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Mit China gibt es keine Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe

Wirtschaftsforum: Herr Kracht, immer wieder ist in den Medien von einem Ausverkauf deutscher Mittelständler an chinesische Investoren die Rede. Was ist Ihrer Einschätzung nach dran an solchen Schlagzeilen?

Jürgen Kracht: Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst die Perspektive erweitern. Schon seit den 1980er-Jahren ging es China darum, in einer Aufholjagd stufenweise den westlichen Technologiestand zu erreichen und zu überholen. Zwei Gründe sind hierfür entscheidend: China will nie wieder vom Ausland abhängig sein und aus Chinas Sicht verlangt die schiere Größe des Marktes eine eigenständige und autarke Industrie. Diese Paradigmen waren uns in der stürmischen Phase der wirtschaftlichen Öffnung und des Wiederaufbaus Chinas nicht bewusst. Für lange Zeit war im Westen der Glaube weit verbreitet, das China als Folge der Öffnung am Ende unser wirtschaftliches Ordnungssystem und die etablierten Regeln übernehmen wird. „Das war und ist ein hochmütiger Irrglaube“, sagte Stefan Baron (früher Chefredakteur der WirtschaftsWoche) in einem Interview auf wirtschaftsforum.de im März 2018.

„China will nie wieder vom Ausland abhängig sein und aus Chinas Sicht verlangt die schiere Größe des Marktes eine eigenständige und autarke Industrie.“ Jürgen Kracht

Tatsächlich handelte und handelt China auch heute nach seinen eigenen Wirtschaftsspielregeln. Daraus resultierend wurden wir Zeuge der vier kaskadierenden Phasen von Chinas Industriekonzept, ohne uns dessen immer bewusst zu sein.

Phase 1 - Technologie und Know-how abholen

Der Erfolg vom Agrarstaat zur lohnintensiven Werkbank der Welt wurde symbolisch erkennbar in Frachtschiffen vollgestopft mit Containern für Adidas bis Tchibo. Doch China war nicht zufrieden mit dem Status des niedrigen Wertschöpfers – insbesondere im Konsumgütersektor. Das nächste Ziel des Schwellenlandes war vielmehr der Aufbau einer modernen Industrie im Lande. Um diese Entwicklung zu beschleunigen war die Politik fortan: kaufen, abbauen und in China wiederaufbauen. Beispielhaft für diese Phase ist Zündapp in München, deren Industrieanlage 1985 komplett von einem Hersteller in Tianjin übernommen wurde. Um den Know-how-Transfer sicherzustellen, engagierte er gestandene Zündapp-Meister mit gutdotierten Zeitverträgen.

„Die zugrunde liegende Taktik war es, westlichen Unternehmen Zugang zum lukrativen China Markt nur durch die Gründung von JVs mit chinesischen Unternehmen zu gewähren.“ Jürgen Kracht

Phase 2 - Joint Venture

Ab Mitte der 1980er-Jahre waren Joint Ventures en vogue und die zugrunde liegende Taktik war es, westlichen Unternehmen Zugang zum lukrativen China Markt nur durch die Gründung von JVs mit chinesischen Unternehmen zu gewähren. Als Teil des Deals musste Know-how und Technologie zur JV transferiert werden. Siemens zum Beispiel betrieb damals mit chinesischen Partnern Betriebe zur Herstellung von PABX Telefonsystemen – bis sie merkten, dass ihr Partner wenige Kilometer weiter eine eigene Fabrik mit dem via der JV erworbenen Know-how aufgebaut hatten. Ein anderer für China attraktiver Ansatz war es, Siemens, Alstom und so weiter nur Aufträge für Chinas Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetz zu geben, wenn diese im Gegenzug technologisches Wissen abgaben.

Im Gleichklang mit der gestärkten einheimischen Industrie wurde die JV-Pflicht gelockert und heute sind JVs zum Beispiel noch im Automobilsektor vorgeschrieben. China braucht noch Zeit, um hier aufzuholen – sei es in der Technik oder beim Aufbau starker Markennamen. Bis dahin aber kann China die Bedingungen diktieren, denn sie sind unbestritten Absatzland Nummer Eins. Zwar wurde die Verpflichtung zur JV im Sommer 2018 gelockert, aber bei den heute existierenden Verflechtungen ist es fraglich, ob eine westliche Autofirma zukünftig eigenständige Betriebe etablieren wird.

„Während der Westen ausländischen Investoren freien Marktzugang gewährt, schützt China noch immer bewusst bestimmte Wirtschaftsbereiche.“ Jürgen Kracht

Phase 3 - Technologieklau

In dieser Phase wurde die Aufholjagd vom Staat mit Masterplänen festgelegt, die sich in drei Zahlen ausdrückten. Der "Plan 863" vom März 1986 legte den Forschungs- und Entwicklungsplan für den Hochtechnologie-Bereich fest. Es ging dabei um eigene Entwicklungen, aber dazu gehörte auch das Ziel dem Westen industrielles Wissen abzutrotzen: mit allen Mitteln, legal oder illegal. Im März 1997 bestimmte der "Plan 973" Ziele der Grundlagenforschung in den Bereichen Energie, Informatik, Gesundheit und Landwirtschaft und so weiter. Später folgte der "Fackel-Plan", der die Entwicklungsziele in den Hochtechnologiesparten wie Informationsverarbeitung oder Maschinenbau etablierte. Im August 2007 beschrieb Der Spiegel ausführlich das hierzu ergänzende Wirtschaftsspionage-Konzept, das als "Prinzip Sandkorn" bekannt wurde: Keine Information ist zu klein und kein Detail zu unwichtig. Insgesamt gesehen wurde diese Phase bestimmt von Copy & Paste.

Einerseits ist diese Aufholjagt aus der Sicht des zurückgebliebenen Landes verständlich und in der Geschichte gibt es ausreichend Beispiele: Im späten 18. Jahrhundert raubten US-Firmen durch Technologieklau bei Baumwollmaschinen England die Weltmarktführerschaft. Aber in Chinas Fall erkennen wir die Handschrift einer konsequenten und zentral gesteuerten Industriepolitik, die eindeutige Ziele hat.

„Lange Zeit wurde der Unmut, dass die Chinesen auch andere marktwirtschaftliche Spielregeln verletzen, von Politikern und Unternehmern aus Angst, den Zugang zum Riesenmarkt zu verlieren, heruntergeschluckt.“ Jürgen Kracht

Phase 4 - Kauf von deutschen Mittelständlern

Spätestens seit Staatschef Xi Jinping vor einigen Jahren erklärte, dass China die globale Technologieführerschaft übernehmen will, ist ein weiterer Paradigmenwechsel in unserem Blickfeld. Somit hat der "Made in China 2025"-Plan zum Ziel, dass China in zehn Industrien, darunter Werkzeugmaschinen und Robotik, Luft- und Raumfahrt, Medizin und Informationstechnologie zu Weltmarktniveau aufstoßen soll.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Übernahme von Unternehmen im D.A.C.H. Raum zu sehen, wobei hier deutsche Firmen im Vordergrund stehen. Dabei geht es primär darum, zügig Zugang zu Technologien zu erhalten, die im Lande nicht verfügbar sind. Damit ist es also kein großes Geheimnis warum Übernahmen erfolgen. Dies bestätigt Dr. Cora Jungbluth, Autorin der Bertelsmann Stiftung Studie „Kauft China systematisch Schlüsseltechnologien auf?“. Sie stellte fest, dass die chinesische Investitionen in Deutschland im Zeitraum 2014 bis 2017 einen klaren Fokus auf die zehn Schlüsselindustrien hatten, in denen das Land bis 2025 eine führende Position erreichen will.

Die eigentliche Ursache für die aktuelle Konfrontation liegt in den China 2001 gewährten großzügigen Konditionen beim Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO). Diese hat China geschickt ausgenutzt und wie so oft operierte man nach dem Motto „vermeintlich Freiräume muss man nutzen, solange es keinen Widerstand gibt“. Daraus resultiert 17 Jahre nach Chinas Beitritt zur WTO die Situation, das es keine Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe gibt. Während der Westen ausländischen Investoren freien Marktzugang gewährt, schützt China noch immer bewusst bestimmte Wirtschaftsbereiche. Ex-WTO-Chef Pascal Lamy sagte dazu im August 2018 in einem Handelsblatt-Interview treffend, dass die eigentliche Frage sei, „ob sich die globalisierte Marktwirtschaft mit einer chinesischen Wirtschaft verträgt, die zu 30 oder 40% staatlich kontrolliert wird“.

Lange Zeit wurde der Unmut, dass die Chinesen auch andere marktwirtschaftliche Spielregeln verletzen, von Politikern und Unternehmern aus Angst, den Zugang zum Riesenmarkt zu verlieren, heruntergeschluckt. Mittlerweile aber ist klar geworden, dass Europa sich gegenüber China in einem ungleichen Systemwettbewerb befindet und das es höchste Zeit ist das Ungleichgewicht konsequent anzugehen. „Europa braucht eine Strategie für das Miteinander mit China“ schrieb Joachim Lang, BDI Geschäftsführer in einem Handelsblatt-Kommentar bereits am 15. Februar 2018.

Das entscheidende Wort ist hier REZIPROZITÄT. Denn man fragt sich schon, warum chinesische Firmen sich an der Deutschen Bank und auch an Daimler beteiligen dürfen, während deutschen Firmen ein adäquater Schritt in China immer noch verwehrt ist. Es fängt ja schon damit an, dass der chinesische Botschafter in Berlin zum Beispiel im Handelsblatt-Artikel veröffentlicht, dem deutschen Botschafter in Peking dies aber in chinesischen Zeitungen (unzensiert) verwehrt ist. Jetzt ist die deutsche Politik wachgerüttelt und es gibt erste Maßnahmen, quasi wird an einer Lex China gestrickt. Dabei wird die Tür zu chinesischem Investment nicht geschlossen, aber es werden endlich Türwächter installiert.

Lesen Sie auch unser Interview mit Jürgen Kracht:

Was wir von China heute lernen können

Wenige haben die Entwicklung des chinesischen Marktes so nah erlebt wie Jürgen Kracht. 1971 trat er seine neue Arbeitsstelle in Hong Kong an, 2017 ist er erfolgreicher Unternehmer im Consulting-Bereich…

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