carbmee: Dekarbonisierung als Schlüssel zu einer Industrie der Zukunft

Herr Heinrich, warum ist die Dekarbonisierung gerade jetzt ein wichtiges Thema? Bzw. Warum reicht es nicht, dass Konzerne sich durch Maßnahmen wie das Pflanzen von Bäumen/Wäldern "grüner" machen?

Christian Heinrich: Klimawandel und die damit einhergehende Dekarbonisierung gehört zu den wichtigsten Aufgaben unserer Zeit. Aktuell sehen wir, dass die Bundesregierung die Klimaziele anhebt, bis zum Jahr 2030 sollen nun 65 statt 55 Prozent weniger Treibhausgase ausgestoßen werden als 1990. Wenn wir bis 2045 klimaneutral werden wollen muss es eine Trendwende geben, zu der alle Branchen einen Beitrag leisten. Schon jetzt spüren besonders Unternehmen aus den energie- und rohstoffintensiven Branchen den erhöhten Druck der Emissionsziele des Green Deals der EU. Doch es geht nicht nur darum politische Auflagen zu erfüllen, ein Umdenken in Sachen Klimaschutz schafft auch eine nachhaltige Reputation und damit die proaktive Antwort auf den kundenseitigen Druck. Einige Unternehmen berichten deshalb schon jetzt über die Ziele zur Klimaneutralität. Viele greifen dabei zu scheinbar einfachen Alternativen wie dem Offsetting, welches Sie angesprochen haben. Diese Bemühungen kosten dennoch Geld und beheben die Ursache nicht. Da die Strafzahlungen tendenziell stark ansteigen werden, kann es nur eine Lösung geben: Scope 1,2 und 3 zu identifizieren und zu reduzieren. Die Reduktion des CO2-Fußabdrucks erspart nicht nur direkte Ausgaben, sondern initiiert auch eine neue Denkweise, die darauf fokussiert ist die Kunden der Zukunft mit nachhaltig hergestellten Produkten zu begeistern.

Wie kam es zur Idee carbmee zu gründen?

Christian Heinrich:Die Idee zu carbmee ist neu, basiert aber auf langjährigen Erfahrungen die wir in vielen Wertschöpfungsketten von Unternehmen sammeln konnten. Gerade bei der Reduktion des Scope 3 Wertes (Supply Chain, eingekaufte Produkte) ist das Prozess- und Technologievertsändnis notwendig. Robin Spickers und ich haben beide eine Industriehistorie mit Firmen wie z. B. BASF oder Siemens und haben schon in der Vergangenheit Lösungen für nachhaltiges und strategisches Lieferantenmanagement mit ekotrek und scoutbee bereitgestellt. Letztes Jahr haben wir festgestellt, welches enorme Potential sich für die Dekarbonisierung der Unternehmen ergibt, wenn sie diese durch effektive Software steuern und damit gezielt Emissionen aus der Supply Chain reduzieren. Wir waren uns über die zentralen Probleme von Unternehmen bei der Erreichung ihrer Nachhaltigkeitsziele bewusst: Diese sind oftmals Top Down sehr schwer zu erfüllen, da ein Großteil der Emissionen dort entsteht wo es keine qualitative und ausreichende Datenlage gibt. Genau dort wollten wir mit einem digitalen Produkt ansetzten, einer Software die den Zugriff auf Daten ermöglicht, diese visualisiert und damit operatives Management der Dekarbonisierung im Einkauf und der Wertschöpfungskette realisiert. Wir haben mit mehr als 30 Experten aus der Industrie gesprochen bevor wir mit carbmee zu Beginn dieses Jahres gestartet sind. Wir sind stolz auf unser talentiertes Team und die großartigen Unterstützer auf dem Weg zu „Net-Zero“.

Gibt es Länder, die uns in Bezug auf die Dekarbonisierung der Industrien voraus sind?

Robin Spickers: Insbesondere die skandinavischen Länder haben sich offen gegenüber neuen Technologien gezeigt. In der EU ist Schweden das Land in dem insbesondere erneuerbare Energien die Versorgung bestimmen. Auch Dänemark besitzt nur noch drei Kohlekraftwerke und hat eine vorbildliche Ausrichtung in Sachen Klimaschutz. Treibende Kraft der Energiewende sind hier nicht nur strenge gesetzliche Regelungen, sondern auch eine innovative Start-up Kultur, deren Ideen und Produkte das Land maßgeblich bei der Abkehr von fossilen Energien unterstützen. Die Dekarbonisierung der Industrie ist eine große Chance für Europa und das hat man in diesen Ländern schnell erkannt. Natürlich ist auch dort nicht alles perfekt, aber Deutschland kann sich immer noch einiges von „Swedish way“ abschauen. Dank Kohleausstiegs-Kompriss, Klimapaket und Klimaneutralität bis 2045 sind wir bereits auf dem richtigen Weg. Auch wir müssen jetzt dafür sorgen, dass Unternehmen in der Lage sind eine grundlegende Transformation zu bewirken. Mehr Unternehmen können ihre Geschäftsmodelle neu ausrichten, indem sie gemeinsame Investitionen und Allianzen eingehen und smarte Lösungen auf Basis des Co2 Fußabdrucks ihrer Lieferanten finden.

Welche konkreten Herausforderungen gibt es Scope 3 umzusetzen und wie kann Software (SaaS) dabei helfen?

Christian Heinrich:Nach dem Greenhouse-Gas-Protocol werden die Emissionsquellen eines Unternehmens in verschiedenen Kategorien unterschieden. Neben den Scope 1 und Scope 2 Emissionen, die unmittelbar vom Unternehmen verursacht werden lassen sich Scope 3 Emissionen über die eingekauften Materialien und Leistungen bei Lieferanten steuern. Was wir jetzt sehen, ist das endkundennähere Organisationen Schritte unternehmen ihren CO2-Fußabdruck zu verringern. Im Bereich von Scope 1 und 2 auch weitestgehend erfolgreich. Scope 3 Emissionen zu messen, um sie zu reduzieren ist weitaus komplexer, da viele Produkte von Lieferanten „Offshore“ bezogen werden. Die Zusammenarbeit zur Abstimmung mit den Lieferanten wird somit um eine neue Dimension - Reduktion der CO2-Werte - erweitert. Dies ist nur durch Softwareunterstützung möglich: Durch Automatisierung dieser Prozesse können wir solche Herausforderungen heute bewältigen und damit das unglaubliche Potenzial der Dekarbonisierung in Scope 3 freisetzen. Für einige Unternehmen geht es in diesem Bereich um Mengen, die bis zu 80 Prozent ihrer Gesamtemissionen ausmachen. Es macht also durchaus Sinn sich damit auseinanderzusetzen. carbmees Software, das Environmental Intelligence System (EIS), ist der Schlüssel zum Erfolg, indem es Teams dabei hilft sich auf die Hotspots zu konzentrieren und ihre Entscheidungen strategisch und agil anhand der spezifischer Datenlage auszurichten. Die Software macht die CO2-Emissionen entlang der Lieferkette damit transparent und letztendlich steuerbar.

Wie sieht ihr Ausblick für die kommende Dekade aus? Welche Rolle wird die aufstrebende "grüne" Politik für die klassischen Industrien spielen?

Robin Spickers: Wir sehen große Chancen in dem veränderten Bewusstsein gegenüber dem Thema Nachhaltigkeit und sind der Ansicht, dass sich die Industrienationen schon in weniger als 10 Jahren einer Art des “Green Capitalism” adaptieren werden. Um wettbewerbsfähig zu bleiben müssen sie nicht auf saubere Produkte und nachhaltige Prozesse umstellen, sondern ihre Geschäftsmodelle neu ausrichten. Wenn ihnen dies schnell gelingt können sie sich auf den Märkten der Zukunft behaupten, die immer höhere Anforderungen an sie stellen. Wir sehen, dass es schon lange nicht mehr nur um den regulatorischen Druck auf nationaler oder supranationaler Ebene geht, viele Stakeholder führen den Trend an und setzen verstärkt auf nachhaltige Unternehmen. Diese Entwicklung ist der zentrale Innovationstreiber für die gesamte europäische Industrie und eine große Herausforderung für Unternehmen. Die Chance besteht darin frühzeitig umzudenken und beispielsweise SaaS-Lösungen zu implementieren, bevor sich ein wettbewerblicher Nachteil entwickelt.

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