„Nicht jeder Erdbeerjoghurt kann aus Erdbeeren sein“

Interview mit Holger Wetzler, Geschäftsführer der Bell Flavors & Fragrances GmbH

Die Wurzeln des Unternehmens reichen weit zurück – bis ins Jahr 1829, als die später in Schimmel & Co. umbenannte Ursprungsfirma in Leipzig gegründet wurde. Schimmel & Co. ist damit einer der ältesten und renommiertesten Hersteller von Duftstoffen und Aromen. „Das Unternehmen hat mit den von ihm entwickelten Verfahren den Grundstock für die Industrialisierung unserer Produkte gelegt. Einer der Mitarbeiter hat sogar einen Nobelpreis bekommen“, berichtet Geschäftsführer Holger Wetzler.

Die Forschung hat eine lange Tradition am Standort. Mit der Schimmel-Bibliothek, die über 30.000 Werke umfasst, beherbergt Bell heute eine der umfangreichsten Fachbibli-otheken ihrer Art. „Sie ist in der Branche einzigartig“, betont der Geschäftsführer. Nach der Wiedervereinigung wurde die Firma von dem amerikanischen Unternehmen Bell Flavors & Fragrances Inc. übernommen. Auch dieses inhabergeführte Unternehmen hat eine lange Geschichte, es wurde 1912 von William M. Bell in Chicago gegründet. Gemeinsam beschäftigen die beiden inhabergeführten Schwesterunternehmen weltweit insgesamt rund 1.000 Mitarbeiter in über 20 Ländern.

Eine der modernsten Produktionsstätten für Düfte und Aromen

Bell Flavors & Fragrances in Leipzig ist für ganz Europa zuständig und betreibt Niederlassungen in Indien, Vietnam, Dubai, Russland, der Ukraine, Großbritannien, Polen und Frankreich. Entwicklung und Produktion sind in Leipzig angesiedelt, wo 2017 auch ein neues Logistikzentrum in Betrieb genommen wurde. Am Firmensitz steht eine Produktionsstätte mit einer Fläche von 200.000 m² zur Verfügung, die kontinuierlich modernisiert und ausgebaut wird.

„Wir beginnen jetzt auch in Indien zu produzieren, um auch die dortigen schnell wachsenden Märkte flexibel und mit den passenden Produkten bedienen zu können“, erzählt Holger Wetzler. Der Betriebswirt mit langjähriger Branchenerfahrung ist seit Mai 2023 als Geschäftsführer im Unternehmen. 300 Mitarbeiter sind am Leipziger Firmensitz beschäftigt, 100 weitere an den übrigen Standorten von Bell Europe.

Individuelle Lösungen für den Mittelstand

Das Leistungsspektrum reicht von Geschmacksstoffen (Aromen) über Duftstoffe bis hin zu Pflanzenextrakten und chemischen Rohstoffen. Bell bietet individuelle Lösungen und sieht sich damit als starker Partner für den Mittelstand, macht Holger Wetzler deutlich: „Anders als die Großen auf dem Markt haben wir keinen Katalog, sondern unterstützen unsere Kunden bei ihren jeweiligen Anforderungen und Herausforderungen. Langjährige, von Vertrauen und enger Zusammenarbeit geprägte Kundenbeziehungen zeichnen uns dabei aus.“

Der Einsatzbereich der Produkte von Bell ist riesig. So werden Geschmacksstoffe in Getränken, Backwaren, Süßwaren, Molkereiprodukten, Tabakwaren und in Tierfutter verwendet. Duftstoffe finden sich außer in Parfums und Körper- und Haarpflegeprodukten etwa in Haushalts- und Tierpflegeprodukten sowie Lufterfrischern. Immer wichtiger werden im Zuge des zunehmenden Gesundheitsbewusstseins der Menschen Pflanzenextrakte. Sie werden in Getränken und Lebensmitteln, in der Körper- und Haushaltspflege und in Tierfuttermitteln eingesetzt. Dabei wird nicht nur auf eine schonende Extraktion, sondern auch auf eine verantwortungsvolle Beschaffung der Rohstoffe geachtet.

„Unsere Produkte sind pulverförmig oder flüssig“, erklärt Holger Wetzler und fügt hinzu: „Unsere Expertise liegt zudem auch in Aromatechnolgien. Bei veganen Alternativen und proteinhaltigen Produktvarianten kommen beispielsweise unsere Maskierungsaromen zum Einsatz.“

Kein Duft für die Ewigkeit: Ein schnelllebiger Markt

Auf die Entwicklung des Unternehmens zum breit aufgestellten Anbieter von Duft- und Geschmackslösungen ist man in Leipzig stolz. „Unser Know-how und die Konzentration auf individuelle Lösungen heben uns als bevorzugten Partner für mittelständische Unternehmen hervor“, betont Holger Wetzler und erklärt, wie das mit der aktuellen Marktsituation zusammenhängt: „Wir erleben schnelle Wechsel; langlebige Produkte gibt es nicht mehr. Auch in der Parfumbranche gibt es immer häufiger neue Serien.“

Die Krisenzeiten durch Corona und Krieg hätten zu Marktverschiebungen geführt. Holger Wetzler berichtet: „Die Zeit heute ist nicht wie vor Corona. Die Unternehmen halten sich bei Investitionen zurück und die Preise sind gestiegen.“ Bei Bell Europe konnten, auch dank der engen Zusammenarbeit mit den Kunden, Entlassungen verhindert werden.

Flexibilität und Innovationskraft

Als einen der Erfolgsfaktoren sieht Holger Wetzler die Flexibilität der Firma. In einem Markt, der durch seine Schnelllebigkeit charakterisiert ist, bedarf es unkomplizierter Lösungen und direkter Ansprechpartner. Und nicht nur das soll auch in Zukunft so sein: „Wir bleiben ein inhabergeführtes Unternehmen, das stetig wächst und neue Produkte entwickelt.“ Themen wie Energie und Umwelt werden zukünftig von besonderer Bedeutung sein, und auch die Digitalisierung wird eine wichtige Rolle spielen.

„Schon heute beginnen wir, mit künstlicher Intelligenz zu arbeiten“, erzählt er. In Deutschland gebe es allerdings viele Hürden, macht Holger Wetzler deutlich: „Dem Mittelstand wird vieles schwer gemacht, auch durch die immer mehr ausufernde Bürokratie.“ Holger Wetzler sieht das Unternehmen jedoch gut aufgestellt und mit guten Perspektiven für die weitere Entwicklung: „Wir kennen und nutzen unsere Stärken. Die Großen haben andere Interessen und das ist gut für uns“, sagt er.

Ohne Aromen geht es nicht

Der Verbraucher wünscht sich in der Regel Lebensmittel und Körperpflegeprodukte mit natürlichen Zutaten. Wie notwendig der Einsatz von Duft- und Geschmacksstoffen in vielen Bereichen ist, ist den meisten Menschen laut Holger Wetzler nicht in seiner gesamten Dimension bewusst. Er möchte deshalb dafür ein Bewusstsein schaffen und hat ein bildhaftes Beispiel: „Wenn jeder Erdbeerjoghurt aus natürlichen Erdbeeren bestehen sollte, müsste vermutlich die Fläche der gesamten USA in ein Erdbeerfeld verwandelt werden. Wir brauchen eine realistische Wahrnehmung der Situation“, sagt er.

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