Innovationen entlang des Rohstoffkreislaufs

Interview mit Philipp Heim, Geschäftsführer der HEIM-Gruppe

Wirtschaftsforum: Herr Heim, die Unternehmensgeschichte reicht bis ins Jahr 1919 zurück. Wie hat sich die HEIM-Gruppe seither entwickelt?

Philipp Heim: Mein Urgroßvater hat damals als Pflastermeister in Ulm begonnen. Über die Generationen hinweg hatten wir immer den Mut, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Dadurch ist die Firmengruppe heute sehr breit aufgestellt, was sich gerade im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld als großer Vorteil erweist. Der klassische Straßen- und Tiefbau bildet weiterhin eine wichtige Säule, gleichzeitig haben wir die Bereiche Baustoffgewinnung, Recycling und Energieerzeugung gezielt ausgebaut. Seit 2003 gehöre ich der Geschäftsleitung an. Schon während meines Studiums haben wir begonnen, Holdingstrukturen aufzubauen und das Unternehmen strategisch weiterzuentwickeln. Prägend war dabei insbesondere die Baukrise Anfang der 2000er-Jahre, die auch die damaligen Aktivitäten in Ostdeutschland erheblich belastete.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielte diese Krise für die heutige Ausrichtung des Unternehmens?

Philipp Heim: Die Krise war letztlich ein wichtiger Ausgangspunkt für neue Entwicklungen. Damals brach der Absatz im Baustoffbereich massiv ein. Daraus entstand die Idee, unsere hochwertigen Rohstoffe stärker zu veredeln und neue Geschäftsfelder aufzubauen. Zur selben Zeit habe ich mich intensiv mit dem Thema Energie beschäftigt und 2004 die Energiesparte Pure Power gegründet. Daraus entwickelte sich Schritt für Schritt ein fester Bestandteil der Unternehmensgruppe mit inzwischen elf Biogasstandorten sowie zahlreichen Photovoltaikanlagen. Heute erzeugen wir mehr als 100 Millionen kWh erneuerbare Energie pro Jahr. Darüber hinaus investieren wir kontinuierlich in moderne Aufbereitungstechnologien für hochwertige Quarzprodukte, Filtersande oder Bremssande. Der Einstieg begann damals mit einem gebrauchten Sandtrockner, aus dem sich eine umfassende Veredelungsstrategie entwickelte. Für die Deutsche Bahn und die Schweizer Bahn verfügen wir mittlerweile über entsprechende Zertifizierungen. Ein besonderer Meilenstein war außerdem eine der ersten schwimmenden Photovoltaikanlagen Deutschlands auf einem Baggersee sowie eine Freiland-PV-Anlage zur Eigenenergieversorgung am Standort Nobitz im Altenburger Land südlich von Leipzig. Erst kürzlich erhielt das Unternehmen zudem einen Auftrag der Berliner Verkehrsbetriebe für die Lieferung von Bremssand.

Wirtschaftsforum: Wie ist die Unternehmensgruppe heute strukturiert?

Philipp Heim: Die Gruppe beschäftigt heute rund 550 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 100 Millionen EUR. Organisatorisch verteilt sich unser Geschäft ungefähr zu gleichen Teilen auf die Bereiche Straßen- und Tiefbau, Baustoffe inklusive Recycling sowie Energieerzeugung. Gerade diese breite Aufstellung hilft uns, regionale und konjunkturelle Schwankungen besser auszugleichen. In manchen Regionen läuft der Markt aktuell sehr stabil, in anderen noch etwas verhaltener. Im Heimatmarkt Ulm sorgt unter anderem die Landesgartenschau 2030 bereits für positive Impulse und eine stabile Bautätigkeit. Insgesamt sehen wir uns deshalb solide aufgestellt.

Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung haben Nachhaltigkeit und Recycling für Ihr Unternehmen?

Philipp Heim: Nachhaltigkeit ist für uns kein kurzfristiger Trend, sondern seit vielen Jahren Teil unserer Strategie. Im Bereich Baustoffe beginnt unsere Leistung bei der Rohstoffgewinnung im Tagebau und reicht bis zur Veredelung und Lieferung hochwertiger Spezialprodukte. Zudem bauen wir die Recycling-Sparte gezielt aus. Wir bereiten Altasphalt und Beton wieder auf und führen die Materialien als hochwertige Recyclingbaustoffe zurück in den Stoffkreislauf. Das Thema CO2-Fußabdruck gewinnt bei unseren Kunden zunehmend an Bedeutung. Viele Auftraggeber achten heute deutlich stärker darauf, wie nachhaltig gebaut wird. Allerdings sehen wir auch, dass in Deutschland bei öffentlichen Ausschreibungen häufig noch zu stark der Preis entscheidet. Dabei wird oft übersehen, dass moderne Rohstoffgewinnung und Rekultivierung auch ökologischen Mehrwert schaffen können. Viele ehemalige Gewinnungsstätten entwickeln sich später zu wertvollen Natur- und Erholungsflächen. Um die Interessen der Branche stärker einzubringen, engagiert sich die HEIM-Gruppe zudem aktiv in Verbänden wie dem Unternehmerverband Mineralische Baustoffe sowie dem Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg.

Wirtschaftsforum: Die Branche steht gleichzeitig vor großen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?

Philipp Heim: Die Rahmenbedingungen sind derzeit anspruchsvoll. Insbesondere energieintensive Unternehmen aus der Bau- und Transportbranche hätten aus meiner Sicht mehr politische Unterstützung nötig. Wir investieren seit vielen Jahren konsequent in Elektromobilität und eine Energieversorgung, haben aber branchenbedingt weiterhin einen hohen Dieselverbrauch. Zudem belasten steigende Energie- und Einkaufskosten die Branche erheblich. Hinzu kommen neue He­rausforderungen im Energiemarkt, etwa durch negative Strompreise. Besonders in Süddeutschland wird es außerdem immer schwieriger, neue Abbauflächen genehmigt zu bekommen. Dabei wird nachhaltiges Bauen langfristig ohne heimische Rohstoffe nicht funktionieren. Recycling und Ressourcenschonung sind unerlässlich, können den Bedarf an Primärrohstoffen jedoch nicht vollständig ersetzen. Andernfalls entstehen zusätzliche Belastungen, zum Beispiel durch längere Transportwege. Deshalb möchten wir unsere Marktposition weiter ausbauen, ohne unsere regionale Verwurzelung aus den Augen zu verlieren. Im Energiebereich wünsche ich mir, dass die in den vergangenen 20 Jahren aufgebaute Infrastruktur aus erneuerbaren Energien und Biomasseanlagen stärker genutzt und politisch gefördert wird, anstatt den Fokus erneut vor allem auf fossile Gaskraftwerke zu richten.

Wirtschaftsforum: Was zeichnet die Unternehmenskultur der HEIM-Gruppe aus und welche Ziele verfolgen Sie für die Zukunft?

Philipp Heim: Wir investieren seit vielen Jahren bewusst in nachhaltige Konzepte und beziehen unsere Mitarbeiter aktiv mit ein. Unsere Firmenfarbe ist Grün – und intern sagen wir oft scherzhaft, dass wir grünes Blut haben. Das kommt gerade bei jungen Menschen gut an. Gleichzeitig versuchen wir, eigene Talente über Ausbildung, duale Studiengänge und Weiterentwicklung langfristig aufzubauen. Fachkräftemangel ist natürlich auch für uns ein Thema. Deshalb setzen wir auf Teamarbeit, regelmäßige Workshops und eine offene Innovationskultur. Viele Innovationen entstehen heute nicht mehr allein aus der Geschäftsleitung heraus, sondern gemeinsam im Team. Wirtschaftlicher Erfolg ist dabei für uns wichtig, weil wir nur so langfristig investieren und unseren Mitarbeitern langfristige Perspektiven bieten können. Mich motiviert bis heute die Möglichkeit, nachhaltige Konzepte wirtschaftlich erfolgreich umzusetzen und gemeinsam mit dem Team neue Ideen voranzutreiben. Aktuell arbeiten wir an neuen Energiekon­zepten mit Energiespeichern, Elektromobilität und moderner Infrastruktur an mehreren Standorten. Darüber hinaus treiben wir den Ausbau unserer Recycling-Sparte voran und entwickeln bestehende Markträume gezielt weiter. Nach dem starken Wachstum der vergangenen Jahre liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der Optimierung von Prozessen und Strukturen. Langfristig möchten wir unsere regionale Marktposition weiter stärken und nachhaltig wachsen, ohne dabei unsere regionale Verwurzelung und die wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens aus den Augen zu verlieren.

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