Webcode:

Um einen Artikel aus dem Print-Magazin online zu lesen, geben Sie bitte nachfolgend den Webcode ein, der im Magazin unter dem Artikel zu finden ist.

https://www.getdigital.de - Gadgets und mehr für Computerfreaks

Das Risiko beherrschbar machen

Interview mit Dr. Patrick Wilden, Vorstandsmitglied der Deutsche Kreditbank AG

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Wilden, Sie haben in Münster Betriebswirtschaftslehre studiert, im Anschluss promoviert und sind dann in die Finanzbranche eingestiegen. War dies eine gute Entscheidung?

Dr. Patrick Wilden: Rückblickend auf die 30 Jahre, in denen ich in der Branche tätig bin, war es tatsächlich eine gute Entscheidung. Ich würde jungen Leuten heutzutage empfehlen, für sich genau zu prüfen, ob sie in diesen Bereich gehen wollen. Denn es gibt heute andere Anforderungen als früher, zum Beispiel in Hinblick auf die Regulatorik und die Digitalisierung.

Wirtschaftsforum: Für viele Jahre war es aber doch so, dass eine Bankenlehre in Kombinationen mit einem Studium viele berufliche Möglichkeiten eröffnet hat?

Dr. Patrick Wilden: Das ist richtig, früher war das auch der Fall. Allerdings schrumpft heutzutage gerade in Deutschland die Bankenbranche. Man spricht oft davon, dass Deutschland „overbanked“ sei. Es werden künftig in der Branche auch andere Ausbildungen und Fähigkeiten gefragt sein – zum Beispiel, um die digitale Transformation erfolgreich zu gestalten.

„Ich würde jungen Leuten heutzutage empfehlen, für sich genau zu prüfen, ob sie in diesen Bereich gehen wollen.“ Dr. Patrick WildenVorstandsmitglied

Wirtschaftsforum: Sie sind seit 2003 bei der DKB als Risikovorstand tätig, eine Position, die in der öffentlichen Wahrnehmung nicht unbedingt ein klares Profil hat. Wie haben Sie Ihre Rolle interpretiert?

Dr. Patrick Wilden: Zunächst muss ich vielleicht erwähnen, dass ich mich nicht als Risikovorstand bei der DKB beworben hatte: 2002 war in den Gremien der Beschluss gefallen, den Vorstand der DKB um einen Risikovorstand zu ergänzen. Das war zu Beginn des Jahrtausends eine neue Entwicklung bei der Vorstandsbesetzung. Es gab auch regulatorische Vorgaben, welche die Banken zu diesem Schritt verpflichteten. Da hatte man mich gefragt und so hat sich das eher zufällig ergeben.

Aber Sie fragten danach, wie ich den Risikovorstand interpretiert habe. Eine Bank ist, wie andere Unternehmen auch, intern unterschiedlichen Interessen ausgesetzt. Ein Beispiel: Es ist eine Aufgabe des Vertriebs, neues Geschäft über Kredite zu generieren. Um da ein Gleichgewicht herbeizuführen, braucht man einen Gegenpart, der jeden Kredit auf Nachteile und Risiken abklopft. Das macht der Risikovorstand und er hat zusätzlich ein Vetorecht. Gerade Kreditgeschäft ist langes Geschäft, die Bank tritt heute in Vorleistung, zahlt den Kredit komplett aus und der Kunde muss in 10 oder 15 Jahren zurückzahlen. Als Risikovorstand möchte ich aber nicht zum dauerhaften Bedenkenträger werden, sondern konstruktiv mitwirken und Gefahrenpotenziale in den Blick rücken.

Wirtschaftsforum: Der Risikovorstand trägt also nicht das Risiko, sondern ist derjenige, der das Risiko transparent macht?

Dr. Patrick Wilden: Das stimmt. Trotzdem haben Risikovorstände immer mit einem gewissen Dilemma zu leben. Wenn einmal irgendwo etwas schiefgeht, dann werden alle zunächst fragen: Warum hat der Risikovorstand das nicht gesehen?

„Als Risikovorstand möchte ich nicht zum dauerhaften Bedenkenträger werden, sondern konstruktiv mitwirken und Gefahrenpotenziale in den Blick rücken.“ Dr. Patrick WildenVorstandsmitglied

Wirtschaftsforum: Inwiefern finden sich regulatorische Angelegenheiten auf Ihrem Schreibtisch?

Dr. Patrick Wilden: Hier hat man als Risikovorstand eine sehr stark nach innen gerichtete Verpflichtung. Da gibt es fast jeden Tag etwas Neues. Nehmen Sie den Datenschutz. Wir haben fast 3,7 Millionen Kunden mit entsprechenden Datensätzen. Es ist schon nachvollziehbar, dass man strengere Vorschriften macht, aber ab und an wird über das Ziel hinausgeschossen. Das ist bis zu einem gewissen Grad natürlich auch politisch bedingt. Seit der Finanzkrise 2008 sind die Banken ein Stück weit die schwarzen Schafe der Gesellschaft und werden sehr stark reguliert. Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung, der kann man sich nicht mehr entziehen.

Wirtschaftsforum: Wie sehen Sie die Zukunft der Risikovorstände im Bankenbereich generell?

Dr. Patrick Wilden: Die Risikovorstände werden tendenziell an Bedeutung gewinnen. Der Regulator geht dazu über, diese Position immer mehr durch Gesetze zu implementieren. Das sind die Lehren aus der Finanzkrise. Bei Compliance und Regulatorik ist der Risikovorstand zentraler Ansprechpartner neben dem CEO. Ansonsten bin ich mir sicher, dass der IT-Vorstand wichtiger werden wird. Banken könnten sich zu IT-Unternehmen mit angeschlossener Bankingfunktion entwickeln. In den 1990er-Jahren sagte Bill Gates: Banking is necessary, banks are not. Da ist etwas Wahres dran.

Wirtschaftsforum: Die DKB zählt zu den Vorreitern unter den Direktbanken. Wo genau liegen die Unterschiede zu anderen Instituten?

Dr. Patrick Wilden: Wir gehörten zu den ersten Instituten, die in Deutschland professionell als Direktbank gestartet sind. Das bezieht sich auf unser Geschäft mit Privatkunden. Wir sind hier heute bei den Direktbanken die Nummer zwei, von der Gesamtbilanz die Nummer 16 in Deutschland. Bei der DKB gibt es eine Besonderheit: Wir haben bei unseren Geschäftskunden eine gewisse Zahl an Standorten in Deutschland und betreuen die Kunden vor Ort. Dieses Konzept mit diesen beiden so ausgestalteten Säulen ist einmalig in Deutschland. Deshalb sind wir mit anderen Banken schlecht vergleichbar.

Wirtschaftsforum: An welche Zielgruppen richtet sich die DKB?

Dr. Patrick Wilden: Man kann sagen, dass die DKB, sowohl bei den Geschäfts- als auch bei den Privatkunden, gewisse Megatrends besetzt, zum Beispiel Wohnen, Gesundheit, erneuerbare Energien, Bildung und bei den Privatkunden einfach die Notwendigkeit, finanzielle Angelegenheiten schnell und unkompliziert abzuwickeln. Wir besetzen all das, was der Mensch braucht. Zudem betonen wir gerne, dass wir sehr nachhaltig aufgestellt sind.

„Man kann sagen, dass die DKB, sowohl bei den Geschäfts- als auch bei den Privatkunden, gewisse Megatrends besetzt.“ Dr. Patrick WildenVorstandsmitglied

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt da der Mittelstand?

Dr. Patrick Wilden: Eine wichtige, wobei wir eben nicht den breiten Mittelstand finanzieren. Unsere Strategie bezieht sich auf ausgewählte Branchen, wie zum Beispiel Landwirtschaft oder alternative Energieproduktion.

Wirtschaftsforum: Wechseln wir vom Mittelstand zu Start-ups. DKB und Fintechs: Ist das Konkurrenz oder Synergie?

Dr. Patrick Wilden: Beides. Wobei ich das Element Synergie schon stärker sehe. Wir haben in diesem Bereich eine Menge Kooperationen, zum Beispiel mit Cringle, FinReach oder Barzahlen. Wobei wichtig ist, dass wir mit Fintechs kooperieren, aber wir beteiligen uns nicht finanziell. Das ist in Summe ein Geben und Nehmen, was gut funktioniert. Dessen ungeachtet ist klar, dass die Fintechs mit ihrer Innovationskraft eine wichtige und notwendige Bereicherung für die Bankenbranche sind.

Wirtschaftsforum: Die DKB setzt bei der Werbung sehr stark auf Sport. Was sind die Gründe hierfür?

Dr. Patrick Wilden: Das hat mehrere Ursachen, auch aus der Historie heraus, weil wir zunächst als erst 1990 gegründete Bank unseren Bekanntheitsgrad steigern mussten. Wir haben sehr schnell Sportarten gefördert, die zu unseren Kunden und den zugehörigen Regionen passen, zum Beispiel Biathlon, Handball, Reitsport und Volleyball. Man muss sich auch hier konzentrieren und passende Sportarten auswählen.

Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung hat das Thema Sport für Sie persönlich, welches beruflich?

Dr. Patrick Wilden: Für mich ist Sport ein ungemein wichtiger Ausgleich zu den Herausforderungen des Berufs. Gerade als Risikovorstand bin ich tendenziell immer vorsichtig. Deswegen ist es anscheinend dazu gekommen, dass ich zu Risikosportarten neige. Dazu gehört an erster Stelle das Bergsteigen. Dabei finde ich dann eben auch den Ausgleich, wenn es links und rechts hunderte Meter runtergeht und man nur wenig Platz hat. Wobei ich keine unbeherrschbaren Risiken beim Bergsteigen eingehe. So hat auf mich der Mount Everest schon immer eine große Faszination ausgeübt. Letztes Jahr bin ich bis knapp 7.000 m Höhe gestiegen. Das ist eine ungeheure Spannung. Es gilt, das Risiko zu beherrschen und um das Risiko beherrschen zu können, muss man die Grenzen kennen. Das habe ich im Bergsteigen in hohem Maße, aber eben auch im Geschäft, wenn es um große Kredite geht, zu beachten.

„Es gilt, das Risiko zu beherrschen und um das Risiko beherrschen zu können, muss man die Grenzen kennen.“ Dr. Patrick WildenVorstandsmitglied

Wirtschaftsforum: Sie verlassen die DKB zum Jahreswechsel. Welche neuen Risiken möchten Sie danach eingehen?

Dr. Patrick Wilden: Ich will dann berufliche Risiken reduzieren [lacht]. Ich habe natürlich auch Pläne über den Sport hinaus. So könnte ich der Bankenbranche strategisch zur Verfügung stehen, allerdings nicht mehr operativ. Was ich mir auch vorstellen kann, ist akademisch-wissenschaftlich zu arbeiten. Stichwort wäre hier Behavioral Finance als ein Untergebiet der Verhaltensökonomik. Ich freue mich zudem auf den Umzug von Berlin nach Münster. Meine Frau und ich haben dort einen großen Bekanntenkreis. Das ist immer eine gute Ausgangsbasis für Aktivitäten. Ansonsten lasse ich alles in Ruhe auf mich zu kommen.

Interview: Manfred Josef Brinkmann

Bewerten Sie diesen Artikel
TOP