„Unser Produkt ist die Technologie, nicht das Bauteil“

Interview mit Ronny Newrly, Vertriebsleiter und Sebastian Janus, Leiter Industrial Engineering der Selectrona GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Newrly, Herr Janus, seit fast 30 Jahren engagiert sich Ihr Unternehmen in der Kunststoffspritzgießtechnologie. Welche Produkte stellen Sie genau her – und wo kommen sie zum Einsatz?

Ronny Newrly: Der Fokus hat sich in den letzten Jahren immer stärker auf unsere Metall-Kunststoff-Hybridbauteile verlagert, die besonders in der Automobilindustrie Verwendung finden. Ursprünglich wurden sie vor allem in der Druck- und Temperatursensorik eingesetzt, später auch in der Aktorik von Verbrennungsmotoren, wo wir von zahlreichen innovativen Entwicklungen in der Motortechnik profitieren konnten. Ebenso kommen unsere Bauteile mittlerweile im Lenkungs- und Bremsbereich sowie in Gehäusen zum Einsatz, in denen von unseren Kunden entsprechende Leiterplatten eigenständig verbaut werden, die dann in ABS-Systemen oder Nockenwellen- und Drehzahlsensoren Verwendung finden.

Wirtschaftsforum: Kaum eine Technologie erfährt gerade einen so rasanten Wandel wie die Antriebstechnik von Kraftfahrzeugen. Bedeutet das für Ihr Unternehmen mehr Chancen oder Risiken?

Ronny Newrly: Aus wirtschaftlicher Sicht ist diese Entwicklung für uns natürlich ein zweischneidiges Schwert. Tatsächlich lassen sich aber auch in Elektroautos viele Anwendungsbereiche für unsere Produkte finden. Noch dazu ist die Elektrifizierung der Antriebstechnik ja kein vollkommen neues Phänomen: Wir haben uns schon 2010 mit Startergeneratoren für die ersten Plug-in-Hybridfahrzeuge beschäftigt.

Wirtschaftsforum: Ist diese starke Ausrichtung auf den Automotive-Sektor nicht ein allgemeines Klumpenrisiko für die Selectrona GmbH?

Ronny Newrly: Die Vor- und Nachteile einer sehr engen Verzahnung mit der Automobilindustrie spüren wir schon unsere gesamte Unternehmensgeschichte hindurch. Und tatsächlich: Wenn es der Automobilbranche nicht gut ging, hat das in Form von rückläufigen Umsatzzahlen sofort auf unsere ureigene wirtschaftliche Situation durchgeschlagen. Wir verfolgen aber schon seit längerer Zeit konkrete Pläne zur weiteren Marktentwicklung unseres Angebotsportfolios, um weniger abhängig vom Automobilgeschäft zu werden, und können hierbei sehr positive Signale erkennen.

Wirtschaftsforum: Bedeutet eine stärkere Marktentwicklung der Produktpalette unter gleichzeitiger Beibehaltung der spezifischen technologischen Expertise nicht die Quadratur des Kreises?

Sebastian Janus: Unser Produkt ist ja in erster Linie die Kombination der Technologie des Kunststoffspritzgießens, der Stanztechnik und der Automatisierungstechnik und kein spezifisches Bauteil. Wir können von der Konzeption der Komponenten bis hin zu ihrer Fertigung jeden Teilabschnitt in unserem Unternehmen abbilden. Ob wir uns mit dieser Kernkompetenz nun isoliert in der Automobilindustrie engagieren oder mithilfe dieser Technik noch zusätzlich Komponenten für andere Industrieanwendungen herstellen, macht keinen großen Unterschied. Die größere Herausforderung besteht vielmehr darin, uns als Unternehmen auf die unterschiedlichen Anforderungen in den verschiedenen Industriezweigen einzustellen. Aus der Automobilbranche sind wir etwa enorme Leistungsanforderungen sowie einen besonders starken Qualitäts- und Preisdruck gewohnt; das mag auf andere Wirtschaftssektoren nicht eins zu eins übertragbar sein. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass unsere Flexibilität als mittelständisches Unternehmen von großem Nutzen sein wird.

Wirtschaftsforum: Voraussetzung für eine effektive Produktion sind auch sinnvolle digitale Strukturen. Wie hat sich Ihr Unternehmen in diesem Segment aufgestellt?

Sebastian Janus: Kaum ein Thema prägt die Neuausrichtung unserer Unternehmensstruktur gerade ähnlich stark. Die digitale Transformation unserer gesamten IT-Infrastruktur wird in diesem und nächstem Jahr eine unserer Hauptinvestitionen sein. Wie bei vielen anderen fertigungsintensiven Wettbewerbern haben auch wir dabei das Ziel, die im Unternehmen generierten Daten so effektiv wie möglich zu nutzen.

Wirtschaftsforum: Sehen Sie darin auch eine Möglichkeit, nach den schwierigen Jahren der Insolvenz neu durchzustarten?

Ronny Newrly: Die Restrukturierung, die 2018 begonnen hat, war natürlich ein harter Einschnitt. Glücklicherweise konnte das Insolvenzverfahren schon im Januar 2020 beendet werden. Wie bei allen Insolvenzen bestand auch für uns das vorherrschende Ziel darin, unsere Mitarbeiter als das wichtigste Kapital unseres Unternehmens davon zu überzeugen, dass wir diesen Weg gemeinsam zu einem erfolgreichen Ende gehen können. Im Fokus stand der Aufbau eines wettbewerbsfähigen Unternehmens, und mit diesem Ziel hat sich die Selectrona GmbH sukzessive neu aufgestellt, um nun aus der bestehenden Mannschaft heraus als flexibles Unternehmen weiter zu wachsen und die Kundeninteressen in den Mittelpunkt zu stellen.

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