„Unser Ziel ist eine Start-up-Politik, die motiviert statt reguliert“

Interview mit Österreichs Vizekanzler und Wirtschaftsminister Dr. Reinhold Mitterlehner

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Mitterlehner, als Wirtschaftsminister haben Sie sich auf die Fahne geschrieben, dass Österreich zum Gründerland Nr. 1 in Europa werden soll. Würden Sie kurz Ihr strategisches Maßnahmenpaket erläutern, um dieses Ziel zu erreichen?

Dr. Reinhold Mitterlehner: Dazu haben wir unsere „Gründerland-Strategie“ gestartet. Gemeinsam mit der Gründerszene haben wir im Vorjahr 40 konkrete Maßnahmen festgelegt, die den Weg zum Gründerland Nr. 1 in Europa möglich machen sollen. Die heimische Gründerszene ist gut unterwegs. Gemeinsam haben wir einiges weitergebracht und Projekte gestartet, die das Gründen erleichtern, die Finanzierung verbessern und die Internationalisierung unterstützen.

Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung kommt dabei der Hauptstadt Wien zu?

Dr. Reinhold Mitterlehner: Wien ist der Start-up-Hotspot in Österreich. Hier sind rund 68% aller heimischen Start-ups angesiedelt. Doch auch die Bundesländer bieten vielfältige Möglichkeiten. Vor allem in den Ballungsräumen siedeln sich Start-ups an und bilden dort ihre Netzwerke. Ein attraktiver Standort macht Mut zur Selbstständigkeit. Österreich kann hier vor allem mit Rechtsstaatlichkeit, guter Infrastruktur, qualifizierten Arbeitskräften, ausgezeichneten Lebensbedingungen und vielen innovativen Köpfen punkten. Nicht umsonst hat das Forbes Magazine Österreich zu einem von sieben internationalen Start-up-Hotspots gezählt.

Wirtschaftsforum: Mit Ihrer neuen Initiative „aws JumpStart“ fördern Sie die Inkubatoren Speed Start Studio (Dornbirn), Impact Hub Vienna, TU Wien, Sektor5 / 5starts (Wien) und Up To Eleven (Graz) mit jeweils bis zu 150.000 EUR. Wie setzen diese Gründerzentren nun dieses Geld erfolgreich für österreichische Start-ups ein?

Dr. Reinhold Mitterlehner: Damit ermöglichen wir exzellenten Inkubatoren und Akzeleratoren, ihre Beratungsleistungen bei Start-ups weiter auszubauen – zum Beispiel durch eine stärkere Beratung und auch direkte Unterstützung. Und das in allen relevanten Bereichen. Der Bogen spannt sich von Produktentwicklung, Prototpying, Business Development, Marketing, Recruiting, Finanzierung, Fundraising und Kundenakquise bis zur Unternehmensführung.

Wirtschaftsforum: Stichwort Finanzierung: Zunehmend spielen für Start-ups alternative Finanzierungsmöglichkeiten eine Rolle, wie die Online-Plattform equityfinder.at oder auch die sogenannten Business Angels. Wie sieht es mit Kooperationen zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups aus ‒ ist dieser Bereich noch unterentwickelt?

Dr. Reinhold Mitterlehner: Die alternative Finanzierung ist ein großes Thema. Wir haben daher mit dem Crowdfunding-Gesetz ein neues Instrument geschaffen. Es mobilisiert privates Kapital und öffnet innovativen Unternehmen die Tür zu neuen Finanzierungsquellen. Wie wichtig das ist, zeigen die Erfolge seit dem Inkrafttreten am 1. September 2015. Seither sind über diesen Weg weit über zehn Millionen EUR investiert worden, weit mehr als im ganzen Jahr 2014 zusammen. Aufgrund des neuen Gesetzes nehmen wir eine Vorreiterrolle in Europa ein und fördern aktiv die Beteiligungskultur.

Wirtschaftsforum: Was muss getan werden, damit mehr etablierte Unternehmen in Start-ups investieren? Geht es vor allem um die Win-win-Situation „Innovation gegen Kapital“?

Dr. Reinhold Mitterlehner: Unser Ziel ist eine Politik, die motiviert statt reguliert. Oft scheitern Investitionen nicht am fehlenden Geld, sondern an äußeren Umständen wie komplizierten Regelungen oder bürokratischen Hürden. Darum setze ich mich für einen spürbaren Bürokratie-Abbau ein. Einige Maßnahmen, die Unternehmen Zeit und Geld sparen, haben wir schon umgesetzt. Weitere Entbürokratisierungs-Schritte müssen und werden folgen. Dazu kommen Initiativen wie das erwähnte Alternativfinanzierungsgesetz oder das neue Stiftungsrecht, mit dem Innovationspotenziale freigesetzt und Investitionen besonders im Bereich Forschung deutlich vereinfacht werden.

Wirtschaftsforum: Können Sie uns Gründe nennen, warum es sich für etablierte Unternehmen lohnt, in Start-ups zu investieren?

Dr. Reinhold Mitterlehner: Durch internationales Vernetzen und finanzielle Unterstützung profitieren aufstrebende Start-ups genauso wie bestehende Betriebe. Vor allem die Zusammenarbeit kann befruchtend wirken. Wir können Motivationsanreize setzen und junge mit etablierten Unternehmen zusammenbringen. Die Überzeugungsarbeit müssen dann aber die Start-ups selbst leisten. Aber wenn es funktioniert, haben alle etwas davon: Start-ups können rascher wachsen, bestehende Unternehmen können sich weiterentwickeln. Das wiederum führt zu neuen Arbeitsplätzen.

Lesen Sie mehr: „Django“ im Einsatz für Start-ups

Interview:

Manfred Brinkmann

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