„Unsere Anlagen laufen rund um die Uhr!“
Interview mit Martin Müller, CEO bis 2025 der Polymetrix AG

Wirtschaftsforum: Herr Müller, nach fast fünf Jahrzehnten bei Polymetrix – wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dass aus einer technischen Speziallösung ein weltweites Geschäft werden könnte?
Martin Müller: Ein Schlüsselmoment war Ende der 1980er-Jahre. Wir nahmen damals Anlagen in Korea in Betrieb, als Besucher eines großen amerikanischen Konzerns auf unseren Prozess aufmerksam wurden. Sie erkannten sofort, dass unser Verfahren sich deutlich von den damals üblichen Lösungen unterschied: weniger mechanisch bewegte Teile, dafür robuste, statische Prozessschritte mit Wirbelschichten. Das bedeutete weniger Verschleiß, geringeren Wartungsaufwand und eine außergewöhnlich hohe Verfügbarkeit.
Aus dieser Begegnung entstand ein Großauftrag, der uns international bekannt machte. Von da an konnten wir kontinuierlich weiter Marktanteile gewinnen.
Wirtschaftsforum: Wie entwickelte sich aus diesen Anfängen das heutige Unternehmen?
Martin Müller: Die Wurzeln liegen bei Bühler in der Schweiz und der damaligen Bühler Miag in Braunschweig. Ende der 1970er-Jahre entstand die Idee, vorhandene Technologien aus dem Lebensmittelbereich für die Verarbeitung von Polyester einzusetzen. Zunächst bauten wir Trocknungsanlagen für die Textilindustrie, später kamen Anwendungen für PET-Flaschen hinzu. Ich kam Mitte der 1980er-Jahre ins Unternehmen und durfte diesen neuen Geschäftsbereich mit aufbauen. Aus einer technologischen Nische entwickelte sich somit Schritt für Schritt ein weltweit tätiger Spezialist.
Wirtschaftsforum: Worin liegt die besondere Stärke von Polymetrix?
Martin Müller: Wir entwickeln und bauen Anlagen zur thermischen Behandlung von Kunststoffen in fester Phase. Unsere Kunden nutzen sie, um Granulate, Pulver oder Flakes zu trocknen, zu kristallisieren, nachzukondensieren oder zu konditionieren. Das aufbereitete Material wird anschließend beispielsweise zu Getränkeflaschen oder Polyesterfasern verarbeitet. Unser entscheidender Vorteil ist das über Jahrzehnte aufgebaute Prozess-Know-how. Wir entwickeln die Kerntechnologien selbst und können sie mithilfe unseres Labors und eigener Simulationsprogramme zuverlässig bis in industrielle Größenordnungen übertragen.
Wirtschaftsforum: Nachhaltigkeit prägt die Kunststoffindustrie heute stärker denn je. Wann wurde Recycling für Polymetrix zum strategischen Thema?
Martin Müller: Erstaunlich früh. Bereits Mitte der 1990er-Jahre haben wir uns gefragt, wie sinnvoll es ist, riesige Mengen Kunststoff zu produzieren, die nach kurzer Nutzung entsorgt werden. Daraus entstand die Idee, einen Prozess zu entwickeln, mit dem gebrauchte PET-Flaschen wieder zu hochwertigem Granulat verarbeitet werden können, das erneut für Lebensmittelverpackungen geeignet ist. 1997 entstand die erste Anlage in Frankreich. Der eigentliche Boom setzte allerdings erst rund 20 Jahre später ein, als gesetzliche Vorgaben und das wachsende Umweltbewusstsein den Markt nachhaltig veränderten.
Wirtschaftsforum: Ihre Märkte haben sich im Laufe der Jahre mehrfach verschoben.
Martin Müller: Das Geschäft ist den globalen Investitionen gefolgt. Anfangs standen Europa und die USA im Mittelpunkt, danach kam China hinzu, bevor sich das Wachstum erneut nach Asien verlagerte. Heute ist unser Recyclinggeschäft weltweit aufgestellt. Wir realisieren Projekte in Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Asien. Diese internationale Ausrichtung verlangt viel Flexibilität, eröffnet aber gleichzeitig enorme Chancen.
Wirtschaftsforum: Wie behauptet sich ein vergleichsweise kleines Unternehmen gegen internationale Wettbewerber?
Martin Müller: Mit Fokus und Kontinuität. Wir wollten nie alles anbieten, sondern in unserem Spezialgebiet technologisch führend sein. Gleichzeitig haben wir unsere Organisation bewusst schlank gehalten und steuern den weltweiten Vertrieb weitgehend von der Schweiz aus. Entscheidend ist jedoch unsere Reputation. Unsere Anlagen laufen rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr. Viele Kunden stellten im Betrieb fest, dass sie sogar höhere Leistungen erzielen konnten als ursprünglich geplant. Solche Erfahrungen sprechen sich in der Branche herum und schaffen Vertrauen.
Wirtschaftsforum: Welche Themen werden die Zukunft bestimmen?
Martin Müller: Energieeffizienz, Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Im Neuanlagenbereich konnten wir den Energieverbrauch unserer Prozesse bereits deutlich reduzieren und arbeiten daran, Anlagen mit weniger Apparaten noch effizienter zu gestalten. Im Recycling wird die Rückverfolgbarkeit von Materialströmen immer wichtiger, sowohl aus regulatorischen Gründen als auch für die Lebensmittelsicherheit. Unsere chinesischen Eigentümer investieren deshalb intensiv in KI-Anwendungen für das Engineering. Ich begleite diesen Wandel noch als Berater, weil der Wissenstransfer Zeit braucht. Die Verbindung aus Schweizer Entwicklungs-Know-how und der Stärke unseres Partners in China bietet aus meiner Sicht beste Voraussetzungen, damit Polymetrix auch künftig technologisch an der Spitze bleibt.













