Wenn Edelstahl auf Zukunftsfragen trifft

Interview mit Lars Schoch, Geschäftsführer der Schoch Edelstahl GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Schoch, in welchen Bereichen ist Schoch Edelstahl tätig?

Lars Schoch: Wir sind ein typisches süddeutsches KMU in 2. Generation mit etwa 45 Mitarbeitern. Wir sind sowohl Händler als auch Hersteller von Sonderteilen wie Flansche, Fittings und Dreh-Fräs-Sonderteilen aus Edelstahl und anderen schwer zerspanbaren Werkstoffen wie Monel, Hastelloy oder Titan. Dabei sind wir auftragsbezogener Variantenfertiger, also eine Manufaktur, kein Massenfertiger. So fertigen wir beispielsweise mit einem Pumpenbauer Teile für Pumpen, die an Moderna für die Impfstoffproduktion gehen, oder Teile für LNG-Tanker.

Wirtschaftsforum: Welche Branchen beliefern Sie hauptsächlich?

Lars Schoch: Wir haben Kunden vom Start-up bis zum Hidden Champion, darunter anspruchsvolle technologiegetriebene Unternehmen, die spezifische Teile für den Weltmarkt fertigen. Überall dort, wo ein Korrosions- oder Hygieneproblem besteht, wird Edelstahl eingesetzt: in der Lebensmittel- und Getränkeverarbeitung, Mess- und Regeltechnik, Chemie und Pharmazie. Unternehmen aller dieser Branchen gehören zu unseren Kunden.

Wirtschaftsforum: Was unterscheidet Sie von Ihren Wettbewerbern?

Lars Schoch: Wir verknüpfen die Kompetenz des Händlers mit der des Herstellers und bieten echten Mehrwert durch Serviceleistungen wie Just-in-time-Lieferung, Konsignationssysteme und Cost-Down-Projekte. Wir prüfen Teile wertanalytisch und machen Optimierungsvorschläge. Beispielsweise haben wir für einen Kunden ein geschweißtes Teil auf Laserschweißen umgestellt. Dadurch wurde der Verzug eliminiert und eine empfindliche Messsonde nicht mehr zerstört. Durch unser Know-how und umfassendes Supply Chain-Management können wir Kosten einsparen und eine stabile Belieferung garantieren. Der Kunde muss bei uns nur noch die Fertigteile abrufen.

Wirtschaftsforum: Wie haben Sie Corona und die Lieferkettenpro­bleme erlebt?

Lars Schoch: Das war die stressintensivste Zeit, die ich je erlebt habe. 2020 hieß es noch, wir müssen drosseln, dann sind wir 2021/22 in massivste Lieferengpässe reingelaufen. Die Preise sind explodiert, genauso wie die Transportkosten. Es ist eine gewisse Verunsicherung spürbar: Wie geht es weiter, wie sicher sind die Arbeitsplätze?

Wirtschaftsforum: Digitalisierung, KI, Robotik – wie wichtig sind diese Themen für Sie?

Lars Schoch: Damit beschäftige ich mich seit etwa 2012, als der Begriff Industrie 4.0 aufkam. Ich habe auch schon Vorträge darüber gehalten. Was mich stark beschäftigt, ist nicht nur die Digitalisierung, sondern auch das Thema Disruption. Mehrere Branchen sind durch das Zusammenspiel von Globalisierung und Digitalisierung einem Disruptionsrisiko ausgesetzt. KI hat da einen neuen Schub gebracht. Wir bauen derzeit unser ERP-System mit einer KI-basierten Automatisierung aus. Das wird sehr viel manuelle Tätigkeit obsolet machen. Es geht um Effizienz und damit um Wettbewerbsfähigkeit. Humanoide Roboter werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren deutlich günstiger werden und sehr viele Arbeitsplätze ersetzen. Ich unterscheide externe und interne Digitalisierung: Extern läuft heute im Marketing sehr viel über Social Media wie LinkedIn. Intern geht es um KI und Robotik, um Kosten zu sparen und wettbewerbsfähig zu bleiben – gerade weil wir ein Hochlohnland und Hochenergiepreisland sind.

Wirtschaftsforum: Wie sehen Sie vor dem Hintergrund Digitalisierung und Wettbewerbsfähigkeit das Thema Fachkräftemangel?

Lars Schoch: Ich sehe einerseits die Notwendigkeit, andererseits das Spannungspotenzial. Wir brauchen eine Balance von Ökologie und Ökonomie. Wenn in Baden-Württemberg die Automobilzulieferer Bosch, Mahle und ZF zwischen 15.000 und 20.000 Arbeitsplätze abbauen, setzt sich das nach unten fort bis zum Bäcker.

Wirtschaftsforum: Was ist Ihre Strategie für die Zukunft?

Lars Schoch: Wir müssen unser Geschäftsmodell maximal digitalisiert und KI-basiert aufstellen. Das ist eine Überlebensnotwendigkeit. Wer das nicht macht, läuft Gefahr, wegdisruptiert zu werden. Die größte Herausforderung: Als 50-Mann-KMU haben wir nicht die Manpower und das Kapital für große Investitionen. Es reden alle über Digitalisierung, aber auf die Frage, wie ich das konkret umsetzen soll, bekomme ich oft keine klare Antwort.

Wirtschaftsforum: Vermissen Sie eine gesellschaftliche Diskussion?

Lars Schoch: Absolut. Deutschland ist gefangen in den Denkstrukturen der Industriegesellschaft. Das deutsche Geschäftsmodell basiert auf Sprunginnovationen aus der Gründerzeit: BASF, Bayer, Siemens wurden alle um 1870 gegründet. Wir haben kaum neue Technologien entwickelt und nur iterativ verbessert. Das kommt heute an seine Grenzen. Meine Aufgabe als Unternehmer ist es, die Transformation, in der wir uns aktuell befinden, zu gestalten, um 50 Industriearbeitsplätze zu sichern.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Solarstrom neu vernetzt

Interview mit Michael Reichert, Geschäftsführer der WI Energy GmbH

Solarstrom neu vernetzt

Von der Projektentwicklung zum hybriden Solarpark: Mit Photovoltaik und leistungsstarken Batteriespeichern schafft die WI Energy Gruppe ganzheitliche Energiekonzepte für eine moderne, zukunftsweisende Energieversorgung. Geschäftsführer Michael Reichert spricht über den Wandel…

Wachstum mit Weitblick: Compliance als Chance

Interview mit Dr. Dieter Drohmann, Gründer und CEO bei der Chemservice GmbH

Wachstum mit Weitblick: Compliance als Chance

Chemikalienrecht wird international komplexer und damit für Unternehmen zunehmend zur strategischen Aufgabe. Chemservice unterstützt die chemische Industrie weltweit bei regulatorischen Anforderungen. Gründer und CEO Dr. Dieter Drohmann setzt dabei auf…

„Unsere Anlagen laufen rund um die Uhr!“

Interview mit Martin Müller, CEO bis 2025 der Polymetrix AG

„Unsere Anlagen laufen rund um die Uhr!“

Martin Müller kennt Polymetrix wie kaum ein anderer: Seit fast fünf Jahrzehnten begleitet er die Entwicklung des Unternehmens aus dem schweizerischen Oberbüren, das weltweit Maßstäbe in Kunststoffverarbeitung und Recycling setzt.…

Spannendes aus der Region Ortenaukreis

„Digitalisierung ist für uns seit Jahren gelebte Praxis!“

Interview mit Alex Müller, Geschäftsführer der Technische Betriebe Offenburg

„Digitalisierung ist für uns seit Jahren gelebte Praxis!“

Seit 1995 haben sich die Technischen Betriebe Offenburg (TBO) vom klassischen Bauhof zu einem multifunktionalen Dienstleister mit zehn Aufgabenbereichen gewandelt. 370 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz von 35 Millionen EUR und…

3.500 m2 Sport-Expertise

Interview mit Laureen Kuhn, Jörg Huber (l.) und Timo Huber (r.), Geschäftsführer der Georg Kuhn GmbH

3.500 m2 Sport-Expertise

In den Fluren wird über Sport geredet, auf dem Dach wird Strom produziert, und manche Mitarbeiter sind seit Jahrzehnten dabei. Sport Kuhn in Offenburg ist ein Familienbetrieb im besten Sinne…

Der innovative Logistikdienstleister für die Baumarktversorgung der Schweizer LANDI Läden

Interview mit Daniel Thomann, Geschäftsführer der LahrLogistics GmbH

Der innovative Logistikdienstleister für die Baumarktversorgung der Schweizer LANDI Läden

Zunehmende Warenströme, wachsende Anforderungen an Lieferketten und der Ruf nach mehr Effizienz verändern die Logistikbranche rasant. Die LahrLogistics GmbH hat diesen Wandel früh erkannt und sich in nur zehn Jahren…

Das könnte Sie auch interessieren

Vom Schrott bis zum fertigen Stahlprodukt

Interview mit Clara Stabiumi, Mitglied des Verwaltungsrats der Alfa Acciai S.p.A.

Vom Schrott bis zum fertigen Stahlprodukt

Die europäische Stahlindustrie agiert heute in einem besonders anspruchsvollen Umfeld, das von hohen Energiekosten, internationalem Wettbewerb, immer strengeren regulatorischen Vorgaben sowie der Notwendigkeit geprägt ist, nachhaltigere Produktionsprozesse einzuführen. Die Alfa…

Die digitale Werkbank der Industrie

Interview mit Simon Knoche, Vertriebsleiter DACH der 247TailorSteel Deutschland GmbH

Die digitale Werkbank der Industrie

Die metallverarbeitende Industrie steht unter hohem Veränderungsdruck. Schwankende Materialpreise, kürzere Lieferfristen und steigende Anforderungen an Flexibilität und Nachhaltigkeit prägen den Markt. Gleichzeitig eröffnet die Digitalisierung neue Möglichkeiten, Beschaffungs- und Produktionsprozesse…

„Wollen uns noch stärker als Lösungspartner etablieren!“

Interview mit Roger Reifler CEO / Standortleiter und Christian Bühler Marketing- und Verkaufsleiter der Verzinkerei Oberuzwil AG

„Wollen uns noch stärker als Lösungspartner etablieren!“

Korrosionsschutz ist ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Infrastruktur. Die Verzinkerei Oberuzwil AG sorgt seit über 50 Jahren dafür, dass Stahl- und Edelstahlkonstruktionen langlebig, sicher und nachhaltig genutzt werden können. Mit technischem…

TOP