Stiefel mit Stammbaum

Interview mit Alessandro Bracalente, International Sales Manager der B.A.G. S.p.A.

Wirtschaftsforum: Herr Bracalente, Ihr Unternehmen hat 2025 sein 50-jähriges Bestehen gefeiert. Wie hat alles angefangen?

Alessandro Bracalente: Gegründet haben die Firma 1975 mein Vater Enrico Bracalente und sein Bruder Luigi, als kleinen Betrieb, der Komponenten für andere Schuhhersteller fertigte. Für eigene Räume fehlte das Geld, also haben sie im Untergeschoss einer Kirche hier in Monte San Pietrangeli angefangen. Dort habe ich als Kind meine Hausaufgaben gemacht. 1980 kam der erste eigene Firmensitz. Anfang der 1990er-Jahre hat mein Vater entschieden, die Lohnfertigung zurückzufahren und mit der eigenen Marke Nero Giardini an den Markt zu gehen. Ab den 2000er-Jahren haben wir sie auch dem Endverbraucher gezeigt, erst in Italien, dann international.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle haben Sie heute im Unternehmen, und wie ist es aufgestellt?

Alessandro Bracalente: Mein Vater ist nach wie vor Präsident und Geschäftsführer. Seit Mai 2025 bin ich International Sales Manager und verantworte den Vertrieb außerhalb Italiens. Am Firmensitz arbeiten über 300 Menschen, mit den Partnerbetrieben sind es in unserer Region fast 1.000. Unsere Händler in Deutschland betreuen wir von unserem Standort in Stuttgart aus.

Wirtschaftsforum: Womit heben Sie sich vom Wettbewerb ab?

Alessandro Bracalente: Mit dem Produkt. Schuhe für Damen, Herren und Kinder machen über 90% unseres Umsatzes aus, dazu kommen Taschen und Bekleidung. Ich besuche unsere Partner in ganz Europa persönlich und habe dabei gelernt: Dass wir auch in der Krise in Qualität und Design investieren, unterscheidet uns. Wir haben jüngere Designer ins Haus geholt und 2026 neue Kooperationen gestartet. Weil sich die Jahreszeiten verschieben, bieten wir dem Handel in vier Kollektionen von Januar bis Dezember Ware, die sich verkauft, vom Winterstiefel bis zur Sandale.

Wirtschaftsforum: Wie hat sich das Geschäft in den vergangenen Jahren entwickelt?

Alessandro Bracalente: Die Pandemie hat die ganze Schuhbranche getroffen und uns natürlich auch. Danach ging es erst einmal wieder bergauf; bis 2023 sind wir gewachsen. Seit 2025 spüren wir aber, dass die Kunden zurückhaltender sind, und das gilt für den gesamten Markt. Die nächsten zwei Jahre werden nicht einfach, das sage ich ganz offen. Trotzdem ziehen wir keine Projekte zurück. Mein Vater hat über die Jahre Entscheidungen getroffen, die dem Unternehmen eine stabile finanzielle Grundlage gegeben haben und genau das erlaubt uns heute, weiter zu investieren und zuversichtlich nach vorn zu schauen.

Wirtschaftsforum: In welchem Preissegment bewegen Sie sich?

Alessandro Bracalente: Der durchschnittliche Verkaufspreis liegt bei 180 bis 190 EUR. Unsere Stiefel sind komplett aus Leder, Obermaterial wie Futter, und für 230 bis 240 EUR findet man das heute kaum noch. Mit Stiefeln haben wir Anfang der 2000er-Jahre den Markt geöffnet, sie sind bis heute unser Kerngeschäft. Sommermodelle wie Mokassins und Sneaker liegen bei 145 bis 160 EUR. Eine Marktforschung im vergangenen Jahr hat bestätigt, dass „Made in Italy“ für den Endkunden weiterhin ein starkes Kaufargument ist.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen Groß- und Onlinehandel?

Alessandro Bracalente: Über 90% unseres Umsatzes machen wir im B2B-Geschäft mit dem Großhandel, und das bleibt so. Online ist aktuell der Kanal, der am stärksten wächst; deshalb investieren wir in unseren E-Commerce und arbeiten mit spezialisierten Onlinepartnern zusammen. In der Coronazeit haben wir über 10 Millionen EUR in ein voll automatisiertes Logistikzentrum wenige Kilometer vom Firmensitz investiert. Damit halten wir unsere Bestseller das ganze Jahr vorrätig. Ein Händler aus Deutschland oder der Schweiz, der zehn Paar verkauft hat, bestellt über unsere B2B-Plattform nach, und innerhalb von etwa 24 Stunden geht die Ware raus: Bestellt er am Freitag, steht sie am Montag im Laden. Den Bau habe ich von 2016 bis 2020 selbst begleitet, das Projekt ist für mich also auch persönlich von großer Bedeutung.

Wirtschaftsforum: Welche Märkte stehen in den kommenden Jahren im Fokus?

Alessandro Bracalente: Wir starten Projekte auch außerhalb Europas. In den Vereinigten Arabischen Emiraten standen wir kurz vor einem Vertrag für Geschäftseröffnungen, dann kam der Krieg dazwischen, das Projekt liegt vorerst auf Eis. In Mexiko sind wir aktiv, die USA wachsen stark, in Asien sind wir in Japan und Korea präsent. Unser Hauptmarkt bleibt aber Europa, und dort vor allem die DACH-Region. Mein persönliches Ziel ist, dass sie nach Italien zu unserem wichtigsten Markt wird. Im Handel kennt man uns dort, beim Endverbraucher ist die Marke noch nicht stark genug. Unsere Marktforschung hat gezeigt, dass Verbraucher im DACH-Raum unsere Schuhe kaufen wollen, sobald sie sie in der Hand halten. Die Nachfrage ist also da. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass sie unsere Marke auch kennen, und daran arbeiten wir in den nächsten drei Jahren.

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