„Eigentlich hat jeder schon den Startschuss gehört!“
Interview mit Tassilo Hibler, Technical Director der SD GmbH Klaus Hirsch

Wirtschaftsforum: Herr Hibler, die SD GmbH Klaus Hirsch blickt inzwischen auf 30 Jahre Erfahrung in der Fertigung von Rohren zurück, die vorwiegend in den Bereichen Mobilität und Energietechnik zum Einsatz kommen.
Tassilo Hibler: Gestartet ist das Unternehmen damals noch mit Sensoren und Dosierpumpen, daher auch unser Firmenname SD. Im Rahmen einer Nacharbeit durften wir dann einen unserer Kunden beim Biegen von Rohren für seine Schiebedachsysteme unterstützen; der entsprechende Prozess wollte seinem eigenen Team einfach nicht gelingen. Von unserem Know-how war man dann so überzeugt, dass daraus schnell ein eigener Geschäftszweig entstand. Das Dosierpumpengeschäft haben wir dagegen schon lange abgestoßen, und auch in der Sensortechnik konzentrieren wir uns inzwischen ausschließlich auf langjährige Bestandskunden, für die wir in kleineren Serien noch hochwertige Temperatursensoren für Klimaanlagen und ähnliche Zwecke herstellen.
Wirtschaftsforum: Wie konnte derweil Ihr Rohrgeschäft so stark wachsen?
Tassilo Hibler: Wir haben uns von Anfang an komplexeren Anwendungsfeldern verschrieben, für die wir auch eigene Rohrbiegesysteme entwickelt und dazu maßgeschneiderte Kundenwerkzeuge gebaut haben. So konnten wir Rohrgeometrien erzeugen, die auf klassischem Wege nicht möglich waren. Dieses Know-how war in der Automobilindustrie vor allem im Schiebedachbereich gefragt, denn dieser Teil des Fahrzeugs wird fast immer als letztes konstruiert, weshalb dazu sehr oft komplexe Sondergeometrien benötigt wurden. Mit dieser Positionierung sind wir sicherlich zu einem der Weltmarktführer in unserem Bereich avanciert. Schließlich flossen unsere Komponenten in die Produkte aller bekannten OEMs ein.
Wirtschaftsforum: Als die Schiebedächer zunehmend rohrlos wurden, bedeutete dies für Ihr Unternehmen eine enorme Portfolioverschiebung.
Tassilo Hibler: Wir hatten uns zu diesem Zeitpunkt auch schon länger im Kraftstoffbereich engagiert, wo unsere Lösungen vor allem bei Standheizungen zum Einsatz kamen. Inzwischen beliefern wir auch die Wärmepumpenindustrie mit klassischen CNC-gebogenen Rohren. Der Automobilindustrie sind wir aber bis heute treu geblieben. So versorgen wir mittlerweile etwa Stellantis mit Lösungen für seine Hauptgetriebe.
Wirtschaftsforum: Ihr Leistungsspektrum haben Sie mit der Zeit ebenfalls systematisch erweitert.
Tassilo Hibler: Auch das entstand über konkrete Kundenanfragen, etwa zur Anformung von Sicken und später von Blechen. Daraus haben sich mit der Zeit ganze Zusatzprozesse entwickelt: vom Löten über das Laserschweißen bis hin zum Verpressen, wobei wir alle dazu benötigten Maschinen und Vorrichtungen selber bauen – von Laserschweißrobotern bis hin zu MIG/MAG-Aluminiumschweißanlagen. Gleichzeitig haben wir uns bei den verarbeiteten Materialien von normalen Stahlrohren über Aluminium, Kupfer, Stahl und Edelstahl auch zu Nickellegierungen weiterentwickelt, die nun in Stromgeneratoren für besonders unwirtliche Umgebungen wie Fracking-Felder oder Raumfahrtanwendungen eingesetzt werden. Das geht natürlich mit enormen Anforderungen an das jeweilige Bauteil einher.
Wirtschaftsforum: Wie nehmen Sie derweil die aktuelle Marktlage wahr?
Tassilo Hibler: Die Welt ist heute von einer enormen Unsicherheit geprägt, weshalb wir nur noch mit sehr kurzen Planungshorizonten arbeiten können. Vor etlichen Jahren, als die Automobilindustrie noch ein riesiger Wachstumsmarkt war, ist das anders gewesen. Dank unserem vielfältigen Leistungsspektrum können wir uns glücklicherweise schnell an Marktveränderungen anpassen. Gleichzeitig erkennen wir weiterhin enormes Potenzial im Markt – in unseren angestammten Branchen wie auch in anderen Wachstumssegmenten, etwa in der Rüstungsindustrie, wo wir derzeit Kontakte knüpfen. Mich beschleicht oft der Eindruck, jeder habe den Startschuss eigentlich schon gehört, aber noch niemand traut sich so recht über die Startlinie.
Wirtschaftsforum: Mit welchen Herausforderungen geht Ihre Öffnung für neue Branchen einher?
Tassilo Hibler: Bisher sind unsere Prozesse stark auf das Seriengeschäft ausgelegt. Wir müssen nun also gewisse Inseln schaffen, in denen wir auch kleinere Produktchargen marktgerecht herstellen können. Gleichzeitig müssen wir uns ein Stück weit von unserem angestammten Automobil-Mindset lösen, das von streng reglementierten Prozessen, detailliert ausgearbeiteten Vertragswerken und perfekt ausdefinierten technischen Zeichnungen geprägt ist, was allein schon dem dort herrschenden Kosten- und Haftungsdruck geschuldet ist. Unternehmen aus anderen Branchen oder in jüngeren Phasen ihrer Entwicklung haben hingegen deutlich mehr Beratungsbedarf, bisweilen auch zu den Dichtheitsanforderungen an ihre Rohrsysteme. Hier können wir natürlich mit unserer langjährigen Erfahrung und unserem tiefen fachlichen Know-how perfekt unterstützen.
Wirtschaftsforum: Wie blicken Sie derweil auf die politischen Rahmenbedingungen?
Tassilo Hibler: Das unbeständige regulatorische Umfeld zur Wärme- und Verkehrswende hat sicherlich zum vorherrschenden Unsicherheitsgefühl im Markt beigetragen. Mit Blick auf die Landtagswahlen dieses Jahr fände ich es zudem wichtig, wenn wir gesamtgesellschaftlich zu mehr Besonnenheit finden würden, denn gerade wenn der Rest der Welt verrückt zu spielen scheint, sollten wir uns doch umso mehr auf ein starkes Miteinander besinnen.













