Vom Baumstamm bis zur Diele

Interview mit Céline Quervel, Corporate Communication Designer der W. Classen GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Frau Quervel, das Unternehmen ist seit über 60 Jahren am Markt. Was hat Classen so erfolgreich gemacht?

Céline Quervel: Mein Großvater hat die Firma 1962 gegründet. Seitdem sind wir immer tiefer in die Wertschöpfungskette eingestiegen und genau das hat uns zu einem der bedeutendsten Produzenten in unserem Bereich gemacht. Ursprünglich kommen wir aus dem Holzhandel. Wir haben erst 1994 unsere erste Produktion errichtet. Ein Meilenstein war außerdem, dass wir unsere Laminatbodenfabrik aus der Eifel nach Brandenburg verlegt haben. Dort betreiben wir inzwischen das größte Laminatwerk der Welt. Unter einem Dach fertigen wir hier jährlich 80 Millionen m2 Laminatboden. Für uns war es immer wichtig, unabhängig zu sein. Wir übernehmen deshalb dort am Standort nicht nur die Endveredelung der Laminatböden, sondern haben 2006 auch ein eigenes MDF-Werk errichtet.

Das haben ganz wenige Produzenten in unserem Bereich. Die meisten sind abhängig von Vorprodukten. Wir haben so vom Baumstamm bis zur fertigen Diele alles unter einem Dach. Das macht uns sehr wettbewerbsfähig und ist gerade in Zeiten wie diesen ein großer Vorteil.

Wirtschaftsforum: Was haben Sie mit dem ursprünglichen Standort gemacht?

Céline Quervel: Wir haben unseren alten Standort behalten. Ursprünglich wollten wir eine PVC-Produktion ansiedeln, haben uns aber aus umweltschutz- und vor allem aus gesundheitlichen Gründen dagegen entschieden. Stattdessen haben wir dort selbst einen Werkstoff entwickelt, der im Grunde einen Vinylboden imitiert, aber umweltfreundlich und gesundheitsunbedenklich ist. Das Material heißt CERAMIN und basiert auf dem Kunststoff Polypropylen. CERAMIN ist heute unser Flaggschiff im Produktprogramm. Das Material ist im Gegensatz zu PVC nicht auf Stabilisatoren oder Weichmacher angewiesen. Es ist ein sehr sauberer junger Kunststoff, der absolut recycelfähig ist. Er wird deshalb auch viel in der Lebensmittelverpackung eingesetzt. In unserem Produkt verwenden wir einen großen Anteil dieser recycelten Lebensmittelverpackungen. So haben wir eine Kreislaufwirtschaft geschaffen und haben im Prinzip nicht nur ein Recycling, sondern sogar ein Upcycling erreicht, also eine Erhöhung der Wertigkeit des Werkstoffes. Verpackungsmaterial hat eine nur kurze Lebensdauer, während ein Boden durchaus 15 bis 20 Jahren hält.

Wirtschaftsforum: Wie wird das Material vom Markt angenommen?

Céline Quervel: Wir werden natürlich immer wieder mit PVC verglichen, mit der Funktionalität, vor allem aber mit dem Preis. Unser Produkt ist qualitativ hochwertiger und nachhaltig, aber auch teurer. Allerdings stellen wir fest, dass sich die Einstellung wandelt, auch bei den internationalen Baumarktketten. Im letzten Jahr haben wir eine verstärkte Nachfrage erlebt. Auch bei Architekten wird das Thema häufiger nachgefragt. Hinzu kommt noch, dass PVC meistens aus China kommt. Ein Großteil des PVCs weltweit kommt aus der Uiguren- Provinz Xinjiang. Wir produzieren ausschließlich in Deutschland, haben also die Kontrolle über die Lieferkette. Auch unsere Rohstoffe kommen hauptsächlich aus Europa. Vor dem Hintergrund des Lieferkettensorgfaltsgesetzes wird sich der Markt hier weiterhin zu unseren Gunsten verändern.

Wirtschaftsforum: Gibt es noch weitere Produkte in Ihrem Programm?

Céline Quervel: Wir sind eines der ganz wenigen Unternehmen in dieser Branche, die keinen Cent an Patentgebühren zahlen. Wir halten selbst zahlreiche Patente. Wir möchten auch in Zukunft die Innovationsgeschwindigkeit meines Großvaters beibehalten. Sie war und ist entscheidend für unsere Wettbewerbsfähigkeit. Abgerundet wird unser Programm noch durch Türen und Wandfliesen.

Wirtschaftsforum: Was macht Ihnen an Ihrem Job so viel Freude?

Céline Quervel: Es ist kein Job für mich, es ist meine Leidenschaft. Industrielle Fertigung kann Spaß machen. Sie ist keine Dreckschleuder. Wir brauchen sie. Deshalb sollte man ihr keine Steine in den Weg legen, sondern sie dabei unterstützen, sauberer zu werden. Ich würde mich freuen, wenn sich gerade junge Menschen mehr dafür begeistern würden.

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