Flexible Fertigung und eigene Entwicklung

Interview mit Andreas Krammel, Geschäftsführer der GEAR MOTION GmbH

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Wirtschaftsforum: Herr Krammel, Ihr Unternehmen ist ein klassischer Build-to-print-Lieferant. Was bedeutet das genau?

Andreas Krammel: Wir fertigen Bauteile exakt nach den technischen Unterlagen des Kunden und liefern diese in eine bestimmte Funktionseinheit beim Kunden. Das können zum Beispiel eine Höhen- und Tiefenverstellung im Lenkrad eines Autos oder Wellen und Kunststoffzahnräder in elektrischen Parkbremsen sein. Wir sind Serienlieferant mit mittleren und großen Stückzahlen und produzieren mit hohem Automationsgrad bis zu zwei Millionen Komponenten pro Jahr.

Wirtschaftsforum: Wie lange sind Sie bereits in diesem Markt tätig?

Andreas Krammel: Seit mehr als 60 Jahren. Unsere Wurzeln liegen in der Metall- und Kunststoffverarbeitung. Unsere Kernkompetenz war immer die Herstellung von Hochpräzisionsteilen wie Zahnräder und Spindeln aus Kunststoff sowie Kunststoff-Metall-Hybridverbindungen. Heute gehören wir zusammen mit drei weiteren Unternehmen aus Deutschland, Ungarn und Belarus zu KAP Precision Components, einem weltweit tätigen Hersteller von Präzisionsbauteilen aus Metall, Kunststoff und Metall-Kunststoff-Verbundteilen mit Hauptsitz in Fulda. Unser Schwerpunkt in der Gruppe liegt auf Kunststoffverarbeitung und -verzahnung. Es gibt einen Trend zum Ersatz von Metallbauteilen durch Kunststoff. Wir befinden uns in einem klaren Wachstumsmarkt, auch durch die E-Mobilität erschließen sich neue Felder für uns.

Wirtschaftsforum: Mit 93 Mitarbeitern und rund 21 Millionen EUR Umsatz gehört GEAR MOTION eher zu den kleineren Herstellern. Wie setzen Sie sich gegen die Konkurrenz durch?

Andreas Krammel: Wir sind das kleine gallische Dorf, unsere Mitbewerber sind in der Regel viel größer. Das bedeutet, dass wir sehr schnell und flexibel auf neue Kundenanforderungen reagieren können. Wir haben eine eigene Entwicklungsabteilung und einen eigenen Werkzeugbau und können unseren Kunden so Prototypen und Muster ohne lange Vorlaufzeit zur Verfügung stellen.

Wirtschaftsforum: Gibt es aktuelle Trends im Markt, von denen Sie profitieren?

Andreas Krammel: Durch den Ukrainekrieg kommen viele Kunden zurück nach Europa, viele legen wieder mehr Wert auf regionale, nationale Lieferketten. Wir haben hier entsprechend vorgesorgt, unsere Rohstofflager sind voll. Teilweise haben wir ein Jahr im Voraus abgedeckt. Davon profitieren wir jetzt. Hinzu kommt der anhaltende Trend zur E-Mobilität. Wir kooperieren hier zum Beispiel mit der Universität Siegen und testen im Akustiklabor der Hochschule Geräuschanwendungen. Das ist für viele Kunden sehr interessant, denn so können wir Kunststoffverzahnungen besser dimensionieren und geräuschoptimierte Bauteile liefern.

Wirtschaftsforum: Welchen Stellenwert nimmt das Thema Nachhaltigkeit bei GEAR MOTION ein?

Andreas Krammel: Immer mehr Kunden fordern von uns einen Nachweis über den CO2-Fußabdruck. Das wird in den nächsten drei Jahren ein entscheidendes Vergabekriterium werden. Wir sind bereits in Portalen registriert, in denen unsere energetischen Verbräuche und deren Reduzierung aufgeführt sind, und entsprechend zertifiziert. Kunden fragen vermehrt nach recyceltem Kunststoff, außerdem gehen wir hin zu vollelektrischen Maschinen. Wir sehen das Thema Nachhaltigkeit ganzheitlich. Für die Kühlung nutzen wir zum Beispiel keine Kälteanlagen mehr, sondern Flusswasserkühlung. Wir sind mit der Reduzierung unseres CO2-Fußabdrucks bereits sehr weit vorne.

Wirtschaftsforum: Ein anderes wichtiges Thema ist die Digitalisierung. Wie stehen Sie in diesem Bereich da?

Andreas Krammel: Am wichtigsten ist für uns, dass alle Maschinen an die Betriebsdatenerfassung angebunden sind, um Daten auswerten zu können. Bei neuen Projekten messen wir zum Beispiel die Parameter bereits im Werkzeug. Wenn hier die technischen Parameter stimmen, sind auch die fertigen Bauteile in Ordnung. Sollten die festgelegten Parameter einmal verlassen werden, justiert die Maschine automatisiert nach und man kommt zurück in den vereinbarten Bereich. Ansonsten sind unsere Maschinen nicht vernetzt, sondern autark. Das reduziert die Wahrscheinlichkeit von Cyberattacken, und es können nicht mehrere Bereiche gleichzeitig ausfallen.

Wirtschaftsforum: Welche Ziele haben Sie sich für GEAR MOTION gesteckt?

Andreas Krammel: Kurzfristig fokussieren wir uns darauf, in unsere Kundenverträge flexible Rohstoffpreise aufzunehmen. Mittelfristig wollen wir mehr Wachstum in der Breite erreichen, also die Abhängigkeit von der Automobilindustrie reduzieren und schnell wachsende Märkte wie die Medizintechnik oder E-Bike-Mobilität ausbauen. In drei Jahren wollen wir 25% Umsatz außerhalb des Automotive-Bereichs generieren.

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