Flachstahlspezialist mit Tiefe

Interview mit Carsten Bleck, CEO der Andernach & Bleck GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Herr Bleck, A&B blickt auf eine beeindruckende Geschichte zurück. 1903 gegründet, hat das Unternehmen Kriegszeiten durchlebt, verschiedene Generationenwechsel erfolgreich gemeistert, ist stetig gewachsen und dabei sich selbst und seinen Werten treu geblieben. Welche Themen beschäftigen Sie heute?

Carsten Bleck: Aktuell ist die Energieverfügbarkeit zentrales Thema. Als Industrieunternehmen sind wir abhängig von Strom und Gas. Energie verfügbar zu haben und die Betriebsbereitschaft aufrechtzuerhalten, ist momentan unser primäres Ziel. Ein anderes Thema, das in aller Munde ist, ist der Green Steel. Um hier Akzente zu setzen, sind wir eine Partnerschaft eingegangen und haben eine CO2-bilanzierte Produktkette eingeführt. Seit dem 01.01.2022 setzen wir nur grüne Energie ein, sowohl bei Strom als auch bei Gas, und arbeiten weiter daran, Prozesse zu optimieren und umweltfreundlicher zu gestalten. Eigentlich wichtige Themen wie die Digitalisierung rücken momentan in den Hintergrund, dürfen aber nicht vernachlässigt werden.

Wirtschaftsforum: Wie steht A&B heute, nach beinahe 120 Jahren, da?

Carsten Bleck: A&B ist noch immer ein inhabergeführtes Familienunternehmen mit Hauptsitz in Hagen. Hier bieten wir das größte Produktspektrum Europas, was Abmessungsbreite und -tiefe angeht. In Italien gibt es einen kleinen Standort für die Produktion von Nischenprodukten, blankgezogenen Winkeln. In Hagen beschäftigen wir rund 180 Mitarbeiter, in Italien 14, der Jahresoutput liegt, abhängig von der Konjunktur, bei 70.000 bis 90.000 t. Die vergangenen drei Jahre waren für den Mittelstand eher Krisenjahre; wir konnten die gesunkenen Mengen jedoch durch höherwertige Produkte kompensieren. Aktuell beschäftigen uns die gestörten Lieferketten. Wir haben es mit Wartezeiten für Ersatzteile für Anlagen von bis zu zwölf Monaten zu tun. Vor diesem Hintergrund ist unser großes Ersatzteillager ein echtes Asset; so können wir uns aus eigener Kraft helfen.

Wirtschaftsforum: Sie sind seit 1995 Gesellschafter des Unternehmens, seit 2001 aktiv tätig. Was sehen Sie als Ihre Hauptaufgaben und welche Impulse möchten Sie dem Unternehmen geben?

Carsten Bleck: Ich bin sowohl strategisch als auch operativ im Unternehmen tätig. Als Vertreter der 5. Generation plane ich die Fortführung für die 6. Generation und muss entsprechend vorausschauend planen. Ich habe Kontakte zu Lieferanten, Kunden und natürlich Mitarbeitern und bin unter anderem ein Motivator für das Team. Ein Thema, das uns und mich nicht erst seit gestern beschäftigt, ist die CO2-Transformation. Mit der Produktlinie +POS® haben wir prozessoptimierte Stähle auf den Markt gebracht, bei denen wir das Material kundenspezifisch disponieren, bearbeiten und ‘nachveredeln’ können. Für die Kunden ergeben sich dadurch Vorteile wie eine bessere Zerspanbarkeit, geringere CO2-Belastungen und ein optimierter Energieeinsatz. Mein persönliches Steckenpferd ist sicherlich die Technik; für mich als Ingenieur ist sie Hobby und Leidenschaft. Eine Frage ist deshalb, wie wir durch Technik Kunden einen Mehrwert bieten können.

Wirtschaftsforum: Um welche Produkte geht es genau bei A&B?

Carsten Bleck: Kaltgezogene Flachstähle dominieren seit Beginn das Portfolio; ihr Anteil liegt bei etwa 70%. Hier bieten wir auch Lösungen, die über den Standard hinausgehen. Vor drei Jahren haben wir mit 550 mal 55 mm im Querschnitt Europas größte Abmessung gezogen; Wettbewerber hören bei 400 mm in der Breite auf. Darüber hinaus bieten wir Vierkant-, Sechskant- und Rundstähle, die 30% ausmachen. Mit +POS® haben wir innovative, auf die Zukunft ausgerichtete Produkte lanciert; allerdings ist es schwierig, komplett neue Produkte am Markt zu etablieren. Kunden haben momentan kaum Zeit, sich mit neuen Produkten zu beschäftigen.

Wirtschaftsforum: Wer zählt zu den Abnehmern der Stahlprodukte?

Carsten Bleck: Wir beliefern den deutschen beziehungsweise internationalen Stahlhandel, aber auch Endverbraucher; das können Hydraulikhersteller, Maschinen- oder Anlagenbauer oder Hersteller von Antriebskomponenten sein.

Wirtschaftsforum: Im nächsten Jahr besteht A&B seit 120 Jahren. Was sind die Gründe für den anhaltenden Erfolg?

Carsten Bleck: Qualität und Kontinuität. Wir sind an langfristigen Geschäftsbeziehungen interessiert, nicht am schnellen Geschäft. Zwischen uns und den Kunden besteht ein vertrauensvolles, partnerschaftliches Verhältnis; deshalb hält uns zum Beispiel ein Kunde seit 1909 die Treue. Dass wir qualitativ gut aufgestellt sind, zeigt eine Reklamationsquote von 0,3%. A&B hält Wort und ist verlässlich. Das wissen auch die Mitarbeiter. Wir sind ein Familienunternehmen mit flachen Hierarchien und schnellen Entscheidungen und haben immer ein offenes Ohr für die Mitarbeiter. Das wird sich auch künftig nicht ändern. Wir wollen Problemlöser der Kunden sein – und hoffen, dass der Mittelstand in Zukunft etwas besser von der Regierung unterstützt wird, zum Beispiel durch Entbürokratisierung und Deregulierung.

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