Smarte Systeme statt Suchzeiten

Interview mit Walter Bostelmann, Vorstandsvorsitzender der Kellner & Kunz AG, EVP RECA Group

Wirtschaftsforum: Herr Bostelmann, 40 Jahre im Unternehmen – was hält die Motivation so lange hoch?

Walter Bostelmann: Mich motiviert, dass es immer ein Job war, in dem man Dinge anschieben und wirklich bewegen konnte. Man sieht Ergebnisse nicht nur in Zahlen, sondern bei Menschen: Karrieren, die man mitbegleitet, Teams, die wachsen, und ein Unternehmen, das sich weiterentwickelt. Solange diese ‘Spannung’ da ist – also die Chance, Wirkung zu erzielen – bleibt es für mich attraktiv.

Wirtschaftsforum: Viele sprechen von einer ‘schwierigen Zeit’. Wie ist Ihr Umgang damit?

Walter Bostelmann: Es gibt die Vorstellung, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, aus einem Minus ein Plus zu machen. Für mich heißt das: Auch wenn Märkte schwieriger werden – der größte Hebel sind die

Menschen selbst. Nicht die nächste Mode-Technologie, nicht das nächste Buzzword. Entscheidend ist, ob man bereit ist, sich zu bewegen, Neues anzunehmen und aktiv zu gestalten. Wer darauf wartet, dass es wieder wird ‘wie früher’, wird es schwerer haben.

Wirtschaftsforum: Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Kellner & Kunz?

Walter Bostelmann: Die richtigen Leute zu finden, die bereit sind, die Extrameile zu gehen – und das in vielen Bereichen. Ich vergleiche das gern mit Spitzensport: Wer zur Medaille will, muss hart an sich arbeiten. Im Job ist es ähnlich: Erfolg kommt nicht, weil die Umstände passen, sondern weil Menschen Verantwortung übernehmen. Dazu kommt der Generationswechsel – viele Tätigkeiten werden sich verändern, manche werden wir digitalisieren müssen, weil es die Menschen für bestimmte Aufgaben schlicht immer weniger gibt.

Wirtschaftsforum: Ihr Geschäft ist stark vertriebsgetrieben. Wie wichtig bleibt das ‘von Mensch zu Mensch’?

Walter Bostelmann: Extrem wichtig. Direktvertrieb heißt: Business von Mensch zu Mensch. Gerade deshalb ist es so entscheidend, dass man Mitarbeitende gewinnt, die positiv in die Zukunft schauen und anpacken wollen. Technologien können vieles unterstützen – aber Beziehung, Vertrauen und Beratung ersetzen sie nicht einfach.

Wirtschaftsforum: Welche Weiterentwicklungen haben Sie zuletzt besonders vorangetrieben?

Walter Bostelmann: Wir investieren konsequent in digitalisierte C-Teile-Systeme – und zwar so, dass der Kunde nicht nur ‘Ware’ bekommt, sondern Versorgungssicherheit. Unser Ziel ist, Bedarfe früher zu erkennen und Material punktgenau dorthin zu bringen, wo es gebraucht wird: an Arbeitsplätze, in Werkzeugautomaten, in Assembly-Lines. Diese Logik – vom Bestellen hin zur vorausschauenden Versorgung – ist ein zentraler Zukunftspfad.

Wirtschaftsforum: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Walter Bostelmann: Der RECA iSCALE ist ein gutes Beispiel: ein digitaler Behälter mit integrierter Wiegetechnik. Statt bei einer Inventur Inhalte zu zählen, liefert das System Bestände per Knopfdruck beziehungsweise automatisch über Gewichtslogik – und löst selbstständig Bestellungen aus, wenn ein Meldebestand unterschritten wird. Wichtig ist auch die Mobilität: Der Behälter muss nicht ‘im Regal wohnen’, sondern kann an den Montageplatz oder ins Fahrzeug mitgenommen werden – digital bleibt er trotzdem.

Wirtschaftsforum: KI ist in aller Munde. Wie setzen Sie sie ein – und wo bewusst nicht?

Walter Bostelmann: Ich nutze KI dort, wo sie einen echten Vorteil bringt – für uns oder für Kunden. Nicht nach dem Motto ‘Hurra, KI’, sondern pragmatisch. Beispiele: Wir können eingescannte PDF-Dokumente automatisiert auslesen und in Systeme überführen. Oder: Ich habe Vorträge in der jeweiligen Landessprache gehalten – per KI-Unterstützung. Das wäre früher nur mit hohem Aufwand möglich gewesen. Der Punkt ist: Nutzen sticht Hype.

Wirtschaftsforum: Was unterscheidet Kellner & Kunz im Wettbewerb am stärksten?

Walter Bostelmann: Die konsequente Kundenorientierung. Wir fragen nicht nur: Was braucht der Kunde heute? Sondern: Wohin entwickelt sich sein Geschäft? Wo digitalisiert er? Wo verlagert er Standorte innerhalb Europas? Dann müssen wir mitgehen – mit passenden Produkten, aber vor allem mit passenden Prozessen. Denn technisch ist vieles im Umbruch: Was heute noch geschraubt wird, wird morgen geklebt – und übermorgen möglicherweise durch ganz neue Verfahren ersetzt. Entscheidend ist, dass Beschaffung und Versorgung mitwachsen.

Wirtschaftsforum: Europa ist für Sie klarer Fokus – zugleich kritisieren Sie Rahmenbedingungen. Was meinen Sie konkret?

Walter Bostelmann: Ich bin Europa-Fan – aber ich wünsche mir praxistaugliche Lösungen und weniger Bürokratie. Wenn Regelmechanismen so umgesetzt werden, dass sie mit fragwürdigen Referenzwerten Kosten in Millionenhöhe auslösen können, trifft das die Wettbewerbsfähigkeit – und am Ende laufen Preissteigerungen durch die gesamte Kette bis zum Endprodukt. Nachhaltigkeit ist richtig und wichtig, aber sie muss praktikabel sein.

Wirtschaftsforum: International sind Sie bereits breit aufgestellt. Wo sehen Sie Chancen?

Walter Bostelmann: Wir sind in 19 Ländern Europas aktiv – das hilft, weil sich Märkte unterschiedlich entwickeln. Beispielsweise wachsen Polen und Spanien derzeit gut; dort sind wir mit jeweils zwei Unternehmen präsent. Und: Nicht jede Business Unit ist in jedem Land gleich stark – da gibt es noch ‘weiße Flecken’, die wir gezielt angehen wollen.

Wirtschaftsforum: Inklusion und Vielfalt nennen Sie als Zukunftsthema. Was steckt dahinter?

Walter Bostelmann: Wir investieren bewusst in soziale Nachhaltigkeit. Ein Beispiel ist das integrative Dienstleistungszentrum am Standort Wels: Dort arbeiten rund 150 Menschen mit Beeinträchtigung in Kernprozessen – etwa beim Zusammenstellen von Sortimenten, Um-/Verpackungen oder Kleinmontagen. Gleichzeitig fördern wir Diversität gezielt, etwa über das WOMEN4RECA-Frauennetzwerk, das 2024 gegründet wurde. Besonders erfreulich ist, dass sich der Frauenanteil weiter positiv entwickelt, was in unserer Branche keine Selbstverständlichkeit darstellt.

Wirtschaftsforum: Zum Schluss: Ihr wichtigstes Leitmotiv für 2026 und darüber hinaus?

Walter Bostelmann: Wachstumsmindset. Wir sind zum Wachstum ‘verurteilt’, weil Kosten steigen – und weil wir Perspektiven schaffen wollen. Wachstum heißt aber nicht nur Zahlen: Es ist ein innerer Zustand. Wer daran glaubt, sucht Wege, probiert Neues, verändert sich. Wer nicht daran glaubt, wird es auch nicht erreichen. Das ist wie im Sport: Wenn du immer nur die gleiche Linie fährst, landest du vielleicht in den Top 20 – aber nicht ganz vorne.

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