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Modulare Smartphones: Bei SHIFT geht es um Sinnmaximierung, nicht um Gewinne

Interview mit Samuel Waldeck, Mitgründer und Gesellschafter der SHIFT GmbH

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Wirtschaftsforum: Sie haben sich mit SHIFT wortwörtlich eine ‘Veränderung’ bei technologischen Produkten wie Smartphones als Ziel gesetzt. Was stört Sie an den Angeboten von Marktführern wie Apple oder Samsung?

Samuel Waldeck: Wir sind nicht auf den Markt gekommen, um bessere Geräte zu bauen. Unser Anliegen war ein anderes: Ursprünglich hatten wir 2012 die Produktidee eines mobilen Kamerakrans. Es stellte sich die Frage, wie wir an die finanziellen Mittel und entsprechende Investoren kommen. Wir haben uns für Crowdfunding über die Plattform startnext als Option entschieden. Das ganze Konzept hat uns sehr begeistert, auch dass es damit möglich war, überhaupt festzustellen, wie die Resonanz auf unsere Idee ausfällt. Wir stellten schnell fest, dass wir mit dem Kamerakran unheimlich Anklang gefunden hatten.

Insgesamt war das eine richtige Erfolgsgeschichte und wir entschlossen uns dazu, weitere Schritte mit einem passenden Referenzmonitor für die Kamera auf dem Kran zu gehen. Wir wollten aber kein Nischenprodukt bauen, das nach einer kurzen Nutzungsphase entsorgt wird. Wir wollten langfristig und universell in der Anwendung denken. Je weiter wir in der Entwicklung kamen, desto näher waren wir an einem Tablet, mit dem man sogar telefonieren konnte. Was uns bei Smartphones konkret störte, war schon damals die mangelnde Reparierbarkeit. Das ist für uns super wichtig, aber die Hersteller selbst bieten überhaupt keine Ersatzteile an und wenn man selbst mit Ware Dritter repariert, erlischt die Garantie.

Samuel Waldeck
„Was uns bei Smartphones konkret störte, war schon damals die mangelnde Reparierbarkeit.“ Samuel Waldeck

Wir stellten auch dieses Projekt wieder via Crowdfunding vor und merkten, wir machen da ein ganz schön großes Fass auf. Wir haben mit ganz viel Glück einen tollen Partner gefunden, der bereit war, die Entwicklung, vor allem der Platinen, voranzutreiben. Das entsprach unserem Wunsch, Geräte offen zu bauen, dem Nutzer Freiheit zu geben, indem er reparieren darf, indem er das Gerät verbessern und erweitern kann. Ihm von unserer Seite auch immer Hilfestellung zu geben und das System so offen wie möglich zu gestalten, waren weitere Punkte.

Wirtschaftsforum: Wann hat schließlich der Wechsel hin zum Smartphone stattgefunden?

Samuel Waldeck: Wir haben tatsächlich mit dem 7-Zoll-Tablet angefangen, das telefonieren kann. Die Kampagne lief sehr gut, die Kunden waren zufrieden. Und dann erhielten wir von Kundenseite die Rückmeldung, ob wir das Tablet nicht kleiner realisieren könnten. Wir haben dann auf einer Platinenbasis 4- und 5-Zollgeräte entwickelt. Bis heute haben wir insgesamt zehn Modelle gebaut, die alle rückwärtskompatibel sind. 2016 hat die Entwicklung hin zu den modularen Geräten begonnen, die wir heute auf dem Markt haben. Ende 2017 haben wir die ersten voll modularen Geräte verkauft. Da wollten wir außerdem einen Designschnitt machen und wir haben reparaturoptimiert designt. Ich glaube, das ist etwas, was die Geräte sehr besonders macht.

Wirtschaftsforum: SHIFT ist mit 16 Mitarbeitern ein kleines Familienunternehmen. Dennoch stehen ständig Innovationen an, Sie sind in Bewegung. Woher kommt diese beeindruckende Dynamik?

Samuel Waldeck: Es gibt drei Grundwerte im Unternehmen, die unser Handeln bestimmen. Das ist zunächst Wertschätzung gegenüber unseren Mitarbeitern, Partnern und Kunden. Um diesem Wert Rechnung zu tragen, haben wir beispielsweise eine eigene Endproduktion in China aufgebaut. Ein weiterer Wert ist Freiheit. Freiheit für die Nutzer und die Mitarbeiter gleichermaßen. Eine flexible Arbeitszeitregelung ist bei uns völlig normal, auch in der Produktion. Wir halten es mit der Arbeitszeit so, dass wirklich jeder gut und kreativ arbeiten kann. Das kommt hervorragend an. Der dritte Punkt ist die Gemeinschaft. Arbeitszeit investieren bedeutet immer auch Lebenszeit zu gestalten. Wir wollen diese Zeit so gestalten, dass man Tätigkeiten nachgehen darf, die der Begabung entsprechen und die einem auch Spaß machen. Damit geht auch ein spürbarer Wissenstransfer untereinander einher. Es wäre fatal, wenn man das bei der Stellenbesetzung heutzutage ignoriert.

„Arbeitszeit investieren bedeutet immer auch Lebenszeit einzubringen. Wir wollen diese Zeit so gestalten, dass man Tätigkeiten nachgehen darf, die der Begabung entsprechen und die einem auch Spaß machen.“ Samuel Waldeck
Samuel Waldeck

Wirtschaftsforum: Mit dem SHIFTmu befindet sich ein besonderer All-in-One-Device in den Startlöchern. Was macht ihn zu einer Weltneuheit?

Samuel Waldeck: Der SHIFTmu ist so besonders, weil wir ungemein viele Ressourcen einsparen. In den nächsten ein bis zwei Jahren wird es so sein, dass die mobilen Prozessoren von der Geschwindigkeit auch die Rechnerprozessoren eingeholt haben werden. Zumindest im mobilen Bereich. Wir wollen gern diese Gelegenheit nutzen, um wirklich die eigene Tasche voll mit Technik reduzieren zu können. Das SHIFTmu ersetzt meinen Laptop und mein Tablet. Durch Monitore, die ich ergänzen kann, wird es zu dem Gerät , welches ich tatsächlich brauche. Ich kann das Gerät mit nur einem Kabel anschließen. Das USB-C-Kabel versorgt es mit Strom, darüber ist die Konnektivität des Displays gegeben oder ich nutze Funk. Das ist ein neuer Standard, den wir schaffen wollen. Wir freuen uns unglaublich auf das Projekt. Diese Art von universal computing wird schon ein Stück weit eine Revolution einleiten, weil bestimmte Gerätekategorien überflüssig werden.

Wirtschaftsforum: Viele Hersteller von Smartphones kooperieren in Bezug auf die Distribution mit entsprechenden Netzdienstleistern oder dem Elektrofachhandel. Was halten Sie von solchen Partnerschaften?

Samuel Waldeck: Wir können uns schon vorstellen, mit Mobilfunkanbietern zusammenzuarbeiten. Wofür wir uns ja einsetzen ist, dass die Geräte länger halten als die zwei Jahre Vertragslaufzeit. Was also nicht zu uns passt, ist ein Vertrag, der dem Kunden alle zwei Jahre ein neues Gerät auf den Schreibtisch legt. Die Wertschätzung gegenüber dem Gerät sinkt durch solche Angebote. Denn im Kopf bleibt die Nachricht, das Gerät kostet ja nichts. Wir dagegen haben ein langfristig nutzbares Gerät und wir begleiten den Kunden, solange es uns technisch möglich ist. Es kann sein, dass es bestimmte Komponenten einfach nicht mehr geben wird. Wenn wir die nicht mehr einkaufen können, dann stoßen wir an unsere Grenze, besonders als kleiner Hersteller. Sehen wir so einen Fall kommen, versuchen wir, genug Ersatzteile für einen Lebenszyklus von mindestens fünf Jahren vorzuhalten und wenn wir das nicht mehr können, dann kann jeder Kunde bei uns upgraden.

Galerie | SHIFTPHONE

Wichtig ist bei den Gesprächen mit Mobilfunkanbietern, dass deren Verträge zu unseren Kunden passen. Verträge, die nach Bedarf zu gestalten und monatlich kündbar sind. Etwas in diese Richtung können wir uns vorstellen.

Wirtschaftsforum: ‘Nachhaltig’ oder ‘fair’ sind als wertvolle Adjektive in Bezug auf Produkte in der Gesellschaft angekommen. Wann wird das der Fall für ‘reparierbar’ und ‘modular’ sein?

Samuel Waldeck: Wir sehen von unserer Seite in der Reparierbarkeit den größten Impact, den wir auf das Thema Nachhaltigkeit haben. Bei dem Thema Fairness ist es natürlich so, dass das gerade beim Smartphone bedingt durch die Lieferketten sehr schwierig in der Umsetzung ist. Das lässt sich über den politischen Rahmen oder ausreichend Marktmacht angehen. Beides ist nicht unser Steckenpferd. Unser Steckenpferd liegt im Design von hochwertigen Produkten als wichtigste Priorität. Einfach mal eben den Akku oder das Display wechseln. Das sind schon Sachen, die Leute als Mehrwert erkennen. SHIFT hat nicht den Wunsch, eine Gewinnmaximierung, sondern eine Sinnmaximierung zu erzielen. Für uns ist das kein flapsig formulierter Satz sondern eine Erkenntnis, die die DNA unserer kleinen Firma durchdringt und sich natürlich auch im Umgang mit Finanzen, Mitarbeitenden, Umwelt und Rohstoffen bemerkbar macht.

Interview: Markus Büssecker | Fotos: SHIFT GmbH

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