Energie aus Eis

Interview mit Heiko Lüdemann, Geschäftsführer der Viessmann Eis-Energiespeicher GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Lüdemann, Ihr Unternehmen bietet Eis-Energiespeicher-Systeme an. Wie funktioniert solch ein System?

Heiko Lüdemann: Ein Eis-Energiespeicher-System eignet sich sowohl zum Heizen als auch zum Kühlen. Es beruht auf dem physikalischen Phänomen der Kristallisationsenergie. Diese wird freigesetzt, wenn Wasser zu Eis gefriert. Die Moleküle gehen in ein starres Gitter über und Energie wird abgegeben, die zum Heizen genutzt werden kann. Die Kunst besteht darin, diesen Prozess so zu steuern, dass man keine Sprengwirkung bekommt, denn wenn Wasser zu Eis wird, dehnt es sich aus. Das erreichen wir durch eine besondere Wärmetauscher-Anordnung.

Wirtschaftsforum: Und im Sommer dient das Eis dann als Kältequelle, um Gebäude zu kühlen.

Heiko Lüdemann: Genau. Das Prinzip ist seit langer Zeit bekannt. Aber wir haben es technisch und wirtschaftlich so beherrschbar gemacht, dass man damit heizen und kühlen kann. Das System ist sehr effizient, da es vier Energiequellen kombiniert: die Umgebungsluft, die solare Einstrahlung und das Erdreich sowie die Kristallisationsenergie. Außerdem ist es komplett genehmigungsfrei.

Wirtschaftsforum: Für welche Gebäude eignet sich ein Eis-Energiespeicher-System?

Heiko Lüdemann: Im Grunde für alle Gebäude mit einem hohen Wärmebedarf und/oder hohen Kältebedarf. Wir bieten die Lösung für Bürogebäude, Produktionsanlagen, Wohnanlagen, Krankenhäuser, Rechenzentren, Supermärkte und auch für Einfamilienhäuser an. Das System ist sehr flexibel einsetzbar. Derzeit wird zum Beispiel das neue Kölner Stadtarchiv, dessen Vorgängerbau 2009 eingestürzt war, mit einem Eis-Energiespeicher-System ausgestattet.

Wirtschaftsforum: Ist das System autark?

Heiko Lüdemann: Nicht ganz, da man Strom braucht, um die Wärmepumpen zu betreiben. Unsere Kunden gehen mittlerweile aber immer mehr dazu über, diesen Strom mit einer eigenen Fotovoltaikanlage zu erzeugen. Das macht es sehr wirtschaftlich. Außerdem lassen sich mit einem Eis-Energiespeicher-System bis zu 85% CO2 einsparen. Dieser Aspekt wird immer wichtiger. Es findet langsam ein Umdenken statt; die Frage der Wirtschaftlichkeit wird immer seltener gestellt.

Wirtschaftsforum: Lohnt sich ein solches System nur für Neubauten oder auch für Bestandsgebäude?

Heiko Lüdemann: Bei einem Neubau ist es natürlich einfacher, aber man kann es auch bei der energetischen Sanierung von bestehenden Gebäuden umsetzen. Hier liegt ein großes Potenzial für die Energiewende. Wir haben im Moment 16 Millionen Anlagen in Deutschland, die überaltert sind.

Wirtschaftsforum: Ihr Unternehmen ist eine Tochtergesellschaft von Viessmann, einem der führenden Hersteller von Heiz-, Industrie- und Kühlsystemen.

Heiko Lüdemann: Ja, das hat den Vorteil, dass wir auf alle Mitarbeiter und die Erfahrung der gesamten Viessmann-Familie zurückgreifen können. Außerdem hilft der Name Viessmann ungemein, Innovationen glaubwürdig im Markt zu platzieren. Niemand kauft eine Heizung, nur weil sie innovativ ist.

Wirtschaftsforum: Gibt es auch Fördermittel für Eis-Energiespeicher-Systeme?

Heiko Lüdemann: Ja, aber die sind meiner Ansicht nach nicht entscheidend. Die Energiewende muss im Kopf beginnen. Unternehmen müssen eine Vorreiterrolle übernehmen. Dann werden die Hausbesitzer und die Wirtschaft folgen. Wir brauchen ein Umdenken und müssen bereit sein, neue Wege zu gehen. Ich habe zwei Kinder, zweieinhalb und fünfeinhalb Jahre alt. Wenn sie 100 sind, ist der Meeresspiegel um 40 bis 60 cm angestiegen. Es liegt an uns, diesen Prozess zu verlangsamen. Wenn wir nichts tun, ist das unsere Bankrotterklärung.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Energie & Umwelt

Das Energieökosystem der Zukunft

Interview mit Jie Zhang, Managing Director Europe der GoodWe Europe GmbH

Das Energieökosystem der Zukunft

Mit Photovoltaikmodulen, Wechselrichtern, Wärmepumpen und vielen weiteren Artikeln hält der chinesische GoodWe-Konzern alle wesentlichen Komponenten bereit, damit die Energiewende gelingen kann. Kein Wunder, dass das Unternehmen in den 16 Jahren…

Intelligente Anlagen für anspruchsvolle Projekte

Interview mit Alexander Smeets, Geschäftsführer der LENTZEN Gebäudetechnik GmbH

Intelligente Anlagen für anspruchsvolle Projekte

In Zeiten steigender Energiepreise und wachsender Nachhaltigkeitsanforderungen gewinnt moderne Gebäudetechnik stark an Bedeutung. Unternehmen benötigen Lösungen, die Effizienz, Verlässlichkeit und intelligente Steuerung verbinden. Genau hier positioniert sich die LENTZEN Gebäudetechnik…

Küstenwinde in Klimavorteile verwandeln

Interview mit Jean Huby, CEO der Ocean Breeze Energy GmbH & Co. KG

Küstenwinde in Klimavorteile verwandeln

Der Betrieb des ersten kommerziellen Offshore-Windparks Deutschlands erforderte weit mehr als nur technisches Know-how: Gefragt waren und sind Einfallsreichtum, Widerstandsfähigkeit und die Bereitschaft, traditionelle Rollen in der Branche neu zu…

Spannendes aus der Region Landkreis Ludwigsburg

„Der persönliche Kontakt bleibt trotz Digitalisierung wichtig!“

Interview mit Birgit Häussler, Geschäftsführerin der Manfred Häussler GmbH

„Der persönliche Kontakt bleibt trotz Digitalisierung wichtig!“

Seit über 40 Jahren setzen Handwerksbetriebe und Industrieunternehmen aus dem Bausektor aus dem süddeutschen Raum auf die Materialkompetenz und beständige Verlässlichkeit des Baustoffgroßhändlers Manfred Häussler GmbH aus Winnenden. Im Interview…

Smarte Services für starke Prozesse

Interview mit Markus Zipper, Geschäftsführer der ProLog Automation GmbH & Co. KG

Smarte Services für starke Prozesse

Die Einführung fahrerloser Transportsysteme (FTS) ist für viele Unternehmen ein zentraler Baustein auf dem Weg zur Automatisierung und Effizienzsteigerung. Doch der nachhaltige Erfolg solcher Systeme hängt nicht allein von der…

Logistik, die begeistert

Interview mit Alexander Hewel, Geschäftsführer der KELLERGROUP

Logistik, die begeistert

Hidden Champion, Logistik-Versteher, Familienunternehmen: Für die ­KELLERGROUP aus Ditzingen gibt es viele Umschreibungen. Das Unternehmen selbst sieht sich vor allem als inhabergeführtes, mittelständisches Familienunternehmen aus Baden-Württemberg, das nah am Kunden…

Das könnte Sie auch interessieren

Bauen mit Sicherheit und Nähe

Interview mit Kathleen Pfennigsdorf, Geschäftsführerin der AKOMA GmbH

Bauen mit Sicherheit und Nähe

Ein eigenes Haus bleibt für viele Menschen ein Lebenstraum. Doch steigende Baukosten, hohe Zinsen und komplexe Vorgaben erschweren den Weg ins Eigenheim. Die AKOMA GmbH aus Remchingen begleitet private Bauherren…

Bauen mit Handschlagqualität

Interview mit Jürgen Fien, Geschäftsführer der Fien GmbH Bauunternehmen

Bauen mit Handschlagqualität

Vom kleinen Auftrag für private Bauherren bis zum Rohbauprojekt in Millionenhöhe: Die Fien GmbH Bauunternehmen aus Wehr verbindet die Flexibilität eines mittelständischen Familienbetriebs mit der Leistungsfähigkeit größerer Bauunternehmen. Regionale Nähe,…

Zwischen Hand­werk und Kunst

Interview mit Steffen Bayer, Geschäftsführer der METALLART Treppen GmbH

Zwischen Hand­werk und Kunst

Treppen verbinden Ebenen und schaffen Räume mit Charakter. Wo handwerkliche Präzision auf außergewöhnliches Design und durchdachte Funktion trifft, entstehen individuelle Treppenkonzepte, die weit mehr sind als der Weg von unten…

TOP