Digitalisierung: Wie schaffen wir den Wandel unter Wahrung der Demokratie?

Interview mit Andreas Dohmen

Wirtschaftsforum: Herr Dohmen „Wie digital wollen wir leben“ lautet der Titel Ihres aktuellen Buches. Wie digital sah denn Ihr Morgen bisher aus?

Andreas Dohmen: Bisher bestand mein Morgen aus fünf Stunden Autofahrt von München in meine Heimatstadt Andernach bei Koblenz. Dabei war die Fahrt relativ analog, nur das Radio lief oder meinetwegen das Digitalradio. Aber sonst war ich nicht digital unterwegs, nicht mal ein Telefonat habe ich geführt.

Wirtschaftsforum: Wenn ich mir das Buch anschaue, fällt ein weißer Sticker auf. Darauf steht: Die wichtigste Entscheidung für unsere Zukunft. Haben Sie nicht etwas zu dick aufgetragen?

Andreas Dohmen: Tatsächlich glaube ich schon, dass dieser Entscheidung eine solche Bedeutung zukommt. Wir schreiben gerade Geschichte. Dessen müssen wir uns bewusst werden und das versuche ich auf den gut 250 Seiten auch auszurollen. Die Digitalisierung oder die digitale Transformation ist eine große Umwälzung. Wenn man in fünfzig oder hundert Jahren zurückblickt, wird man über die Digitalisierung so sprechen, wie wir heute analog über Dampfmaschine oder Strom. Wo sehe ich einen großen Unterschied? Die Digitalisierung durchdringt alle Wirtschaftsbereiche und sämtliche Gesellschaftsschichten. So etwas gab es in dieser Form vorher nicht.

WIFO Audio | Andreas Dohmen

Andreas Dohmen
Haben Sie ein Blatt zur Hand? Ich skizziere mit Ihnen zusammen in drei Schritten die Digitalvision für ein gesamtes Land. Andreas Dohmen

Wirtschaftsforum: Bevor wir weiter auf den Inhalt eingehen, ein kurzes Wort zur Gestaltung des Buches. Inwiefern würden Sie es als Handbuch bezeichnen?

Andreas Dohmen: Ich habe wirklich versucht so zu schreiben, dass es möglichst viele Menschen verstehen. Es gibt bereits genug reine Fachbücher. Wohingegen ich mir ein Stück weit auf die Fahnen geschrieben habe, die Menschen aufzuklären, damit sie sich ihr eigenes Urteil bilden können. Sie können das Buch fast als ein Nachschlagewerk benutzen. Sie können eigentlich bei jedem Kapitel einsteigen ohne zwingend die vorangegangen Seiten gelesen zu haben. Wobei es in Summe schon viel Stoff ist und ich wollte mich nicht nur an der Oberfläche bewegen wie meine Arbeit mit Quellen deutlich macht.

Wirtschaftsforum: Sie halten fest, dass es den deutschen Unternehmen gelingen muss, bewährte und erfolgreiche Ingenieurstugenden den neuen Anforderungen anzupassen und gleichzeitig neue Qualitäten zu entwickeln. Können Sie ein Unternehmen nennen, dem dieser Schritt schon gelungen ist?

Andreas Dohmen: Da würde ich meinen ehemaligen Arbeitgeber Siemens nennen. Ende der 1980er-Jahre war Siemens Marktführer in der Telekommunikation mit 70.000 Mitarbeitern. Als das Internet kam, ist das ganze Geschäftsmodell auf den Kopf gestellt worden. Daraus hat Siemens gelernt und ist heute sehr gut unterwegs im Bereich Industrie der Dinge mit digitalen Fabriken. Maschinen sind untereinander vernetzt und mit der notwendigen Sensorik ergeben sich moderne Optionen in der Fertigung. Früher war es so, dass die Industrie produzierte und damit das Angebot bestimmte. Heute kann jeder ein Auto im Internet konfigurieren und bestellen. Unser Wunschauto wird vorher in Form eines digitalen Zwillings abgebildet. Im Anschluss werden die Parameter an die Fertigungsanlagen übergespielt, fertig. Die Cloud-Plattform dafür heißt übrigens MindSphere.

Die analoge Welt ist für die digitale Welt zu langsam. Das steht fest. Andreas Dohmen
Andreas Dohmen

Wirtschaftsforum: China findet sich immer wieder in Ihrem Buch. Fakt ist: das Land hat eine Strategie 2049, die Ziele bei der Digitalisierung umfasst. In Deutschland scheint solch eine langfristige Planung mit Parlamenten, die alle vier Jahre gewählt werden, unrealistisch. Bremsen wir uns aus?

Andreas Dohmen: Die analoge Welt ist für die digitale Welt zu langsam. Das steht fest. Die Frage lautet: Wie schaffen wir den Wandel unter Wahrung der Demokratie? In unserer Demokratie ist das Eigenwohl das höchste Gut, nicht das Gemeinwohl. Das spiegelt sich nicht zuletzt in unserem Rechtssystem wider. Da stehen die Politiker in Verantwortung eine parteiübergreifende, mittelfristige Strategie für die digitale Transformation unseres Landes anzustoßen. Gleiches gilt im übrigen ebenso für die Entwicklung im Bereich Klimaschutz (Stichwort Windkraftwerke et cetera). Denn auch hier greift aus meiner Sicht das Eigenwohl oft zu stark in das Wohl der Gemeinschaft ein, und daher ist hier ebenfalls mehr „WIR“ statt „ICH“ gefordert. Der freie Markt regelt nämlich nicht alles von selbst.

Wirtschaftsforum: Wie gehen Sie mit Menschen um, die Ihnen offen mitteilen, dass es Ihnen egal ist, ob Deutschland digital die rote Laterne trägt oder nicht?

Andreas Dohmen: Ich halte viele Vorträge und lade die Teilnehmer an diesem Punkt zur Diskussion ein. Also zeige ich ein Schaubild zum Bundeshaushalt mit seinen 370 Milliarden EUR. Der größte Posten darin ist „Arbeit und Soziales“ in Höhe von 140 Milliarden EUR. Ich zeige die Quellen, wo diese Summe herkommt und da landen wir bei Steuereinnahmen. Ich kann verstehen, wenn viele Menschen sagen, der Fortschritt geht uns zu schnell. Aber am verweigerten Stehenbleiben hängt ein Preisschild. Das kostet was. Achtung, das schlägt auch bei Ihnen ein. Dann schließt nämlich zum Beispiel der Kindergarten beziehungsweise das örtliche Schwimmbad oder Sozialmittel werden gekürzt.In Berlin sitzt ja niemand und druckt fortwährend Geld. Und dann macht es Klick bei den Leuten.

Interview: Markus Büssecker | Fotos: privat

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