„Wir erleben gerade einen Zuspruch wie nie zuvor“

Interview mit Guido Schmidt, Geschäftsführer der KS-Recycling GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Herr Schmidt, Ihr Unternehmen lebt davon, aus Sonderabfällen neue Stoffe, unter anderem Öle, zu gewinnen. Wird im Zuge der Elektrifizierung und des Verschwindens von Benzin und Heizöl überhaupt noch so viel Öl gebraucht werden?

Guido Schmidt: Gerade wegen der Elektrifizierung dürfte der Bedarf an bestimmten Ölen sogar noch steigen: Denken Sie etwa an die Transformatoren, die zur Umwandlung von Hoch- in Niederspannungsstrom benötigt werden. Dieser Prozess ist ohne sogenanntes Transformatorenöl nicht durchführbar. Gleiches gilt für die zahlreichen Bereiche, in denen verschiedenste Schmierstoffe zum Einsatz kommen, die ebenfalls am Ende unserer Recyclingverfahren als neue Produkte zur Verfügung stehen: Denn in Elektroautos sowie in den Getrieben von Windrädern oder Schiffen müssen genauso Schmiereigenschaften generiert werden wie in Fahrzeugen und Anlagen mit Verbrennungsmotoren. Der Verbrauch an Heizöl und Benzin wird über kurz oder lang tatsächlich deutlich zurückgehen – doch das sind ja nicht die Endprodukte, die wir dem Markt anbieten.

Wirtschaftsforum: Wohl aber mitunter die Ausgangsstoffe, von denen Ihr Kreislauf seinen Ausgang nimmt. Welche weiteren Abfälle entsorgen Sie und welche Produkte entstehen schließlich aus ihnen?

Guido Schmidt: Neben Altölen entsorgen wir auch Lösungsmittel sowie Kühl- und Bremsflüssigkeiten und viele artverwandte Produkte. Für Automobilwerkstätten und Industriebetriebe bieten wir in diesem Zusammenhang Komplettentsorgungslösungen an. Diese Abfälle werden in unser Werk in Sonsbeck überführt, wo sie im Rahmen eines hochwertigen Recyclingverfahrens zu neuen Stoffen aufbereitet werden: Diese können als Monoethylenglykol, Hydrauliköl, Transformatorenöl oder in Form von verschiedenen Schmierstoffen wieder ihren jeweiligen Kreisläufen zugeführt werden. Im Rahmen eines Projekts an unserem Standort in Wesel möchten wir zudem vollkommen farbneutrale und geruchslose Öle der Gruppe III herstellen.

Wirtschaftsforum: Welche weiteren Technologien werden Sie in näherer Zukunft einsetzen?

Guido Schmidt: Die Perspektivenvielfalt für unser Unternehmen ist exorbitant hoch. An unserem Standort in Wesel möchten wir demnächst Reinigungs- und Entgasungsleistungen für Tankschiffe anbieten. Ebenso wollen wir dort verstärkt Möglichkeiten zum Recycling von Lösungsmitteln schaffen und zudem aus den Abgasen der Schiffe Wasserstoff herstellen: Dazu werden die Gase oxidiert, woraufhin mit dem Dampf, der bei diesem Verbrennungsvorgang entsteht, über Turbinen Strom erzeugt wird, der wiederum einen Elektrolyseur ansteuert.

Wirtschaftsforum: Wie groß ist Ihr eigener CO2-Footprint – und welche Bedeutung spielt dabei Transparenz?

Guido Schmidt: Die CO2-Bilanz unserer Produkte ist wesentlich besser als in der Erstraffination. Es wird also eine bedeutende Menge Energie eingespart, wenn wir die von uns verarbeiteten Abfallprodukte re-raffinieren und wieder in Umlauf bringen. Dabei darf man nicht vergessen: Abfallstoffe wie Altöl und Lösungsmittel sind gleichzeitig die Rohstoffe der Gesellschaft. Was wir recyceln, braucht man nicht mehr aus dem Boden zu holen. Dass Transparenz gerade im B2B-Bereich eine enorme Bedeutung im allgemeinen Wertegerüst erhalten hat, ist eine Entwicklung, die wir ausdrücklich begrüßen – denn die schmuddeligen Recyclingunternehmen von gestern braucht kein Mensch mehr.

Wirtschaftsforum: Ihr Unternehmen ist bereits seit 1965 aktiv. Liegt in der stärkeren Aufmerksamkeit für die Themen Recycling und Kreislaufwirtschaft in den letzten Jahren für Sie auch ein persönlicher Befreiungsschlag?

Guido Schmidt: Wir erleben gerade einen Zuspruch wie noch nie. In der Wegwerfgesellschaft von gestern wollte man den Stoffstrom meist aus den Augen und aus dem Sinn haben. Heute rufen uns mitunter sehr große Konzerne an und bitten um unsere Unterstützung beim Recycling. Diese allgemeine Bestrebung, als Teil einer Kreislaufwirtschaft zu fungieren, ist ein Novum und dieses Engagement, das ich sowohl bei unseren Geschäftspartnern als auch bei meinen Mitarbeitern erlebe, macht mir unheimlich viel Freude. Dennoch sind wir noch lange nicht am Ziel – manche Gesellschaften haben sich noch nicht einmal auf den Weg gemacht. Wir müssen mehr tun, um auch international alle mitzureißen.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Serielle Baukonzepte für einen veränderten Markt

Interview mit Mario Haubner, Geschäftsleiter und Stefanie Haubner, Geschäftsleiterin der Haubner Holding GmbH

Serielle Baukonzepte für einen veränderten Markt

Modulares Bauen gewinnt angesichts steigender Kosten und hoher Zinsen zunehmend an Bedeutung. Die Haubner Holding GmbH setzt dabei auf industrielle Vorfertigung, klare Prozesse und eine strategisch breit angelegte Ausrichtung. Mario…

Der Wow-Effekt unter dem Helm

Interview mit Dirk Rosenbauer, Business Development ­Manager DACH, KASK Safety

Der Wow-Effekt unter dem Helm

Wenn es um Arbeitsschutz geht, entscheidet heute nicht mehr allein die Erfüllung von Normen über den Erfolg eines Produkts. In vielen Branchen zählt vor allem, ob Schutzausrüstung im Alltag akzeptiert…

„Es muss nicht immer gleich ein Roboter sein“

Interview mit Jörg Herre, Leiter Vertrieb und Marketing der Friedemann Wagner GmbH

„Es muss nicht immer gleich ein Roboter sein“

Die deutsche Industrie steht unter Druck. Investitionen werden verschoben, Projekte gestoppt. Und doch gibt es Unternehmen, die Kurs halten – mit Bodenhaftung, technischer Klarheit und einem langen Atem. Jörg Herre…

Spannendes aus der Region Kreis Wesel

Der unsichtbare Marktführer

Interview mit Serdar Baysan, Geschäftsführer der German Special Alloys GmbH

Der unsichtbare Marktführer

In Willich entsteht, was in Milliarden Mündern weltweit steckt: Speziallegierungen für Zahnersatz. Serdar Baysan, Geschäftsführer der German Special Alloys GmbH, hat sein Unternehmen an die Spitze des europäischen Marktes geführt.…

Das Bindeglied zwischen Binnen- und Seeschifffahrt

Interview mit Björn Zirotzki, Geschäftsführer der HSW Logistics GmbH

Das Bindeglied zwischen Binnen- und Seeschifffahrt

HSW Logistics sorgt dafür, dass Stahlcoils und weitere Industrieprodukte von Unternehmen an Rhein und Ruhr verlässlich ihre Bestimmungsorte in Norwegen und im UK erreichen – dank einer Bahnanbindung im Zielhafen…

Vom Service zum System:  Fluid Management neu definiert

Interview mit Erdem Ates, Geschäftsführer der Fluid Service Plus GmbH

Vom Service zum System: Fluid Management neu definiert

Kühlschmierstoffe und Prozessflüssigkeiten sind entscheidend für stabile Fertigungsprozesse – und doch oft unterschätzt. Im Interview spricht Erdem Ates, Geschäftsführer der Fluid Service Plus GmbH, über seinen Weg ins Familienunternehmen, die…

Das könnte Sie auch interessieren

Großbau auf sicherer Basis

Interview mit Thomas Meyer, Gründer und Geschäftsführer der Meyer Erdbau GmbH

Großbau auf sicherer Basis

Bevor Bauwerke entstehen, müssen komplexe Aufgaben im Untergrund gelöst werden – präzise, terminsicher und in großen Dimensionen. Genau hier liegt die Stärke der Meyer Erdbau GmbH mit Sitz in Schönwalde-Glien…

Jung, dynamisch, enthusiastisch

Interview mit Isabel Krail, Teamleiterin Nordic DE der Nordic BV

Jung, dynamisch, enthusiastisch

Viele Menschen suchen Urlaubserlebnisse, die im Einklang mit individuellen Erfahrungen und einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur stehen. Mit einem Angebot, das genau diesen Anspruch umsetzt, hat sich die belgische…

Wenn Gerüche zum Standortfaktor werden

Interview mit Michael Luccisano, Geschäftsführer der Biothys GmbH

Wenn Gerüche zum Standortfaktor werden

Gerüche sind selten plakativ – aber immer präsent. In Industrieparks, Kläranlagen, auf Deponien oder Asphaltwerken entscheiden sie oft über Akzeptanz, Genehmigungen und Investitionsentscheidungen. Die Biothys GmbH aus Willstätt hat genau…

TOP