Risktaker, Neinsager und Ausprobierer

Interview mit Holger Merz, Geschäftsführer der Merz Verpackungsmaschinen GmbH

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Seit mehr als 50 Jahren werden bei Merz Verpackungsmaschinen hergestellt. Über 40 Jahre führten Gründer Eckhard Merz und seine Frau Maria das Unternehmen, „mein Vater der in der Branche bekannte, kreative Konstrukteur, meine Mutter das Finanzgenie mit großer Empathie und sozialer Kompetenz“, wie Holger Merz seine Eltern beschreibt.

Er selbst habe bestimmte Eigenschaften beider Elternteile geerbt, wie er betont, und damit gute Voraussetzungen, das Unternehmen in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Dabei wollte Holger Merz ursprünglich gar nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten.

„Ich habe in der Firma zwar eine Ausbildung gemacht, hatte aber eigentlich schon mit dem Thema abgeschlossen, andere Pläne und viele Hobbies“, erzählt er. „Allerdings signalisierte die Belegschaft mir, dass sie an mich glaubt und überzeugte mich. Ich war von meiner Ausbildung her zwar sehr gut vorbereitet, habe mir aber dennoch professionelle Hilfe geholt und mich beraten lassen, um gemeinsam einen Strategieplan aufzustellen. Anders als mein Vater habe ich kein Problem damit, Verantwortung an Menschen abzugeben, denen ich vertraue.“

Das richtige Gespür für den Markt

Holger Merz geht seinen eigenen Weg – und das mit außerordentlichem Erfolg. Seit fünf Jahren leitet er das Unternehmen, seitdem hat der Umsatz sich verdoppelt. Zwölf Millionen EUR wurden unlängst in ein neues Gebäude investiert, Büro- und Produktionsflächen verdoppelt; inzwischen kommt Merz schon wieder an die Grenzen.

„Natürlich haben wir Bewährtes bewahrt“, sagt Holger Merz. „Die Schlagrichtung, die mein Vater vorgegeben hat, war schließlich die richtige. Mit Blick in die Zukunft ist mir allerdings wichtig, uns breiter aufzustellen, um unabhängiger zu werden.“

Prototypen werden zu Bestsellern

Als Verpackungsmaschinenspezialist beliefert Merz vor allem die Pharmaindustrie, die zwischen 20 und 30% des Umsatzes ausmacht, und die Tabakindustrie – Merz ist Weltmarktführer für Snus-Verpackungsmaschinen. „Das machen wir schon immer und hier werden wir immer besser“, sagt Holger Merz. „In den USA werden die Maschinen auch zur Verpackung von Cannabis, Kaffee oder Kräutermischungen eingesetzt.“

Rund 10% des Umsatzes generiert Merz mit Sondermaschinen, zudem sind viele Kunden Lohnverpacker Kunden, die auf flexible Lösungen angewiesen sind. „Wir beliefern 12 der 20 größten Pharmakonzerne der Welt, vier weitere indirekt“, so Holger Merz. „Die Größe der Kunden spielt für uns allerdings keine Rolle. Hier lautet unser Motto ‘First come, first serve’. Und wir sagen auch mal ‘Nein‘’; das ist ganz wichtig. Uns geht es nicht um Geld und Wachstum; wir sind sehr stark gewachsen, aber diese Entwicklung war marktgetrieben. Uns geht es um die Zukunft. Deshalb sind wir auch bereit, Risiken einzugehen. Ich selbst scheue das Risiko nicht, kann Risiken abschätzen und sehr gut mit ihnen umgehen, weil ich seit vielen Jahren klettere. Deshalb sind wir auch bereit, Einzelstücke zu fertigen, was Wettbewerber meist ablehnen. Manchmal geht es einfach darum zu zeigen, dass wir das können.“

Merz bewies oft das richtige Gespür für den Markt. Unter anderem wandte sich ein großer US-amerikanischer Pharmakonzern, der Mikrotabletten für die kindgerechte Darreichung für Mukoviszidose-Patienten entwickelt hatte, an Merz. „Wir sind ohne jegliche Erfahrung auf die Anfrage eingegangen, weil wir an die Kinder gedacht haben, deren Lebenserwartung verlängert werden konnte“, so Holger Merz. „Diese soziale Verantwortung war unsere Motivation.“ In kürzester Zeit wurde ein Prototyp konstruiert; heute gibt es 30 Filler, die Anlage ist ein Erfolgsprodukt.

Risiken ging Merz auch bei der Stickpack, Füll- und Verschleißmaschine MFS800 ein, bei der sehr kleine Mengen abgefüllt werden. Die erste Maschine baute Merz auf eigene Kosten – „weil ich so davon überzeugt war“, wie Holger Merz betont. „Während viele Wettbewerber das Risiko scheuen, nehmen wir Herausforderungen gerne an, probieren aus. Wir haben als erste Firma in Europa ein kommerzielles Stickpack-Projekt umgesetzt, zum Beispiel für Zuckerverpackungen.“

Drei Standbeine mit Perspektive

Geteilt wird diese Risikobereitschaft von den rund 90 Mitarbeitern – sie stehen hinter dem Unternehmen und setzen sich dafür ein, so wie Holger Merz sich für seine Mitarbeiter einsetzt. „Die Unternehmenskultur hat sich im Laufe der Zeit verändert und nicht alle Mitarbeiter kommen problemlos mit den Veränderungen klar“, sagt er. „Nicht jeder will diesen neuen Weg mitgehen, das muss man akzeptieren.“

Neue Wege will Merz künftig auch bei den Produkten einschlagen. Konkret heißt das, Snus-Verpackungsmaschinen sollen eine weniger dominante Rolle spielen. „Die Basis, die mein Vater gelegt hat, ist genau richtig“, unterstreicht Holger Merz. „Wir werden uns dennoch perspektivisch breiter ausrichten und auf drei Standbeine bauen. Das wird auch in zehn Jahren noch funktionieren. Ziel ist, den Pharmabereich auszubauen und auf einen Anteil von 30 bis 40% zu bringen. Der Sondermaschinenbau soll rund 20% der Geschäfte ausmachen, der Snus-Bereich 40 bis 50%. Die führende Position, die wir in Europa innehaben, soll künftig auf den amerikanischen Kontinent ausgedehnt werden.“

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