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Die Anforderungen und Visionen der Kunden zu Lösungen machen

Interview mit Dipl.-Ing. Achim Dries, Geschäftsführer der Paul Vahle GmbH & Co. KG

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Wirtschaftsforum: Herr Dries, die Paul Vahle GmbH und Co. KG kann auf eine über 100-jährige Firmengeschichte zurückblicken. Den Startschuss für die Gründung gab eine bis heute wegweisende Erfindung: die Stromschiene.

Achim Dries: Richtig. Die Stromschiene wurde 1912 von Paul Vahle erfunden, der sie zum Patent anmeldete und daraufhin sein eigenes Unternehmen, ursprünglich in Dortmund, gründete. Die Erfindung war insofern revolutionär, als dass damit die Elektrifizierung verschiedenster Anwendungen möglich wurde. Das ist bis heute so und die Basis dafür, dass wir in so vielen unterschiedlichen Branchen unterwegs sind – wir bedienen etliche Märkte.

Wirtschaftsforum: Welche Produkte umfasst das Portfolio von VAHLE heute und in welchen Branchen sind Sie aktiv?

Achim Dries: Außer Stromschienen und Schleifleitungen entwickeln und produzieren wir Systeme auch zur kontaktlosen Energieübertragung, sicheren Datenübertragung, Positionierung und Steuerung sowie Leitungswagen, Feder- und Motorleitungstrommeln – im Grunde alles, was für die Energie- und Datenübertragung in mobilen Industrieanwendungen benötigt wird. Insofern sind wir eben auch hinsichtlich der Branchen, die wir bedienen, breit aufgestellt: Das Spektrum reicht von Krantechnik über Intralogistik, Automotive, Hafentechnik und Bahn- und Aufzugstechnik bis hin zur Bestromung von Fahrgeschäften für Freizeitparks.

Wirtschaftsforum: Wie würden Sie bei dieser in der Tat sehr breiten Aufstellung die Marktposition Ihres Unternehmens beschreiben?

Achim Dries: Tatsächlich fällt unsere Marktposition je nach Branche unterschiedlich aus: In der Automotiveindustrie sind wir Weltmarktführer. Unsere Elektrifizierungs- und Steuerungstechnik sowie unsere Datenübertragungssysteme kommen weltweit bei allen namhaften Automobilherstellern in deren Fertigungsstraßen zum Einsatz. Weltmarktführer sind wir auch im Bereich Freizeitparks und den dazugehörigen Achterbahnen und Fahrgeschäften, die wir mit Systemen zur Bestromung und modernster Positionierungstechnik versorgen – wie zum Beispiel im Disneyland. In der Intralogistik sind wir gleichauf mit einem führenden Marktbegleiter und in der Hafentechnik sind wir guter Zweiter.

Wirtschaftsforum: Wenn Sie in der Firmengeschichte zurückblicken: Wie ist das Unternehmen geworden, was es heute ist und was waren dabei entscheidende Meilensteine?

Achim Dries: Bis in die 1970er-Jahre ist VAHLE unter dem Sohn des Gründers als Familienunternehmen geleitet worden. Danach übernahm sein Neffe die Geschäftsführung, der die Firmenkultur bis 2007 maßgeblich geprägt hat und der auch die Internationalisierung in Gang setzte, indem das Unternehmen zunächst an den französischen, später auch an den italienischen und niederländischen Markt ging. Heute haben wir 12 Tochterunternehmen, unter anderem auch in den USA und China, denn die letzten acht Jahre standen im Zeichen der Internationalisierung: 70% unserer Produkte gehen in den Export. Darüber hinaus haben wir uns mit unserem 2017 eröffneten Standort bei Kufstein in Österreich, der VAHLE Automation GmbH, ein Innovations- und Entwicklungshub geschaffen, das für uns ein wichtiger strategischer Baustein ist, denn die Bereiche Automatisierung und Digitalisierung werden immer wichtiger. Die VAHLE Automation ist unser Kompetenzzentrum für Automationslösungen: Gemeinsam mit unserer Forschungs- und Entwicklungsabteilung am Headquarter in Kamen bildet die VAHLE Automation eine Technologieachse, um so die Entwicklung smarter Systemlösungen für die digitale Welt voranzutreiben. Bis heute befindet sich VAHLE übrigens in Familienbesitz, inzwischen in 3. und 4. Generation.

Wirtschaftsforum: Die breite Aufstellung ist sicher ein Grund für den Erfolg von VAHLE. Welche weiteren Gründe fallen Ihnen ein?

Achim Dries: Zum einen entwickeln wir uns ständig weiter. Wir sind sehr innovativ und gehen immer neue Themen an. Die Lösungen, die Kunden erwarten, antizipieren und entwickeln wir; die Lösungen sind da, wenn sie benötigt werden – gerade auch in zukunftsträchtigen Branchen. Im Automotivebereich etwa begleiten wir so den Strukturwandel zur Elektromobilität. Bei uns gibt es nicht nur Produkte, sondern ganze Systemlösungen. 50% unseres Geschäftes ist ein intelligenter, modularer, hochkomplexer Baukasten, mit dem wir Kundenanforderungen schnell bedienen können: Wir lasten sie in unseren Customer Hub ein – den Vahle Onlineshop und Projektierplattform - der daraufhin – ein, der daraufhin die passende Konfiguration inklusive Bepreisung und Verfügbarkeit der Produkte ausgibt. Dieser steht natürlich auch für unsere Kunden online bereit. Nur so lässt sich die Schnelligkeit erreichen, die es braucht, damit ein Kunde eine Bestellung tätigt. Ich denke, es ist zum einen die Kombination aus Qualität, dem richtigen Preis, Lieferfähigkeit und Schnelligkeit, die uns so erfolgreich macht. Zum anderen ist unser System an sich einzigartig, eben weil sich daraus sämtliche Komponenten für eine Vielzahl von Anwendungen in ganz verschiedenen Branchen formen lassen. Wir stehen für innovative Lösungen, aber das eben auch auf einem qualitativ sehr hohen Niveau und mit hoher Zuverlässigkeit. Das klingt altmodisch, ist aber extrem wichtig für Prozesse in Industriezweigen, die Agilität, Produktivität und Nachhaltigkeit erzeugen müssen. Wir machen die Visionen und Anforderungen der Kunden zu unseren Lösungen!

Wirtschaftsforum: Was waren die bisher spannendsten Projekte, die Sie durchgeführt haben?

Achim Dries: Unser Leuchtturmprojekt ist ganz klar das größte und höchste Aussichtsrad der Welt, das Ain Dubai, welches zur Expo 2021 in Betrieb genommen wird. Mit einer Höhe von über 250 m und mit 48 Kabinen, ein im wahrsten Sinne des Wortes ‘großes’ und herausforderndes Engineeringprojekt! Bereits einige Jahre zuvor hatten wir auch das bis dato weltweit zweitgrößte Riesenrad, den Singapore Flyer, bestromt. Maßgeschneidertes Engineering ist für uns insofern immer spannend, auch in anderen Bereichen.

„Bei uns gibt es keine Produkte, sondern Systeme.“ Achim DriesGschäftsführer
Achim Dries

Wirtschaftsforum: Sie sprachen eben von Prozessen in Industriezweigen, die Agilität, Produktivität und Nachhaltigkeit erzeugen müssen. Nennen Sie uns einige Beispiele dafür, wie Sie mit Ihrer Arbeit erreichen, dass das funktioniert?

Achim Dries: Agilität, Produktivität und Nachhaltigkeit sind drei große Trends der heutigen Zeit. Ein gutes Beispiel ist die Hafentechnik: Wir bedienen seit über 10 Jahren weltweit Containerhäfen, wo wir Diesel-Krananlagen auf elektrische Energie umrüsten. So haben wir mit Felixstowe den größten Hafen in England komplett elektrifiziert und mittlerweile sogar automatisiert, sodass Krane automatisch aus dem Leitstand ʻon-remoteʼ gesteuert werden können. Elektrizität ist günstiger als Diesel, der Hafenbetreiber spart insofern einerseits Kosten und setzt gleichzeitig die Vorgaben zur Emissionssenkung um. Häfen werden so deutlich sauberer und natürlich viel effizienter durch VAHLE-Lösungen. Gleiches gilt für das weltweit erste vollautomatische Containerterminal im Hafen vom Laem Chabang in Thailand. Dies ist ebenfalls ein weiteres Projekt der Superlative, auf das man bei VAHLE zu Recht stolz ist. Für uns selbst denken wir darüber nach, unsere Energieversorgung durch eine eigene Fotovoltaikanlage zu unterstützen.

Wirtschaftsforum: VAHLE folgt, so geht aus unserem Gespräch hervor, einer Strategie der vielseitigen Aufstellung, Internationalisierung und Innovationsführerschaft. Wo möchten Sie Ihr Unternehmen in den nächsten fünf Jahren sehen?

Achim Dries: Ende 2020 haben wir die Fünfjahresstrategie artikuliert. Unsere Vision für 2025 ist komplex, sie ist ein Bündel verschiedener strategischer Themen. Ein Schwerpunkt ist die Suche nach strategischen Partnerschaften, Stichwort Cooperative Thinking. Hier führen wir bereits konkrete Gespräche: beispielsweise über eine Partnerschaft mit Panasonic in Japan sowie über eine Partnerschaft mit einem deutschen Familienunternehmen, das weltweit hervorragend aufgestellt ist. Schwerpunkt ist nach wie vor auch das Thema Innovation: Hier werden wir in noch größerem Umfang Trend Scouting machen. Ende des dritten Quartals dieses Jahres werden wir mit einer intelligenten Lösung an den Markt gehen. Davon erwarten wir viel, sie durchläuft gerade die Pilot- und Testphase bei einem großen Unternehmen. Und 2025? Da möchten wir im Markt als das Unternehmen gesehen werden, welches es versteht, Marktbedürfnisse vorausschauend zu erkennen und sie in intelligente Lösungen zu verpacken.

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