Vom Familienbetrieb zur Industriegruppe: Schornsteintechnik im strategischen Aufbruch
Interview mit Antonio Cervino, Geschäftsführer der Steegmüller Kaminoflex GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Cervino, Steegmüller feiert 50-jähriges Jubiläum. Wie hat sich das Unternehmen entwickelt?
Antonio Cervino: Steegmüller wurde 1976 von Heinz Steegmüller in Villingen-Schwenningen gegründet und zählt zu den frühen Anbietern der Branche. Bis heute sind wir ein reiner Hersteller und vertreiben ausschließlich über Fachhändler, bewusst ohne eigene Montage, um keine Konkurrenz zu unseren Kunden aufzubauen. Mit der Übernahme durch die italienische EXPO Inox S.p.A. im Juli 2025 wurde zudem ein wichtiger Zukunftsschritt gesetzt. Heute beschäftigen wir rund 60 Mitarbeitende und erwirtschaften etwa 7,5 Millionen EUR Umsatz. Ich bin 2019 ins Unternehmen eingestiegen, habe mich dort weiterentwickelt, unter anderem als COO Verantwortung übernommen und bin seit dem 01.07.2025 Geschäftsführer.
Wirtschaftsforum: Was zeichnet Ihr Produktportfolio aus?
Antonio Cervino: Wir entwickeln eigene Systemabgasanlagen, einwandig und doppelwandig. Neben dem Seriengeschäft machen Sonderlösungen bis zu 30% aus, häufig in Losgröße eins. Unser Fokus liegt auf Qualität und Montagefreundlichkeit. Unsere Systeme funktionieren wie ein Baukastensystem, auf das sich Kunden langfristig verlassen können. Wir sind nicht der günstigste Anbieter, positionieren uns aber klar über Qualität, Normtreue und einfache Installation.
Wirtschaftsforum: Wer sind Ihre Kunden und Märkte?
Antonio Cervino: Unsere Kunden sind Ofen- und Heizungsbauer, spezialisierte Schornsteintechnikbetriebe und Großhändler. Die Anwendungen reichen vom Einfamilienhaus über Sanierungen bis hin zu industriellen Projekten. Der Schwerpunkt liegt in der DACH-Region, perspektivisch eröffnen sich durch die EXPO Inox Gruppe zusätzliche europäische Märkte.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt die industrielle Blechfertigung?
Antonio Cervino: Wir arbeiten in zwei Bereichen. Werk 1 ist handwerklich geprägt und bildet den klassischen Schornsteinbau ab. Werk 2 haben wir in den letzten Jahren konsequent industrialisiert. Dort fertigen wir Edelstahl- und Aluminiumteile für den Sondermaschinenbau, vor allem für Kunden aus der Pharma- und Lebensmittelindustrie, auch in Losgröße eins. Daraus sind neue Produkte wie Räucheranlagen, Abluftsysteme und Outdoor-Grillkamine entstanden.
Wirtschaftsforum: Wie haben Sie die Krisenjahre erlebt?
Antonio Cervino: Zunächst gab es einen starken Nachfrageboom, ausgelöst durch den Wunsch nach mehr Energieunabhängigkeit. Danach folgten Herausforderungen durch Lieferengpässe, hohe Rohstoffpreise und längere Lieferzeiten. Mit der Marktabkühlung kam ein deutlicher Rückgang, insbesondere im Schornsteinbereich. Inzwischen haben wir uns stabilisiert und liegen wieder etwa auf dem Niveau vor den Krisenjahren.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen Digitalisierung und Automatisierung?
Antonio Cervino: Wir haben diese Themen spät gestartet, treiben sie aber seit zwei Jahren konsequent voran. Besonders in Werk 2 sind unsere Prozesse heute stark digital vernetzt, von ERP und PPS bis hin zu Laser- und Kanttechnik. Werk 1 bleibt bewusst flexibel und handwerklich geprägt, was uns bei Sonderlösungen große Vorteile verschafft.
Wirtschaftsforum: Welche Maßnahmen verfolgen Sie im Bereich Nachhaltigkeit?
Antonio Cervino: Edelstahl ist vollständig recycelbar und damit ein sehr nachhaltiger Werkstoff. Produktionsreste werden regional weiterverwertet, und unsere Abläufe sind auf Effizienz ausgelegt. Die Mülltrennung ist zentral organisiert und eine Photovoltaikanlage ist in Planung. Zusätzlich sorgt die Langlebigkeit unserer Produkte für eine nachhaltige Gesamtbilanz.
Wirtschaftsforum: Wohin soll die Reise gehen?
Antonio Cervino: Mit EXPO Inox erweitern wir unser Portfolio, unter anderem um neue Produktlinien wie schwarz lackierte Ofenrohre, und können künftig noch mehr aus einer Hand anbieten. Parallel führen wir SAP-Strukturen ein und treiben Innovationen weiter voran. Ein Beispiel ist eine Lösung, bei der Schornsteine bis zu 6 m freistehend umgesetzt werden können, inklusive statischem Nachweis. Unser Ziel ist klar. Wir wollen unsere Position als einer der führenden Anbieter für Systemabgastechnik in Deutschland weiter ausbauen und gleichzeitig die Chancen innerhalb der EXPO Inox Gruppe konsequent nutzen.










