Wenn Visionen wahr werden

Interview mit Tahsin Dag, Geschäftsführer von PAPACKS®

Wirtschaftsforum: Herr Dag, PAPACKS wurde in einer Garage gegründet, hat heute zwei Gigafactories in Thüringen, wurde mit mehr als 30 Umwelt- und Nachhaltigkeitspreisen ausgezeichnet und hat über 75 angemeldete Patentfamilien. Sie selbst erhielten 2024 den Award ‘CEO des Jahres’ und wurden als ‘Elon Musk aus Thüringen’ betitelt. Was steckt hinter dieser Erfolgsgeschichte, die man eher im Silicon Valley als in Thüringen vermuten würde?

Tahsin Dag: Hinter der Geschichte steckt meine Vision, etwas zu bewegen. Ich habe die Schule nach der 12. Klasse verlassen, kein Abitur gemacht und nicht studiert. Aber ich bin kreativ, für mich gibt es fast keine Grenzen. Wenn ich etwas nicht kann, können es andere. Ich habe eine Idee, für die andere eine Lösung finden. Das ist die Essenz des Unternehmens, aus der etwas außergewöhnlich Innovatives und Nachhaltiges entstanden ist.

Wirtschaftsforum: Wie sah die Entstehungsgeschichte genau aus?

Tahsin Dag: Durch meine Tätigkeit in der Getränkeindustrie habe ich gesehen, wie viel Plastik und Polyethylenfolien im Umlauf sind und wie wenig Menschen sich Gedanken machen, diesen IST-Zustand zu ändern. Ich persönlich konnte und wollte mich damit nicht abfinden und habe begonnen mir Gedanken zu machen, wie man Plastik ersetzen könnte. Dabei bin ich auf Eierkartons und den Faserguss gekommen. In einer Garage habe ich erste Produkte aus Pappmaché hergestellt, eine Idee für ein Werkzeug gehabt, die ein Partner für mich umsetzte, und mein erstes Patent angemeldet. Ich will nicht akzeptieren, dass man Bäume fällen muss, um Papier herzustellen, wenn es andere Möglichkeiten gibt. Das passt nicht in eine Zeit, die vom Klimawandel bedroht ist.

Wirtschaftsforum: Welchen Weg gehen Sie mit PAPACKS?

Tahsin Dag: Wir arbeiten ausschließlich mit nachwachsenden Rohstoffen, vor allem mit Industriehanf. Unser Hanf kommt aus der Ukraine, wo wir eine Anbaufläche von 2.000 ha bearbeiten und Zugriff auf weitere 3.000 ha haben. Vor Ort ernten wir die gesamte Pflanze, verarbeiten sie und verkaufen sie an unterschiedliche Industrien, schwerpunktmäßig aus den Bereichen Food, Pharma und Cosmetics. Aus dem verbleibenden Rest machen wir eine Pulpe für innovative Produkte. Auch wenn Hanf langfristig die wichtigste Alternative sein muss, beschäftigen wir uns aus Diversitätsgründen mit weiteren nachwachsenden Rohstoffen wie Süßgras, Eukalyptus oder Bambus. Grundsätzlich verarbeiten wir ausschließlich Wertstoffe, um Joghurtbecher, Adventskalender, Tablettenblister, Kaugummibehälter oder Kaffeekapseln herzustellen.

Wirtschaftsforum: PAPACKS wurde in einer Garage gegründet. Wie groß ist das Unternehmen heute?

Tahsin Dag: Wir beschäftigen in Deutschland um die 100 Mitarbeiter, setzen rund zehn Millionen EUR um und arbeiten für die zehn größten Blue Chip-Unternehmen. Das Headquarter mit Forschungslabor ist in Köln, produziert wird in Thüringen. 2013 wurde hier auf der grünen Wiese die erste hochmoderne Gigafactory errichtet; inzwischen gibt es eine zweite, eine dritte ist in Planung. Um die Idee einer Circular Economy zu realisieren, wird auf einem 2,8 ha großen Areal ein großes Lager- und Logistikzentrum entstehen. Im Ausland gibt es Niederlassungen in den Niederlanden, der Tschechischen Republik und den USA. Wichtig ist, dass wir die gesamte Wertschöpfungskette vom Anbau des Rohmaterials bis zum Endprodukt abdecken. Das heißt, wir bauen die Maschinen und fertigen Produkte; ein paar wenige Standardprodukte, vor allem aber kundenspezifische Produkte. Beispielhaft sind beschichtete Einwegprodukte, die den Anforderungen der Lebensmittelindustrie genügen.

Wirtschaftsforum: Wie beurteilen Sie den Markt?

Tahsin Dag: Heute springen alle auf den Nachhaltigkeitszug auf; als ich anfing, war das anders. Damals war mein unbedingter Wille zur Veränderung und das Festhalten an dieser Idee der Motor des Erfolgs. Heute denken wir weiter. Ich glaube, dass wir mit Technologien und politischer Unterstützung dem Klimawandel entgegentreten können. Ökonomie und Ökologie müssen eine Verbindung eingehen. Deutschland als wichtige Industrienation hat das Potenzial, Wege aufzuzeigen, um Plastik global zu substituieren. Ich selbst bringe globales Denken mit, handle aber lokal und regional. Da, wo der Rohstoff herkommt, muss auch die Technologie sein, um den CO2-Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Nicht zuletzt überzeugen unsere Produkte auch in preislicher Hinsicht.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie PAPACKS in den nächsten Jahren?

Tahsin Dag: Mein Big Picture ist das Sharing. Wir haben ein Lizenzmodell entwickelt und befinden uns momentan inmitten einer Transformation. Ich habe von A bis Z eine Turnkey Solution, biete Schulungen an, liefere den Rohstoff und die Maschinen. In den nächsten fünf bis zehn Jahren sollen 10 bis 20 neue Fabriken entstehen; konkret geplant ist ein Standort in Australien. Ich möchte das Unternehmen skalieren, nur noch lizenzieren und plane in den nächsten drei Jahren den Gang an die Börse. Die Welt ist reif für den nächsten Schritt.

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