Engineering first
Interview mit Dr.-Ing. Martin Weng, Geschäftsführer und Mitgründer der aixprocess GmbH

Die Geschichte der aixprocess GmbH beginnt 2001 an der RWTH Aachen. Martin Weng und Mitgründer Markus Hufschmidt arbeiteten am Institut für Verfahrenstechnik. Aufgrund häufiger Anfragen aus der Industrie entstand die Idee für ein kommerzielles Engineeringunternehmen. In den Jahren 2018 und 2019 folgte der Schritt in die Produktionsdigitalisierung mit eigenen Softwarelösungen. Mittlerweile beschäftigt die aixprocess GmbH rund 30 Mitarbeitende und arbeitet von Aachen aus mit einem international aufgestellten Team.
Prozesse verstehen
Im Zentrum steht die Modellierung verfahrenstechnischer Prozesse.
Mithilfe von Computational Fluid Dynamics (CFD) lassen sich unter anderem Strömungen, Reaktionen, Verbrennungsprozesse und Wärmetransport dreidimensional abbilden. Die Modelle ermöglichen tiefe Einblicke in industrielle Prozesse und unterstützen Fehleranalysen, Energieeinsparungen und Produktionsoptimierungen. Einsatzfelder reichen von Chemie und Raffinerien über Zement und Stahl bis zur Abwassertechnik. „Wir denken in Unit Operations, also in Mischen, Reagieren, Separieren“, erklärt Martin Weng. Aus dem klassischen Engineering entwickelte sich zunehmend ein digitaler Ansatz. Modelle sollen nicht nur Momentaufnahmen liefern, sondern mit Produktionsanlagen mitlaufen und kontinuierlich Daten auswerten. Digital Twins und Software machen Optimierungen damit dauerhaft nutzbar. Für Martin Weng gilt jedoch eine klare Reihenfolge: „Engineering first.“ Erst müsse eine Anlage technisch sinnvoll aufgestellt sein, bevor KI zusätzlichen Nutzen schaffen könne. Das gilt besonders für bestehende Anlagen, die teilweise seit 30 oder 40 Jahren in Betrieb sind und fortlaufend modernisiert werden.
Dekarbonisierung braucht Tempo
Ein wichtiges Arbeitsfeld bleibt die Dekarbonisierung energie- und CO2-intensiver Industrien. In der Zement- und Kalkindustrie geht es etwa um alternative Brennstoffe und die Vorbereitung auf Carbon Capture. Hinzu kommen Recyclingtechnologien und Kreislaufwirtschaft. Digital Twins können Entwicklungszeiten verkürzen, doch die größten Hindernisse sieht Martin Weng derzeit nicht auf technologischer Seite. Vielmehr fehlten bei vielen Projekten Investitionsentscheidungen.
Nach einer Phase spürbarer Investitionszurückhaltung beobachtet man bei der aixprocess GmbH wieder mehr Bewegung im Markt. Strategisch sollen Partnerschaften an Bedeutung gewinnen, insbesondere für skalierbare Softwarelösungen. Die Stärke des spezialisierten Unternehmens soll dabei erhalten bleiben: Agilität, kurze Wege und ein direkter Draht zum Kunden. Genau darin liegt für Martin Weng auch nach 25 Jahren der persönliche Antrieb: „Mich motiviert, etwas bewegen zu können.“










