Von Zapfsäule bis Shop: Technik, die verbindet

Interview mit Othmar Nussbaum, Geschäftsführer der Ratio Elektronik GmbH

Ende der 1970er-Jahre startete Ratio Elektronik in Ravensburg mit der Entwicklung und dem Bau eines Selbstbedienungs-Tankautomaten. Doch 1986 nahm der erste Teil der Firmengeschichte ein jähes Ende – das Unternehmen war insolvent. Es folgte eine Neugründung mit zwei Investoren unter dem heutigen Namen. Geschäftsführer Othmar Nussbaum beteiligte sich 1996 am Unternehmen und übernahm ein Drittel der Anteile von einem der beiden Investoren. Nach und nach kaufte er weitere Geschäftsanteile hinzu.

Nachdem ein Investor in die Insolvenz gegangen war, übernahm er das Unternehmen 2005 schließlich vollständig. Im selben Jahr stieg er als Geschäftsführer ein. Im vergangenen Jahr trennte er sich von allen Anteilen. Seitdem gehört Ratio Elektronik zu 100% der französischen global aufgestellten MADIC Group. 21 Mitarbeiter sind im Unternehmen beschäftigt. „In Deutschland betreuen wir 1.600 Tankstellen, in Österreich sind es rund 600“, berichtet Othmar Nussbaum, der sich in naher Zukunft ganz aus dem Unternehmen zurückziehen und die Geschäftsführung an einen Nachfolger übergeben wird. 
 

Ratio Elektronik vernetzt

Schon in der Anfangszeit hatte Ratio Elektronik ein Abrechnungssystem entwickelt, das es ermöglichte, Tankkarten auszugeben, mit denen die Kunden auf Kredit tanken konnten. 2002 entwickelte das Unternehmen auch eine eigene Kasse. „Das einstige Abrechnungssystem wurde immer mehr erweitert und hat sich inzwischen zu einem Managementsystem entwickelt. Mit diesem können heute ganze Tankstellennetze gemanagt werden.

Unser größter Kunde betreibt 250 Tankstellen, die mit unserem System gemanagt werden“, erklärt Othmar Nussbaum. Die Kassen wurden von Beginn an mit Microsoft-Software betrieben, was eine Vernetzung über das Internet ermöglichte. „Mit der Software können die Daten jeder einzelnen Tankstelle in einem Netz, ganz gleich, ob es sich um eine Tankstelle mit Shop oder um eine unbewachte Tankstelle handelt, von der Zentrale abgerufen werden. Der Betreiber kann so beispielsweise feststellen, mit welchen Karten gezahlt wurde oder welche Verkäufe im Shop getätigt wurden.

Mit den Kassen kann die gesamte Warenwirtschaft verwaltet und zugleich das Nassgeschäft, also das Geschäft mit den Kraftstoffen, abgewickelt werden“, so der Geschäftsführer. Er verweist zudem auf eine Besonderheit im Tankgeschäft: „Hier haben wir eine Vielzahl von Kreditkarten, da viele Tankstellen eigene Karten herausgeben. Mit unserem System können wir 27 Flottenkarten an einem Automaten abwickeln.“ Bei den Kunden von Ratio Elektronik handelt es sich um mittelständische Tankstellen und Betriebstankstellen in den Werken von AUDI, VW und Mercedes sowie bei der Bundeswehr. „Durch unsere breite Kundenbasis sind wir nicht abhängig von einzelnen Händlern“, betont Othmar Nussbaum. 

Immer zur Stelle mit Remote-Support

Ratio Elektronik kann auf eine Vielzahl treuer Kunden zählen. „Viele von ihnen setzen schon seit mehr als 30 Jahren auf unsere Systeme“, erzählt der Geschäftsführer. Er hebt besonders den guten technischen Support hervor, der die Kunden überzeugt. Funktioniert trotz der stabilen Systeme einmal etwas nicht, kann sofort remote geholfen werden. Der Vertrieb erfolgt über ein Netz von Vertriebspartnern, die jeweils die Kunden in ihrer Region betreuen.

Daneben präsentiert sich das Unternehmen jeweils alle zwei Jahre auf der Unity in Stuttgart, einer Messe des Verbands der größten Tankstellenunternehmen, und auf der Messe des bft (Bundesverband freier und unabhängiger Tankstellen) in Essen.

Im Unternehmen herrscht eine flache Hierarchie. „Ich habe einen Betriebsleiter und einen Entwicklungsleiter, der ein Team von fünf Leuten führt. Dieses agiert weitgehend selbstständig und hat auch Kontakt zum Kunden“, berichtet Othmar Nussbaum. Die Atmosphäre beschreibt er als familiär, kommuniziert werde im Unternehmen auf kurzen Wegen. 

Mit Ladesäulen im deutschen Markt Fuß fassen

Das Ziel – auch des neuen Investors – ist, mit aktuellen technischen Lösungen weitere Kunden im Mittelstand zu gewinnen. „Hier werden wir weitere Schnittstellen und Funktionen entwickeln“, kündigt Othmar Nussbaum an. Dass MADIC auch eigene Ladesäulen mit Gleich- und Wechselspannung anbietet, eröffne zudem neue Möglichkeiten: „Wir hoffen, mit ihren Gleichspannungsladesäulen im deutschen Markt Fuß zu fassen.

MADIC hat auch eine Wasserstoffsäule entwickelt. Diese befindet sich noch in der Pilotphase. Damit würden wir uns allerdings in einem ganz anderen Markt bewegen“, erklärt er. Der Kartenrouter Global Office soll in jedem Fall europaweit angeboten werden. „Über die MADIC Group haben wir jetzt die Möglichkeit, das internationale Netzwerk dafür zu nutzen“, so der Geschäftsführer. 

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Warum dezentrale Energie die Antwort auf globale Risiken ist

Interview mit Justas Karaliunas, CEO der EnerPro GmbH

Warum dezentrale Energie die Antwort auf globale Risiken ist

Globale Energiemärkte stehen unter Druck: Digitalisierung, geopolitische Spannungen und rasant steigender Strombedarf fordern neue, resilientere Versorgungskonzepte. Während Staaten und Versorger um Lösungen ringen, wächst die Nachfrage nach dezentralen, effizienten und…

Intelligente Lagertechnik für eine neue Produktionsrealität

Interview mit Thomas Lehner, Geschäftsführer der Fehr Lagerlogistik AG

Intelligente Lagertechnik für eine neue Produktionsrealität

Lieferketten sind fragiler geworden, Produktionsprozesse komplexer, qualifizierte Fachkräfte schwerer zu finden. Automatisierte Lagerlösungen werden dadurch zu zentralen Bestandteilen moderner Supply Chain-Strategien. Die Fehr Lagerlogistik AG hat sich genau hier positioniert…

Transformation auf Augenhöhe

Interview mit Thomas Blöchl, CEO der T.CON GmbH & Co. KG

Transformation auf Augenhöhe

Wer die digitale Transformation in der produzierenden Industrie voranbringen will, braucht mehr als technologische Expertise. Gefragt sind Partner, die Prozesse verstehen, Veränderungen begleiten und Unternehmen langfristig durch den Wandel führen.…

Spannendes aus der Region Landkreis Ravensburg

Renaissance der Ingenieurskunst – vom Entscheiden statt Reagieren

Interview mit Suwi Murugathas, Geschäftsführer der newboxes GmbH

Renaissance der Ingenieurskunst – vom Entscheiden statt Reagieren

Die deutsche Industrie steckt im Wandel – Lieferketten stocken, Regularien explodieren, KI verändert alles. Wer in dieser Gemengelage nicht nur berät, sondern wirklich mitgestaltet, braucht mehr als Methodenkompetenz. Die newboxes…

Was Maschinen können, beginnt beim Menschen

Interview mit Maximilian Schmidt, Geschäftsführer der Kiesel GmbH

Was Maschinen können, beginnt beim Menschen

Ob Glasfaserausbau, Großbaustellen oder Recyclingzentren – ohne leistungsfähige Maschinen kommt heute keine Infrastrukturmaßnahme mehr aus. Die Kiesel GmbH aus Baienfurt gilt als eines der führenden Familienunternehmen im Bereich Baumaschinenhandel und…

Der Motor läuft weiter

Interview mit Dipl.-Ing. Hans-Jürgen Schnell, Geschäftsführer der HJS Motoren GmbH

Der Motor läuft weiter

Die Planung und Umsetzung von Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien stehen seit Jahren unter dem Einfluss sich regelmäßig ändernder Rahmenbedingungen – eine Entwicklung, die zunehmend zu Planungsunsicherheit führt und…

Das könnte Sie auch interessieren

Smarte Services für starke Prozesse

Interview mit Markus Zipper, Geschäftsführer der ProLog Automation GmbH & Co. KG

Smarte Services für starke Prozesse

Die Einführung fahrerloser Transportsysteme (FTS) ist für viele Unternehmen ein zentraler Baustein auf dem Weg zur Automatisierung und Effizienzsteigerung. Doch der nachhaltige Erfolg solcher Systeme hängt nicht allein von der…

Wenn Prozesse halten, was Technik verspricht

Interview mit Arndt Wiesheu, Geschäftsführer und Louis Wiesheu, Verkaufsleiter der Wiesheu Elektronik GmbH

Wenn Prozesse halten, was Technik verspricht

Elektronik ist längst ein strategischer Faktor: Sie entscheidet über Effizienz, Produktqualität und die Fähigkeit, Maschinen und Geräte überhaupt lieferfähig zu halten. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Dokumentation, Schnittstellen und Versorgungssicherheit.…

Engineering für besondere Aufgaben

Interview mit Dr. Wolfgang Heimberg, Geschäftsführer der HTI Automation GmbH

Engineering für besondere Aufgaben

Vom Physiker in der Automobilentwicklung zum Unternehmer in der Laborautomation: Dr. Wolfgang Heimberg hat mit der HTI Automation GmbH einen Spezialisten aufgebaut, der sich bewusst zwischen Standard und Individualität positioniert.…

TOP