Von der kleinen Vertragswerkstatt zu einem der größten Autohändler in Deutschland

Interview vom Oktober 2018 mit Andreas Senger, Geschäftsführender Gesellschafter der Senger Gruppe - verstorben am 10. April 2020

Wirtschaftsforum: Herr Senger, von der kleinen Vertragswerkstatt 1953, gegründet von Ihrem Vater Egon Senger, zur Senger Gruppe heute als einem der größten Autohändler in Deutschland: Was sind für Sie die Schlüsselfaktoren Ihres unternehmerischen Erfolgs?

Andreas Senger: Das ist eine umfassende Frage. Wobei man den Erfolg vielleicht zunächst daran festmachen kann, dass wir uns irgendwann entschieden haben, über die Grenzen unseres lokalen Marktes in Rheine hinaus zu wachsen. Generell sollte ein Unternehmer meiner Meinung nach auf Wachstum ausgerichtet sein, sonst ist er irgendwann vom Markt verschwunden. Für uns begann dieses Wachstum in den 1990er-Jahren mit der Öffnung des Marktes hin zu den neuen Bundesländern. Dadurch gab es auf einmal einen komplett neuen Markt, der aufgeteilt wurde. Die Automobilhersteller hatten dort zunächst überhaupt kein Vertriebsnetz. Sie haben sich daher an bewährte und erfahrene westdeutsche Vertragspartner gewandt und ihnen angeboten, aktiv zu werden. Das war für uns der erste Wachstumsschritt außerhalb unseres Einzugsgebiets.

Andreas Senger, Geschäftsführender Gesellschafter der Senger Gruppe
„Der Konzentrationsprozess im Autohandel in Deutschland wird voranschreiten, auch von den Herstellern energisch vorangetrieben. Diese Entwicklung gehen wir mit.“ Andreas SengerGeschäftsführender Gesellschafter der Senger Gruppe

Wirtschaftsforum: Das Unternehmen expandiert, indem es sich bietende Chancen wahrnimmt. Woher kommt dieser Fokus auf Erweiterung?

Andreas Senger: Der Automobilmarkt in Deutschland ist ein Verdrängungsmarkt. Diese Entwicklung konnten wir bereits früh absehen. Dazu kommt, dass der Automarkt hierzulande im internationalen Vergleich immer noch recht kleinteilig ist. So tauchen die deutschen Händlergruppen im europäischen Ranking unter den Top 20 gar nicht auf. Der Konzentrationsprozess im Autohandel in Deutschland wird voranschreiten, auch von den Herstellern energisch vorangetrieben. Diese Entwicklung gehen wir mit. So sind wir heute auf vier Wirtschaftsräume verteilt, in der Bundesrepublik vertreten. Diese können wir künftig weiter ausbauen oder in einen komplett neuen Wirtschaftsraum einsteigen, sofern sich die Gelegenheit bietet.

Andreas Senger, Geschäftsführender Gesellschafter der Senger Gruppe
„Es wird noch dauern bis ein großer Anteil der Autokäufe rein über den Onlinebereich stattfinden wird.“ Andreas SengerGeschäftsführender Gesellschafter der Senger Gruppe

Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung hat der Internethandel für das klassische Filialgeschäft im Autohandel?

Andreas Senger: Ganz entscheidend sind für uns momentan die Autobörsen im Internet. Unsere eigenen Angebote müssen dort gut platziert sein. Auf diesen Seiten informiert sich der Kunde intensiv. Des Weiteren sind da noch unsere eigenen Internetauftritte, die sehr stark genutzt werden. Der reine Kaufabschluss online ist aktuell immer noch verhältnismäßig selten, weil ein Automobil nach wie vor ein wirtschaftlich wichtiges Gut ist. Es wird noch dauern bis ein großer Anteil der Autokäufe rein über den Onlinebereich stattfinden wird. Nach einer Immobilie ist der Pkw normalerweise die zweitteuerste Investition eines Endverbrauchers. Aber es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Kunden auch Autos online kaufen. Die richtige Verbindung zwischen digitalem und physischem Vertrieb zu schaffen, wird das Schlüsselkonzept für eine erfolgreiche Zukunft sein.

Andreas Senger, Geschäftsführender Gesellschafter der Senger Gruppe
„Die richtige Verbindung zwischen digitalem und physischem Vertrieb zu schaffen, wird das Schlüsselkonzept für eine erfolgreiche Zukunft sein.“ Andreas SengerGeschäftsführender Gesellschafter der Senger Gruppe

Wirtschaftsforum: Die Zukunft könnte auch aus Mobilitätsprodukten beziehungsweise -dienstleistungen bestehen. Kunden kaufen also kein Auto, sondern erwerben Mobilität nach Bedarf.

Andreas Senger: Diese Mobilitätskonzepte gibt es schon, und die werden natürlich mit der Möglichkeit der Digitalisierung viel einfacher. Wir wollen aber in jedem Fall eigene Produkte im Mobilitätsbereich aufbauen. Gerade für uns ist es wichtig, dass wir unsere Eigenmarke stärken und das geht genau über solche Angebote. Wir könnten über eine digitale Kundenkarte verschiedene Dienstleistungen anbieten, wie zum Beispiel eine Buchung von Sonderausstattungen oder die Kontaktaufnahme zum Reifenwechsel.

Andreas Senger, Geschäftsführender Gesellschafter der Senger Gruppe
„Wir wollen aber in jedem Fall eigene Produkte im Mobilitätsbereich aufbauen.“ Andreas SengerGeschäftsführender Gesellschafter der Senger Gruppe

Wirtschaftsforum: Würden Sie Ihre Niederlassungen als „digital stores“ bezeichnen?

Andreas Senger: Ganz sicher nicht. Aber wir müssen dahin kommen, das ist klar. Ich glaube jedoch, dass ein persönlicher Kontaktpunkt immer Bedeutung haben wird. Der Mensch ist rational und emotional zugleich. Nur wenn man beide Seiten anspricht, wird man erfolgreich sein. Durch eine Virtual Reality-Brille kann ich eine Mercedes S-Klasse zwar abbilden, doch ich kann so niemals wiedergeben, wie beispielsweise das Leder riecht oder sich anfühlt. Das persönliche Erleben wird sich nie ersetzen lassen, gerade wenn es um ein Premium-Produkt wie Mercedes, Audi oder Porsche geht.

Interview:

Manfred Brinkmann

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Mobilität

„Innovation ist unser Tagesgeschäft“

Interview mit Federica Sartor, Geschäftsführerin der Marcolin Covering s.r.l.

„Innovation ist unser Tagesgeschäft“

Was auf den ersten Blick nach einer sehr speziellen Nische klingt, ist in Wahrheit ein hochdynamischer und technisch anspruchsvoller Markt: Verdecksysteme für Nutzfahrzeuge. Die Marcolin Covering s.r.l. aus dem norditalienischen…

Wenn Innovation Gewicht spart

Interview mit Marnie Tietje, Leiterin Vertrieb der SOMMER GmbH

Wenn Innovation Gewicht spart

Der Fahrzeugbau verändert sich rasant: Leichtbau, Nachhaltigkeit und flexible Lösungen sind heute gefragter denn je. Ein Unternehmen, das diese Entwicklung seit Jahren prägt, ist die SOMMER GmbH aus Laucha an…

TECHART:Zurück auf der Überholspur

Interview mit Benedict von Canal, Geschäftsführer der TECHART Automobildesign GmbH

TECHART:Zurück auf der Überholspur

Als Benedict von Canal Ende 2023 die operative Führung von TECHART übernahm, stand der renommierte Porsche-Veredler vor dem Aus. Heute ist das Unternehmen wieder stabil – digitaler, fokussierter und mutiger…

Spannendes aus der Region

Schnell. Schlank. Versorgungssicher.

Interview mit Alexander Bell, Geschäftsführer und Andre Schmidt, Vertriebsleiter der Medsorg GmbH

Schnell. Schlank. Versorgungssicher.

Die Anforderungen an Pflegeeinrichtungen steigen – und damit auch der Bedarf an verlässlichen Partnern, die Versorgungssicherheit, Effizienz und Qualität zusammenbringen. Gerade bei Verbrauchsmaterialien und Pflegebedarf zählt nicht nur der Preis,…

„Man muss standhaft bleiben – im Ring und im Betrieb“

Interview mit Theo Krechlok, Geschäftsführer der KES Krechlok Elektrosysteme GmbH

„Man muss standhaft bleiben – im Ring und im Betrieb“

Auffällig ist die Geradlinigkeit im Werdegang von Theo Krechlok. Der Geschäftsführer der KES Krechlok Elektrosysteme GmbH war Juniorenweltmeister im Boxen und stand für die Bundeswehr im Ring – Erfahrungen, die…

Seele statt Standard

Interview mit Niels Battenfeld, Geschäftsführer der Lieblingsplatz Hotels Betriebs- und Managementgesellschaft mbH

Seele statt Standard

Wie sieht ein Hotel aus, das kein Hotel ist und zu einer Hotelkette gehört, die keine Hotelkette ist? Für Niels Battenfeld ist die Antwort klar: Wie ein Wohnzimmer, wie…

Das könnte Sie auch interessieren

Seele statt Standard

Interview mit Niels Battenfeld, Geschäftsführer der Lieblingsplatz Hotels Betriebs- und Managementgesellschaft mbH

Seele statt Standard

Wie sieht ein Hotel aus, das kein Hotel ist und zu einer Hotelkette gehört, die keine Hotelkette ist? Für Niels Battenfeld ist die Antwort klar: Wie ein Wohnzimmer, wie…

Verantwortung übernehmen im jagdlichen Fachmarkt

Interview mit Stefan Kolosser, Geschäftsführer der Huntivity Group GmbH

Verantwortung übernehmen im jagdlichen Fachmarkt

Mit klarer Vertriebsorientierung und starkem Markenfokus hat sich die Huntivity Group GmbH im jagdlichen Fachmarkt erfolgreich positioniert. Der Schwerpunkt liegt auf dem B2B-Großhandel und dem gezielten Aufbau eigener Marken. Geschäftsführer…

Zukunft bauen mit Holz – Handwerk aus Überzeugung

Interview mit Jorne Boysen, Zimmermeister und Co-Geschäftsführer der BOYSEN ZIMMEREI GmbH & Co. KG

Zukunft bauen mit Holz – Handwerk aus Überzeugung

Steigende Baukosten, Fachkräftemangel und wachsende bürokratische Anforderungen setzen das Bauhandwerk zunehmend unter Druck. Wie sich Qualität und Effizienz dennoch verbinden lassen, zeigt die BOYSEN ZIMMEREI GmbH & Co. KG aus…

TOP