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Eine Krise als Chance

Interview mit Klaus Lenz, Geschäftsführer der Ungerer Technology GmbH

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Wirtschaftsforum: Herr Lenz, Ungerer hat sich mit Präzisionsmaschinen und Anlagen für die Hütten- und Walzwerkindustrie im Sondermaschinenbau international einen hervorragenden Ruf erarbeitet. 2015 kam es dann zur Krise. Nach dem Insolvenzantrag wurde Ungerer 2017 von der französischen REDEX-Gruppe übernommen, Sie wurden als Geschäftsführer eingesetzt. Seitdem geht es für das Unternehmen wieder steil bergauf. Wie konnte Ungerer in so kurzer Zeit gestärkt aus dieser tiefgehenden Krise hervorgehen?

Klaus Lenz: Ungerer gilt weltweit als Pionier für den Streck-Biege-Richt-Prozess im Flachbandveredelungsbereich für hochpräzise Anwendungen, zum Beispiel im Flugzeugbau, in der Kommunikationstechnik im Automotivbereich, auch im Hinblick auf die im Weltmarkt stark steigende Ausrichtung bezüglich Elektromobilität. Ungerer-Anlagen wurden oft kopiert, aber die hochpräzise Qualität des Originals wurde nie erreicht. Irgendwann hat das Unternehmen dann den Anschluss verloren, da das damalige Management die innovative Technik nicht weiterentwickelt und die steigenden Qualitätsanforderungen und den Service im Weltmarkt nicht genügend fokussiert hat. Das haben wir gemeinsam inzwischen wieder aufgeholt, und sogar deutlich überholt.

2018 sind wir wieder mit zwei neuen Kupfer- und Bronzerichtanlagen sowie mehreren neuen Aufträgen im Aluminiumbereich und hochpräzisem Super Thin Edelstahl im Dickenbereich von 0,03 mm eingestiegen. Erst vor wenigen Wochen konnten wir erfolgreich einen Großauftrag mit zwei Linien für Baosteel in China im Spalt- und Richtanlagensektor platzieren. Mittlerweile sind die laufenden Anfragen für unsere Anlagen und der Modernisierungsservice wieder auf sehr hohem Niveau, aktuell sind circa 20 Anfragen für 2019 für neue Projekte aus aller Welt in Verhandlung.

Entscheidend für diesen Aufwärtstrend waren Investitionen von rund 13 Millionen EUR sowie weitreichende Umstrukturierungen. Ungerer hatte ehemals 150 Mitarbeiter, als ich kam, waren es rund 70. Mit der Übernahme der REDEX-Gruppe und meiner Geschäftsführung von Ungerer an drei Standorten weltweit haben wir angefangen, die Prozesse neu zu organisieren, neueste Technologien in unsere Anlagen zu implementieren und auf den neuesten Stand zu bringen. Zusätzlich haben wir insbesondere in der Planheitsmess- und Regeltechnik, die Ungerer seit 25 Jahren in Deutschland am Standort Pforzheim selbst fertigt, neue patentierte Lösungen entwickelt. Diese neuen Techniken sind schon in eine neue Ungerer Anlage 2018 bei Arinox in Italien eingeflossen.

Arinox war die erste nach Neuausrichtung verkaufte Anlage und ist für diesen weltweit für höchste Qualitätsanforderungen bekannten Kunden ein Synonym für unsere hochpräzise Anlagenqualität. Wir haben 40 neue Mitarbeiter eingestellt, ehemalige Mitarbeiter kamen zurück. Heute haben wir wieder ein Team von 110 Mitarbeitern und wachsen weiter. Auch der Umsatz spiegelt den Aufwärtstrend. Nach nur einem Jahr haben wir einen Umsatz von 17 Millionen EUR erreicht.

Wirtschaftsforum: Wie genau sahen die Umstrukturierungen aus, die das Wachstum beflügelt haben?

Klaus Lenz: Wir haben in vielen verschiedenen Bereichen neue Strukturen etabliert. Aus strategischen Gründen haben wir zum Beispiel die Bühler Walzwerke übernommen und deren Fertigung integriert. Bühler konzentriert sich auf das Engineering und den Verkauf, Ungerer auf die Fertigung und Inbetriebnahme. Diese so entstandenen Synergien sind ein echter Pluspunkt. Umfassende Investitionen flossen in neue Bearbeitungsmaschinen; wir haben für zwei Millionen EUR ein neues Walzenbearbeitungszentrum angeschafft. Dank der vollautomatischen Fertigung mit CNC-Schleif-, Biege- und Honmaschinen im klimatisierten Bearbeitungszentrum werden wir die Lieferzeiten und Qualität der Walzenbearbeitung bis Ende 2019 deutlich verbessern.

Wirtschaftsforum: Sie haben in der Vergangenheit sehr international gearbeitet. Was war für Sie der besondere Reiz, die Geschäftsführung bei Ungerer zu übernehmen, einem Unternehmen, das stark mit dem Standort Pforzheim verbunden ist?

Klaus Lenz: Ungerer ist ein deutsches Traditionsunternehmen, das immer wieder Innovationen auf den Weg bringt, die international Standards setzen. Ein Highlight ist sicherlich das zum Patent angemeldete UMS Pro System, ein weltweit einzigartiges Planheitsmess- und Regelsystem, bei dem wir mit dem Betriebsforschungsinstitut BFI in Düsseldorf kooperieren.

Die gesamte Fertigung ist in Pforzheim ansässig; Elektrik, Automation, Mechanik. Gleichzeitig ist Ungerer weltweit tätig. Ich habe im Laufe meines Berufslebens viele verschiedene Länder, Kulturen und Mentalitäten kennengelernt. Auch bin ich sehr eng mit den Kulturen in Asien verwurzelt. Ich war 32 Jahre bei ThyssenKrupp in Krefeld beschäftigt und dort zuständig für die Abteilung Walzwerke und Schleifereien; vom Anlagenbediener bis zum Betriebsleiter habe ich alle Ebenen durchlaufen.

2001 und 2002 war ich für Shanghai Krupp Stainless in China tätig, bin anschließend nach Krefeld zurückgekehrt, um später für das ThyssenKrupp New Star-Projekt nach Alabama zu gehen, wo ich für die Planung und Produktion verantwortlich war. Ende 2010 entschloss ich mich, für Fives DMS als General Manager Field Services nach Frankreich zu gehen; nach fünfeinhalb Jahren ging es dann zurück in die Heimat. Ein Jahr lang war ich bei Andritz Sundwig in Hemer tätig, bis das Angebot der REDEX-Gruppe kam, Geschäftsführer bei der Firma Ungerer zu werden.

Wirtschaftsforum: Sie haben die Herausforderung angenommen – und bravourös gemeistert. Haben Sie immer an Ungerer geglaubt? Und wie schätzen Sie die Zukunftsperspektiven des Unternehmens ein?

Klaus Lenz: Die REDEX-Gruppe hat mir von Beginn an vollkommen freie Hand gelassen, um Ungerer wieder auf Kurs zu bringen. Das hat mir großen Raum gelassen, all meine Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte ins Unternehmen und die Gruppe einzubringen. Ich bin generell sehr proaktiv und suche bewusst die Herausforderung. Ich bin Mitglied im Senat der Wirtschaft, der Anregungen für Europa und die Bundesregierung bei regelmäßigen Treffen mit Regierungsmitgliedern aller Parteien gibt. Der weltweite Austausch mit verschiedenen Nationalitäten ist etwas, was ich sehr schätze.

Ungerer hat einen Standort in Shanghai. Dort fertigen wir insbesondere Entfettungseinheiten für unsere Linien, aber auch komplette Anlagenkomponenten unter der Federführung von Ungerer Deutschland auf speziellen Kundenwunsch hin und sind somit in der Lage, auch kompetenten, schnellen Service für unsere asiatischen Kunden zu liefern. Zudem bauen wir unseren amerikanischen Standort in New Jersey aus. Wir expandieren in ganz Europa, vor allem aber auch in Asien und in den USA. Unsere Organisation ist mit nun insgesamt circa 450 Mitarbeitern weltweit stark vertreten. Durch unser sehr breit gefächertes Angebot von den verschiedensten Linien, Spezialwalzwerken, Getrieben und Automations-, Modernisierungs- und Elektroservice in der gesamten REDEX-Gruppe werden wir der aktuellen Marktsituation gerecht.

Eine Umsatzerhöhung auf 40 Millionen EUR nur für Ungerer mit einem 30%igen Serviceanteil lautet das Ziel. Schneller und marktgerechter, auf kundenspezifische Wünsche abgestimmter Service ist bei uns oberste Priorität. Bei aller Dynamik ist das Klima sehr familiär und persönlich geblieben. Im nächsten Jahr werden wir das 125-jährige Jubiläum groß feiern. Wir haben also allen Grund, stolz zu sein und positiv nach vorn zu schauen.

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