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„Wir verbinden Profi-Spitzensport mit einer tiefen gesellschaftlichen Verankerung“

Interview mit Marco Baldi, Geschäftsführer der ALBA BERLIN Basketballteam GmbH

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Wirtschaftsforum: Herr Baldi, Sie sind seit 1990 Manager des Berliner Basketball-Bundesligisten und gewannen mit ALBA BERLIN in dieser Zeit acht Meisterschaften und neun nationale sowie einen internationalen Pokal. Was treibt Sie nach wie vor an?

Marco Baldi: Ich begleite meinen Klub seit seiner Geburt. Das ist kein Jobverhältnis. Eher ein Baby, das man aufzieht und mit dem man eng verbunden ist. Wir haben aus dem Nichts den populärsten und größten deutschen Basketballklub aufgebaut und uns von einem erfolgreichen Profiklub zusätzlich zu einem wertvollen Sozialakteur entwickelt, der vielen Menschen einen lebendigen Bewegungs-, Begegnungs- und Identifikationsraum bietet. Das Betreten neuer Felder und deren Gestaltung macht mir Freude. Hinzu kommen die spannenden menschlichen und unternehmerischen Herausforderungen und Besonderheiten, die unsere extrem wettbewerbsorientierte und emotionalisierte Branche bietet.

ALBA-Geschäftsführer Marco Baldi
„Die ganz große Mehrheit der Spitzensportler und Profis, die ihr ganzes junges Leben dem sportlichen Erfolg widmen, werden nie einen Titel oder ersten Platz gewinnen. Dennoch leisten sie Herausragendes.“ Marco BaldiGeschäftsführer

Wirtschaftsforum: Um die Jahrtausendwende wurde ALBA sieben Mal in Folge Meister. Wie groß ist die Sehnsucht nach einem neuerlichen, großen Titelgewinn?

Marco Baldi: Wir treten an, um zu gewinnen. Allerdings haben wir von Anfang an eine Maxime definiert. Wir wollen dauerhaft Anwärter auf eine Spitzenposition sein. Dafür muss man entsprechend agieren und wirtschaften und darf für kurzfristigen Erfolg nicht die aufgebaute Substanz riskieren. Wie Sie wissen, geschieht das im Profisport sehr häufig. Was mich zunehmend stört, ist die mediale Fokussierung ausschließlich auf die Gewinnenden, ganz nach dem Motto 'the Winner takes it all'. Die ganz große Mehrheit der Spitzensportler und Profis, die ihr ganzes junges Leben dem sportlichen Erfolg widmen, werden nie einen Titel oder ersten Platz gewinnen. Dennoch leisten sie Herausragendes. Deren mediale Missachtung gefällt mir überhaupt nicht.

Wirtschaftsforum: ALBA ist der größte Basketballclub Deutschlands mit großer Strahlkraft, auch für die Wirtschaft. Was bietet der Basketball in Berlin an Kooperationsmöglichkeiten für bestehende und zukünftige Partnerunternehmen, die Ihre Marken präsentieren möchten? 

Marco Baldi: Wir bieten etwas Besonderes: Wir verbinden Profi-Spitzensport mit einer tiefen gesellschaftlichen Verankerung. Woche für Woche bewegen sich mehr als 8.000 Kinder unter unserem Dach. Ob an Kitas und Schulen, bei uns im Verein oder durch Camps, Open Gym Angebote und viele andere Projekte. Es hat sich eine große Community gebildet, die aktiv an unserem Klub teilnimmt und sich mit ihm verbindet. Als Marketing-Definition: der Profibereich bietet hohe Reichweiten mit einer jungen, besonders auch im Hinblick auf Recruiting interessanten, Zielgruppe. Zusätzlich und damit verbunden sind wir sehr präsent und bewegen uns vertikal in sozialen Räumen mit besten Möglichkeiten zur Partnereinbindung, wie zum Beispiel CSR Aktivitäten.

Wirtschaftsforum: Die Liga-Konkurrenz aus München oder Bamberg setzt auf erfahrene und bekannte Spielergrößen wie Derrick Williams, Nikolaos Zisis oder Tyrese Rice als Erfolgsrezept. Berlin gilt stattdessen seit Jahren als Verfechter eines Jugendkonzepts als bester europäischer Talententwickler – und ist aktuell mit dem jüngsten Profiteam in der easyCredit BBL sehr erfolgreich. Welche Rolle spielt hierbei Cheftrainer-Legende Aito Garcia Reneses? Und wie wichtig ist aus Ihrer Sicht generell die Nachwuchsförderung im Sport und in der Wirtschaft?

Marco Baldi: Unsere Ausrichtung folgt unserem Ziel, dauerhafter Anwärter auf die Spitze und gleichzeitig tief in der Gesellschaft verankert zu sein. Das schaffen wir nicht, indem wir 'kaufen', wie etwa Bayern München oder Maccabi Tel Aviv. Unser Weg ist, zu generieren. Unser gesamtes Programm ist danach infrastrukturell und personell ausgerichtet. Aito ist der perfekte Trainer, der diese Anforderung durch seine Kompetenz, Erfahrung sowie seine Freude an der Spielerentwicklung erfüllen kann. Gleichzeitig spielen seine Teams einen attraktiven, schnellen Basketball, was zusätzlich zur derzeitigen europaweiten Begeisterung für ALBA-Basketball beiträgt.  

Im Profisport ist es möglich, Qualität zu kaufen, sofern man über die entsprechenden Mittel verfügt. Die NBA geht genauso vor. Sie investiert null in Spielerentwicklung, sondern rekrutiert weltweit und bezahlt nicht mal eine Ausbildungsentschädigung dafür, da der Weltverband FIBA, anders als im Fußball, das nicht einfordert. Sie zahlt die höchsten Gehälter und betreibt ein überragendes Marketing, was sie quasi zu einem Monopol macht. Theoretisch können auch Wirtschaftsunternehmen – zu denen im Übrigen ja auch Profiklubs gehören – mit ähnlicher Marktposition so vorgehen. Dennoch wird einer intensiven und kontinuierlichen Nachwuchsförderung als essentieller Ressource eine zunehmend wichtige Rolle im Hinblick auf nachhaltigen Unternehmenserfolg zugewiesen. Völlig zu Recht, wie ich finde.  

„Unsere Ausrichtung folgt unserem Ziel, dauerhafter Anwärter auf die Spitze und gleichzeitig tief in der Gesellschaft verankert zu sein.“ Marco BaldiGeschäftsführer
ALBA-Geschäftsführer Marco Baldi

Wirtschaftsforum: Mit der Mercedes-Benz Arena haben Sie in Berlin eine Heimspielstätte, die für deutsche Basketball-Hallen von der Kapazität her beinahe einmalig ist und sogar im restlichen Europa seinesgleichen sucht. Welche sportlichen und ökonomischen Vorteile und Möglichkeiten ergeben sich hieraus?

Marco Baldi: Rein sportlich bietet die Arena keinen Vorteil. Wir können dort praktisch nicht trainieren. Eine hitzige bis zuweilen feindliche Heimspielatmosphäre, wie wir sie in den kleineren Arenen häufig erleben und die Auswärtsspiele so schwierig macht, entsteht in der weitläufigen Arena kaum. Dafür verzeichnen wir Jahr für Jahr die mit Abstand höchsten Zuschauerzahlen in Deutschland und sind auch europaweit in der Spitzengruppe. Zusätzlich bietet die Arena beste Präsentations- und Hospitality-Möglichkeiten für unsere Partner. Der Komfort und die Interaktionsmöglichkeiten für unsere Zuschauer sind herausragend. Und letztlich erlaubt uns die große Arenakapazität, immer neue Fans zu gewinnen.  

Wirtschaftsforum: Aufgrund dieser optimalen, sportlichen Infrastruktur ist Berlin neben Metropolen wie Madrid, Paris, München, Athen oder Istanbul immer wieder im Gespräch für zukünftige, europäische NBA-Expansionsvisionen. Wie ist Ihre persönliche Einschätzung hierzu: Macht es grundsätzlich wirtschaftlich und sportlich überhaupt Sinn, zukünftig eine europäische NBA-Division – mit Berlin als einem der möglichen Standorte – ins Auge zu fassen?      

Marco Baldi: Ich kenne die Expansionspläne der NBA nicht im Detail. Die Implementierung einer europäischen Division in die NBA sehe ich in den nächsten 20 Jahren jedoch nicht.

ALBA-Geschäftsführer Marco Baldi
„Die Liga hat sich in den letzten zehn Jahren sehr gut entwickelt. Infrastrukturell und was den Organisationsgrad betrifft sind wir mittlerweile führend in Europa.“ Marco BaldiGeschäftsführer

Wirtschaftsforum: Eine persönliche Frage zum Schluss: Neben der Geschäftsführung bei ALBA Berlin sind Sie zudem in der Doppelfunktion als Vizepräsident der AG BBL e.V. – der Dachgesellschaft der easyCredit BBL – aktiv. Vor Jahren hatte sich die Basketball-Bundesliga zum Ziel gesetzt, bis 2020 die stärkste Liga Europas zu werden. Wie weit ist aus Ihrer Sicht die easyCredit BBL auf diesem Weg?

Marco Baldi: Die Liga hat sich in den letzten zehn Jahren sehr gut entwickelt. Infrastrukturell und was den Organisationsgrad betrifft sind wir mittlerweile führend in Europa. Die sportliche Qualität hat inzwischen ein hohes Niveau erreicht, deutsche Teams sind auch im internationalen Maßstab deutlich wettbewerbsfähiger geworden und peilen Spitzenpositionen an. Die Budgets und die wirtschaftliche Stabilität der BBL Klubs und der Liga haben sich signifikant erhöht. Bei Zuschauerzahlen und Reichweiten sind wir europaweit führend, nur Spanien liegt noch vor der BBL. Keine Frage, Attraktivität und Qualität der BBL sind deutlich gestiegen und wir sind nah dran, das hochgesteckte Ziel zu erreichen.

Interview: Andreas Detert / Fotos: ALBA BERLIN, Camera4

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