Eine smarte Verbindung zwischen Truck und Trailer

Interview mit Joachim Dürr, CEO der JOST Werke SE

Wirtschaftsforum: Herr Dürr, seit über 70 Jahren treiben die Jost Werke die Entwicklung smarter Systeme im Nutzfahrzeugbereich für Agraranwendungen und das Transportwesen voran – wo genau kommen Ihre Lösungen schließlich zum Einsatz?

Joachim Dürr: Prinzipiell an der Schnittstelle zwischen Truck und Trailer – also dort, wo das jeweilige Zugfahrzeug mit seinem Anhänger gekuppelt werden muss. Hierbei stellen wir sowohl die Mechanik als auch die Hydraulik sowie die elektronische Unterstützung zur Verfügung, die das jeweilige System schließlich smart macht.

Wirtschaftsforum: Welche Vorteile ergeben sich aus einer intelligenten Kupplung für die Anwender?

Joachim Dürr: Eine Sattelzugmaschine und ihr Auflieger müssen im gelebten Alltag relativ viele Kupplungsvorgänge durchlaufen – im Falle des Kurzstreckenverkehrs auch mehrmals pro Tag. Dieser Prozess gestaltet sich jedoch nicht nur repetitiv und anstrengend, sondern auch nicht ganz ungefährlich, weil die Bedienerin dabei mit schweren Gewichten zu tun hat, den Witterungsverhältnissen ausgesetzt ist und sich auch nicht immer in einem geschützten Bereich abseits des fließenden Verkehrs aufhält. Deshalb haben wir Systeme entwickelt, die die entsprechenden Kupplungsvorgänge konsequent erleichtern.

Auch wenn es sich bei unseren direkten Kunden hauptsächlich um die OEMs aus der Nutzfahrzeugindustrie handelt, haben wir hierbei insbesondere die gegebenen Notwendigkeiten des Berufsbilds der Endanwender im Blick, um sie bei ihrer Tätigkeit zielgerichtet zu unterstützen. Denn nicht nur aufgrund des allgegenwärtigen Mangels an qualifizierten Fahrern sind entsprechende Zugewinne beim Komfort und bei der Sicherheit sowie Erleichterungen bei den körperlichen Anforderungen an die Ausübung dieser Tätigkeit unabdingbar, um als Agrarbetrieb oder Logistikunternehmen weiterhin wettbewerbsfähig im Markt agieren zu können.

Wirtschaftsforum: Wie genau wird die Kupplung schließlich smart?

Joachim Dürr: Zunächst einmal durch mehrere Sensoren, die unter anderem sicherstellen, dass sich der Königszapfen in der Sattelkupplung verankert, sodass nach der Kupplung eine feste mechanische Verbindung zwischen dem Zugfahrzeug und seinem Auflieger besteht. Außerdem gewährleisten sie, dass sich die Kupplungsvorrichtung beim Kupplungsvorgang in der richtigen Höhe, nämlich in einer größtmöglichen Nähe der Platte zum Auflieger, befindet. Darüber hinaus setzen wir bei unseren Lösungen entsprechende Kamerasysteme ein, die den Fahrer bei der Annäherung an den Auflieger unterstützen und beim Rangieren eine freie Sicht hinter das Fahrzeug ermöglichen, damit er den Kupplungsvorgang korrekt durchführen kann und es zu keiner Fehlkupplung kommt.

Wirtschaftsforum: Sind in diesem Kontext auch vollautonome Systeme denkbar?

Joachim Dürr: Unser KKS-Assistenzsystem ist bereits voll automatisierbar, sodass es gänzlich autonom kuppeln und dementsprechend auf autonomen Fahrzeugen eingesetzt werden kann. Dabei werden nicht nur eine mechanische Kupplung, sondern auch eine pneumatische sowie eine elektrische Verbindung für Leuchtanzeigen und die Kommunikation zwischen Truck und Trailer hergestellt, wodurch zudem ein wechselseitiger Austausch der verschiedenen Assistenzsysteme gewährleistet wird. Bei dieser Lösung muss die Fahrerin also gar nicht mehr aussteigen und dann bei Wind und Wetter um das Fahrzeug herumlaufen, um einen manuellen Kupplungsvorgang vorzunehmen. Das ist nicht nur ein angenehmer Komfortvorteil, sondern gerade bei häufigen An- und Abkuppelungen durchaus auch ein sicherheitsrelevanter Aspekt.

Wirtschaftsforum: Nicht zuletzt aufgrund der (Weiter-)Entwicklung neuer Antriebstechnologien durchläuft die Fahrzeugindustrie derzeit einen tiefgreifenden Wandel – wie stark sind die Jost Werke von dieser Entwicklung betroffen?

Joachim Dürr: Prinzipiell macht es für uns eigentlich keinen Unterschied, ob ein Traktor oder eine Sattelzugmaschine nun elektrisch oder mit einem Verbrennungsmotor betrieben wird. Trotzdem schlägt dieser Wandel natürlich auch wirkmächtig auf unser Tätigkeitsspektrum durch, allein weil er die Aufmerksamkeit unserer direkten Kunden bindet: Diese sind nun vorrangig mit der Entwicklung von wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen und der Ausgestaltung diffiziler Supply-Chains für Batteriezellen beschäftigt und können sich deshalb nicht mehr mit derselben Intensität um die Integration etwaiger Anbauteile kümmern. Gleichzeitig ist der eigentliche Integrationsaufwand durch die immer umfangreichere Funktionalität der Kupplungssysteme sogar noch gestiegen – hier ist unsere gewachsene Expertise also umso mehr gefragt.

Wirtschaftsforum: Wie gestaltet sich dabei die Zusammenarbeit mit den OEMs?

Joachim Dürr: Nicht nur unsere Kupplungssysteme sind mit den Jahren komplexer geworden, sondern auch viele weitere Komponenten, die an den Fahrzeugen verbaut werden. Früher konnte man eine einfache Sattelkupplung relativ unkompliziert am Rahmen montieren; heute sind die gegebenen Möglichkeiten deutlich stärker begrenzt, weil dort auch zahlreiche andere großvolumige Bauteile wie etwa Abgasnachbehandlungssysteme viel Platz einnehmen.

Schon allein wegen dieser Herausforderungen bei der bloßen mechanischen Integration beginnt unsere Zusammenarbeit mit den Herstellern bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Entwicklungsphase. Bei der hydraulischen Integration sind die technischen Herausforderungen bisweilen sogar noch komplexer, und nicht zuletzt müssen auch die elektronischen und digitalen Komponenten in die Infrastruktur des Fahrzeugs integriert werden – schließlich soll sich die Fahrerin in der Kabine die von ihnen bereitgestellten Informationen auch unkompliziert zunutze machen können. Dies ist entweder über ein separates Display möglich, das wir zur Verfügung stellen können, oder aber durch eine Einbindung in die entsprechenden Systeme der jeweiligen OEMs. 
Ohnehin muss natürlich auch eine konsequente Rückkoppelung mit dem jeweiligen Fahrzeug bestehen – etwa damit es nicht losfährt, falls die Kupplung noch nicht sicher erfolgt ist.

Wirtschaftsforum: Welche weiteren Perspektiven werden sich für die Jost Werke vor diesem vielschichtigen Hintergrund in den nächsten Jahren ergeben?

Joachim Dürr: Der Fahrermangel wird ein essenzielles Thema für die Endkunden unserer Lösungen bleiben – deshalb wollen wir die Effizienz und Sicherheit weiter steigern, um so auch andere Fahrerprofile ansprechen zu können. Ebenso werden wir bei der Nachhaltigkeit durch leichtere und effizientere Produkte zu einem kleineren CO2-Footprint beitragen können. Mit dem bereits erwähnten hohen Integrationsaufwand unserer Systeme verbinden sich ferner die vielgestaltigen Verflechtungen der globalisierten Wertschöpfungsketten, in deren Zuge sich auch die Anforderungen an die Nutzfahrzeuge immer weiter angleichen; hier sehen wir sowohl im Trailer- als auch im Agrarbereich perspektivisch eine stärkere globale Verzahnung und Vereinheitlichung bei den Händlern und OEMs. Um uns hierauf schon heute einstellen zu können, haben wir in den letzten Jahren bereits entsprechende Akquisitionen unter anderem in China, Nordeuropa und Südamerika getätigt, sodass Jost Werke seinen Partnern sämtliche Lösungen samt entsprechenden Serviceleistungen weltweit zur Verfügung stellen kann. Auch hier steht der höchstmögliche Nutzengewinn in der gesamten Wertschöpfungskette unverrückbar im Zentrum unserer Aufmerksamkeit.

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