bozen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem internationalen „House of Mountain…

Das könnte Sie auch interessieren

Transformation auf Augenhöhe

Interview mit Thomas Blöchl, CEO der T.CON GmbH & Co. KG

Transformation auf Augenhöhe

Wer die digitale Transformation in der produzierenden Industrie voranbringen will, braucht mehr als technologische Expertise. Gefragt sind Partner, die Prozesse verstehen, Veränderungen begleiten und Unternehmen langfristig durch den Wandel führen.…

Der Dienstleister, dem die Netzbetreiber vertrauen

Interview mit Ralf Gimbel, Geschäftsführer der GIMBEL CONSULTING GmbH

Der Dienstleister, dem die Netzbetreiber vertrauen

Für eine vernetzte digitale Zukunft muss der Ausbau der Telekommunikationsinfrastruktur weiter voranschreiten. Seit mehr als 25 Jahren unterstützt die GIMBEL CONSULTING GmbH Netzbetreiber und andere Marktteilnehmer als leistungsfähiger Partner. Das…

„Wir sollten wieder zu Denkern, Lenkern und Machern werden“

Interview mit Christopher Richter, Geschäftsführer der BERICON GmbH

„Wir sollten wieder zu Denkern, Lenkern und Machern werden“

Seit 15 Jahren unterstützt Christopher Richter mit der BERICON GmbH Unternehmen aus verschiedensten Branchen auf dem Weg zum idealen Kundendialog der Zukunft: mit internationalen Rufnummern-/Routinglösungen und inzwischen mehr und mehr…

TOP