„Die Lebensmittelindustrie steht vor einem tiefgreifenden Wandel!“

Interview mit Thomas Wünsche, Industry Director Food & Beverage bei ANDRITZ Separation

Wirtschaftsforum: Herr Wünsche, mit einem Jahresumsatz von über 8,6 Milliarden EUR tritt ANDRITZ als internationaler Technologiekonzern in verschiedensten Branchen auf – von der Papierindustrie bis zur Errichtung von Wasserkraftwerken. Wie fügt sich die von Ihnen verantwortete Food-and-Beverage-Sparte in den Gesamtkontext der Unternehmenstätigkeit ein?

Thomas Wünsche: ANDRITZ hat sich in den letzten 20 Jahren durch strategische Zukäufe, darunter auch Unternehmensbestandteile bekannter Marken wie Krauss-Maffei und Klöckner-Humboldt-Deutz, substanziell vergrößert. Inzwischen haben wir all diese Elemente erfolgreich unter dem Namen ANDRITZ konsolidiert und treten somit auch als eine kohärente Einheit im Markt auf – dies ist im Food-and-Beverage-Segment keine einfache Herausforderung gewesen, weil ANDRITZ bisher nicht primär mit diesem Wirtschaftszweig assoziiert wurde.

Mit einem Jahresumsatz von cirka 140 Millionen EUR stellt dieses Tätigkeitsfeld noch einen relativ kleinen Teil des gesamten Marktengagements unseres Unternehmens dar, auch wenn wir sehr deutliche Wachstumspotenziale für unsere Technologien erkennen und diese auch selbstbewusst verfolgen.

Wirtschaftsforum: Worin liegt dabei Ihre Kernkompetenz?

Thomas Wünsche: Im Food-and-Beverage-Segment tritt ANDRITZ als klassischer Maschinenbauer auf – wir liefern also Anlagen als funktionsfähige Grundeinheit aus. In unserer 170-jährigen Firmengeschichte entwickeln und implementieren wir seit Jahrzehnten Gesamtlösungen für die Lebensmittel- und Tierfutterindustrie und viele weitere Branchen. Zusätzlich wurde die Geschäftseinheit „Alternative Protein Solutions“ gegründet, die sich ausschließlich um gesamtheitliche Prozesslösungen für unsere Kunden befasst. Vor diesem Hintergrund haben wir erhebliche Investitionen in ein neues R&D-Zentrum getätigt, wo wir entsprechende Prozesse simulieren und validieren können, um auf dieser Basis anschließend passgenaue Anlagen für unsere Kunden herzustellen.

Wirtschaftsforum: Welche Themenfelder stehen dabei besonders im Fokus Ihrer Tätigkeit?

Thomas Wünsche: Das zentrale Ziel liegt in der Entwicklung von Prozesslösungen, die schneller hochwertige Proteine zur Versorgung der rasch zunehmenden Erdbevölkerung liefern. Die weltweite Abnahme an Agrar- und Weideflächen, ein immer stärker werdender Fokus auf das Tierwohl und Tierhaltung aber auch Ernteausfälle durch Dürren oder Überflutungen erfordern es nach alternativen Prozesslösungen zu suchen. Diese Prozesse müssen Proteine in kürzer Zeit bei geringerem Ressourceneinsatz liefern. Unabhängigkeit von Klimafaktoren, ein geringerer Landverbrauch neben reduziertem Einsatz von Energie und Wasser stehen dabei im Vordergrund und senken gleichzeitig die CO2 Emission. In diesem Zusammenhang befassen wir uns zum Beispiel mit Lösungen, die dazu beitragen, Food Waste zu minimieren und gleichzeitig die Herstellung gesundheitsfördernder Nahrungsmittel zu ermöglichen. Ein Beispiel dafür ist die Erzeugung von Proteinen auf alternativen Wegen, wie zum Beispiel durch die Verwendung von Larven.

Wirtschaftsforum: Gerade letzteres ist im öffentlichen Diskurs ein heißes Eisen.

Thomas Wünsche: Dabei wird jedoch die Dringlichkeit des weltweiten Proteinmangels verkannt – mit perspektivisch katastrophalen Folgen für die Menschheit, wenn wir nicht heute schon entschlossen gegensteuern. Denn die Weltbevölkerung wird nach Prognosen der WHO in den nächsten 20 Jahren um ungefähr zwei Milliarden Menschen wachsen, wobei sich dieser Bevölkerungszuwachs insbesondere auf die Länder der sogenannten Dritten Welt erstrecken wird – also die Regionen, in denen eine nachhaltige Nahrungsmittelsicherheit schon heute nicht ausreichend gewährleistet ist. Die Debatten, die wir in Europa über alternative Proteinquellen oder vegane Nahrungsmittel führen, gehen dabei vollkommen an der zentralen Problemstellung vorbei. Kürzlich habe ich längere Zeit in Nigeria verbracht – und es ist erstaunlich, wie viel weitreichender viele Innovationen in der Lebensmitteltechnologie dort bereits umgesetzt werden.

Wirtschaftsforum: Worin macht sich dies bemerkbar?

Thomas Wünsche: In Europa stehen wir vor einem Luxusproblem. Ein durchschnittlicher Mensch hat einen Bedarf von cirka 100 g Proteinen pro Tag. Wenn der Proteinpreis pro Kilogramm um einen EUR steigt, fällt das hierzulande niemandem auf. In Nigeria, wo das durchschnittliche Monatsgehalt vielleicht 100 EUR beträgt, ist ein solcher Preisanstieg jedoch ein existenzielles Problem. Tatsächlich haben sich die Lebensmittelpreise dort in einigen Bereichen in den letzten Jahren vervierfacht, während die Löhne nur um etwa 20% gestiegen sind. Um eine nachhaltig sichere Versorgung mit essentiellen Nahrungsmitteln sicherzustellen, ist also eine größtmögliche Effizienz unumgänglich. Auf der einen Seite muss die Effizienz der Verarbeitung und Valorisierung von Agrar-Produkten erhöht werden und die dabei produzierten Grundnahrungsmittel bei klimatischen Faktoren haltbar gemacht werden. Auf der anderen Seite stehen Mensch und Tier bei der Nutzung der Grundnahrungsbausteine im Wettbewerb. Die Verwendung von für den menschlichen Verzehr ungeeigneten Nährstoffe sollte bei der Tierernährung der Vorzug gegeben werden, gleichzeitig muss die sogenannte Conversion-Rate, also die Transformation von pflanzlichen in tierische Proteine, hinreichend optimiert werden. Genau an dieser Stelle können wir mit unserem Know-how zielgerichtet unterstützen.

Wirtschaftsforum: Impulse, von denen man auch in Europa lernen kann?

Thomas Wünsche: Gerade junge Verbraucher hinterfragen etablierte Ernährungsgewohnheiten und achten besonders stark auf Nachhaltigkeit und Tierwohl. Damit steht auch die hiesige lebensmittelverarbeitende Industrie vor einem tiefgreifenden Wandel – bei dem wir unsere Kunden als starker Partner begleiten wollen.

Interview:

Manfred Brinkmann
und Dr. Endre Hagenthurn

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Neue Lösungen für alte (und neue) Kältemittel

Interview mit Mario Schemann, Geschäftsführer der Beijer Ref Deutschland GmbH

Neue Lösungen für alte (und neue) Kältemittel

Als einer der weltweit führenden Anbieter von Kälte- und Klimatechnik verfügt das Unternehmen Beijer Ref auch in Deutschland über ein starkes Vertriebsnetz, das im Zuge der weiteren Verschiebung der Kundenanforderungen…

Eine exzellente Verbindung

Interview mit Roger Gojo, Geschäftsführer der Howag Kabel AG

Eine exzellente Verbindung

„Wir möchten keine Masse, sondern Sicherheit, Qualität und Langlebigkeit.“ Mit diesen Worten beschreibt Roger Gojo, Geschäftsführer der Howag Kabel AG, die Philosophie des Unternehmens, das in diesem Jahr sein 90-jähriges…

Der Motor läuft weiter

Interview mit Dipl.-Ing. Hans-Jürgen Schnell, Geschäftsführer der HJS Motoren GmbH

Der Motor läuft weiter

Die Planung und Umsetzung von Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien stehen seit Jahren unter dem Einfluss sich regelmäßig ändernder Rahmenbedingungen – eine Entwicklung, die zunehmend zu Planungsunsicherheit führt und…

Spannendes aus der Region Köln

Wirtschaftsschäden präzise bewertet

Interview mit Vera Wendorff-Looser, geschäftsführende Gesellschafterin und Michael Moussa, geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Wendorff GmbH

Wirtschaftsschäden präzise bewertet

Ob Brand, Cyberangriff oder globale Lieferkettenstörung – wirtschaftliche Schäden treffen Unternehmen heute schneller und sind komplexer als früher. Die Dr. Wendorff GmbH zählt seit rund 35 Jahren zu den spezialisierten…

Unvergessliche Erlebnisse gestalten

Interview mit Marc Lehmann, Geschäftsführer der Blueprint Events & Services GmbH

Unvergessliche Erlebnisse gestalten

Was macht eine Veranstaltung zu etwas Besonderem? Die Antwort liegt in der Kunst, kreative Ideen mit professioneller Umsetzung zu verbinden. Die Blueprint Events & Services GmbH aus Köln bietet maßgeschneiderte…

Schnell. Schlank. Versorgungssicher.

Interview mit Alexander Bell, Geschäftsführer und Andre Schmidt, Vertriebsleiter der Medsorg GmbH

Schnell. Schlank. Versorgungssicher.

Die Anforderungen an Pflegeeinrichtungen steigen – und damit auch der Bedarf an verlässlichen Partnern, die Versorgungssicherheit, Effizienz und Qualität zusammenbringen. Gerade bei Verbrauchsmaterialien und Pflegebedarf zählt nicht nur der Preis,…

Das könnte Sie auch interessieren

Italienischer Genuss weltweit exportiert

Interview mit Luigi Brandazza, geschäftsführender Gesellschafter der Allegra s.r.l.

Italienischer Genuss weltweit exportiert

Italienische Lebensmittel stehen für Qualität, Tradition und Lebensfreude. Seit fast zwei Jahrzehnten verfolgt das familiengeführte Unternehmen Allegra s.r.l. aus Piacenza das Ziel, das kulinarische Erbe Italiens international erlebbar zu machen.…

Mediterraner Genuss

Interview mit Louis Weber, Geschäftsführer der HW Foods GmbH

Mediterraner Genuss

Die HW Foods GmbH aus Gründau hat eine lange Tradition im Bereich griechischer und zypriotischer Molkereiprodukte. Im Gespräch mit Wirtschaftsforum berichtet der Geschäftsführer und Inhaber Louis Weber, wie gute Beziehungen…

Natürlich stark: Nahrungsergänzung für echte Power

Interview mit Dr. Annette Horváth, Geschäftsführerin der WELL PLUS TRADE GmbH

Natürlich stark: Nahrungsergänzung für echte Power

Proteinriegel sind aus der Fitness- und Ernährungswelt nicht mehr wegzudenken. Was einst als Nischenprodukt für Bodybuilder galt, hat sich mittlerweile zu einem beliebten Snack für Fitness-Enthusiasten aller Art entwickelt. Diese…

TOP