„Durch uns müssen viele Löcher in der Erde gar nicht erst gegraben werden!“
Interview mit Emiel van Loon, Geschäftsführer der Overdie Deutschland GmbH

Wirtschaftsforum: Herr van Loon, an Ihrem Standort in Kleve haben Sie sich voll und ganz der Verwertung von Metallgemischen aus Müllverbrennungsaschen verschrieben. Wie funktioniert das genau?
Emiel van Loon: Durch die Verbrennung von Hausmüll entsteht nicht nur Energie, sondern auch sogenannte Schlacke. Davon fallen allein in Deutschland circa 6 Millionen t pro Jahr an. Dieses Restprodukt aus dem Verbrennungsprozess wird anschließend Recyclinganlagen zugeführt, wo es dann wieder zu Baustoffen aufgearbeitet werden soll, die am Schluss etwa im Straßenbau eingesetzt werden können. Dazu dürfen sie aber keine Metalle mehr enthalten, die ohnehin in der Rohstoffrückgewinnung besser aufgehoben sind.
Nachdem der Restmasse durch Magnete das Metallkonzentrat entzogen wurde, wird es dann an unseren Standort in Kleve zur weiteren Verarbeitung verbracht.
Wirtschaftsforum: Wie geht es anschließend weiter?
Emiel van Loon: Im ersten Schritt wird das Konzentrat unserer Heavy Media-Anlage zugeführt – eine Technologie, die eigentlich aus dem Bergbau stammt, wo sie zur Trennung von Kohle und Stein genutzt wurde. Wir trennen damit jedoch die Schwer- von den Leichtmetallen.
In der dabei abgeschiedenen Leichtfraktion sind dann auch noch Mineralien enthalten, die im nächsten Schritt in unserer Wirbelstromanlage ausgesondert werden. Am Schluss haben wir somit die Mineralien, Steine, den Sand und das Aluminium fein säuberlich voneinander getrennt. Das dabei gewonnene Aluminium verkaufen wir anschließend direkt an Unternehmen weiter, die es ihren Schmelzanlagen zuführen, vorwiegend im süddeutschen Raum: Zwei Tage nachdem es unser Werksgelände verlassen hat, ist es meist schon in einen Motorblock bei Audi oder Mercedes geflossen.
Wirtschaftsforum: Letztes Jahr haben Sie Ihren Anlagenpark noch um wichtige Innovationen erweitert.
Emiel van Loon: Unsere neue Röntgenanlage wurde so programmiert, dass wir mit ihr eine noch feingliedrigere Trennung von Kupfer, Zink, Messing und anderen Metallen vornehmen können. So ist es uns nun möglich, die uns zugeführten Mischungen zu Monostromprodukten aufzubereiten, die dann direkt in Schmelzanlagen einfließen können. Gleichzeitig ist es uns in den letzten 15 Jahren gelungen, die bei uns anfallenden Korngrößen von damals 8 mm auf heute 1 mm zu verkleinern. Derzeit arbeiten wir mit einem Institut in der Schweiz an neuen Lösungen, um auf ökonomisch und technologisch sinnvolle Art den von uns verarbeiteten Sandstäuben auch noch die letzten Metalle zu entziehen. Perspektivisch können wir uns auch die Beschaffung von Lasertechnikanlagen vorstellen, die das Aluminium in seine einzelnen Legierungen zerlegen. So wollen wir auch die europäische Industrie nachhaltig stärken – schließlich besteht mittlerweile ein vielfältiges Interesse daran, dass möglichst viel von unseren Rohstoffen auch in Europa bleibt.
Wirtschaftsforum: Wie betreiben Sie Ihre Forschungs- und Entwicklungsarbeit?
Emiel van Loon: Wir arbeiten mit vielen oftmals kleineren Forschungsinstituten, bisweilen auch mit Universitäten zusammen: Bei der Entwicklung unserer neuen Röntgenanlage waren wir beispielsweise drei Jahre lang intensiv in die entsprechenden Testphasen eingebunden. Gleichzeitig verfolgen wir für die Zukunft das übergeordnete Ziel, unseren Kunden prinzipiell die von ihnen benötigten Legierungen auf Wunsch zusammenstellen zu können, um sie damit noch viel umfassender bei ihren Produktionsanforderungen zu unterstützen. Der Weg dorthin besteht für uns aus viel Learning by Doing: Denn da unser Input sehr heterogen ist, lässt sich bisher nicht detailliert
prognostizieren, welche Legierungen zu welchem Anteil bei unseren Verarbeitungsprozessen gewonnen werden können. Noch dazu sind wir dabei mit relativ langen Iterationszyklen konfrontiert, denn bis uns die Zahlen aus dem Labor auf dem Tisch liegen, kann durchaus ein halbes Jahr vergehen.
Wirtschaftsforum: Kreislaufwirtschaft ist für Overdie seit jeher nicht nur ein Modewort, sondern gelebter Alltag. Hat die Breitenwirkung dieses Ansatzes in den letzten Jahren zugenommen?
Emiel van Loon: Ja, mit Sicherheit. Wir spüren deutlich, dass inzwischen auch unsere Kunden überwiegend bestrebt sind, auch noch die letzten Wertstoffreste aus der Schlacke zu ziehen: Das zeigt sich nicht nur in einem größeren Engagement, sondern auch in einem stärkeren Aufklärungsbedürfnis zu den bestehenden technologischen Möglichkeiten, was uns natürlich freut. Auch die politischen Entscheidungsträger sind meiner Erfahrung nach heute offener für unser Geschäftsfeld: Wir hatten schon immer ein sehr gutes und enges Verhältnis zur Stadt Kleve, und trotzdem gab es bei einigen Lokalpolitikern früher Vorbehalte gegen unseren Standort, weil wir eben viel mit Staub und Abfallstoffen zu tun haben. Das stimmt ja auch, aber dabei gerät in Vergessenheit, wie viele riesige Löcher in der Erde dank unserer Arbeit nicht gebohrt werden mussten. Noch dazu entspricht die Metallausbeute im Tagebau vielleicht 1% des gesamten Aushubs – wir holen hingegen selbst an unserem eher kleinen Standort aus 30.000 t Input über 25.000 t Metall.
Wirtschaftsforum: Woher stammt Ihre persönliche Motivation, sich so dezidiert der Kreislaufwirtschaft zu widmen?
Emiel van Loon: Das Thema Kreislaufwirtschaft treibt mich schon seit 30 Jahren an, auch damals, als es noch lange kein Modewort war und man in unserem Geschäftsfeld noch viel mit Dreck und Staub assoziiert wurde. Denn ich hatte schon damals erkannt, wie viele Umweltschäden sich durch dieses Engagement vermeiden lassen. Heute hat sich das Bild auch gesamtgesellschaftlich stark gewandelt: Wenn ich auf Partys von meiner Tätigkeit erzähle, bekomme ich inzwischen viele begeisterte Nachfragen. Das ist toll. Gleichermaßen gefällt mir bei Overdie die transnationale Zusammenarbeit über unsere drei Standorte in Deutschland und den Niederlanden hinweg. Denn wir alle können dabei jeden Tag aufs Neue immer noch viel voneinander lernen.













