Wie viel Mendel steckt noch in der Pflanzenzucht?

Interview mit Alexis von Rhade, Geschäftsführer der Nordsaat Saatzucht GmbH

Wirtschaftsforum: Herr von Rhade, denkt der Laie an Pflanzenzüchtung, erinnert er sich meist an die mendelsche Vererbungslehre aus der Oberstufe. Wie stark ist die heutige Saatgutentwicklung noch von diesen Prinzipien geprägt?

Alexis von Rhade: Die mendelschen Regeln stellen bis heute den wissenschaftlichen Kern unserer Züchtungsverfahren dar, allein schon, weil alles andere in Europa überhaupt nicht zugelassen ist. Natürlich hat aber das Wissen um die verschiedenen Pflanzensorten und ihre Eigenschaften in dem guten Jahrhundert seit der weiten Verbreitung der Erkenntnisse Mendels enorm zugenommen.

Wirtschaftsforum: Ist die Pflanzenzüchtung dann hauptsächlich ein Trial-and-Error-Prozess?

Alexis von Rhade: Früher war sie das sicherlich. Heute stehen uns aber wesentlich tiefere Analysen zur Verfügung, die wir, ohne die Pflanze dabei in ihrer genetischen Struktur zu verändern, im Rahmen von sehr technologisch geprägten Prozessen durchführen können. Dadurch gelingt es uns, wichtige Parameter wie die Standfestigkeit und die Ertragsstabilität einer Sorte zu schätzen, ebenso wie Eigenschaften, die bei spezifischen Pflanzenarten von besonderer Bedeutung sind: Bei Weizen spielt beispielsweise das Backvolumen eine wichtige Rolle, bei der Braugerste hingegen der Malzextrakt. Das eigentliche Versuchswesen samt der Planung der Felder, der Aussaat und der Ernte ist heute ein stark digitalisierter Prozess, der zu weiten Teilen hoch technisch bis autonom abläuft. Das ändert aber nichts an dem grundlegenden Problem unseres Tätigkeitsfeldes: nämlich den langen Produktionszyklen, die mit mehreren Tausend Selektionsgliedern beginnen und nach zehn Jahren Entwicklung im besten Fall mit einer bis drei marktreifen Sorten enden.

Wirtschaftsforum: Könnten hier neue Züchtungsverfahren wie CrisprCas9 oder Möglichkeiten der in anderen Märkten bereits etablierten Gentechnik positive Veränderungen anstoßen?

Alexis von Rhade: Genetisch veränderte Organismen und die Crispr-Technologie sind Tools, die uns an manchen Stellen weiterhelfen könnten. Sie sind aber mitnichten das Allheilmittel, mit dem sich auf einmal in Windeseile Sorten entwickeln ließen, die die allgemeinen Herausforderungen unserer Branche auf einen Schlag lösen könnten. Wichtig für das Geschäftsmodell der europäischen Züchter von Nutzpflanzen sowie die weitere Innovation in unserer Branche ist vielmehr, dass das Züchterprivileg erhalten bleibt.

Wirtschaftsforum: In welcher Form trägt das Züchterprivileg zu mehr Innovation bei?

Alexis von Rhade: Das Züchterprivileg ist der Innovationstreiber schlechthin, da ausgehend von diesem Prinzip kein Marktteilnehmer Patente oder Urheberrechte an der Genstruktur einer Pflanze erwerben kann. Die Entwicklung eines Züchters steht damit der ganzen Branche in Form eines Open Source-Systems offen, um darauf aufbauend die nächste Innovation anzustoßen. Die Patentierbarkeit einzelner Sorten im Zuge der Einführung von genetisch veränderten Organismen in den USA hat sich klar als Irrweg erwiesen. Der damals erhoffte Innovationsschub ist mitnichten eingetreten.

Wirtschaftsforum: Kann die Saatgutwirtschaft auch zu einer Abmilderung der Folgen der globalen Erwärmung beitragen?

Alexis von Rhade: Kurz gesagt: Wer, wenn nicht wir? Denn wenn die klimatischen Bedingungen unwirtlicher werden, wenn das Wasser knapp wird und zudem Dünger und Pflanzenschutzmittel im Übermaß gesellschaftlich unerwünscht sind, bleibt nur die Weiterentwicklung der Pflanzensorte übrig. Das ist auch technologisch machbar, wenngleich nicht von heute auf morgen. Dabei sind jedoch die Faktoren Pflanzengesundheit und Ertrag oft negativ miteinander korreliert, was zur Folge hat, dass die entsprechenden Produkte teurer werden. Hierzu muss dann die gesellschaftliche Akzeptanz gegeben sein.

Wirtschaftsforum: Braucht es dann auch ein anderes gesellschaftliches Bild von Landwirtschaft im Allgemeinen?

Alexis von Rhade: Das Bild eines Bauern, der harmonisch mit seinen Kühen auf der Weide steht, hat nichts mit moderner Landwirtschaft zu tun, auch wenn es in manchen Köpfen noch vorhanden sein mag. Dabei steht dieser Wirtschaftssektor auch im Zuge der Automatisierung gerade vor dem größten Umbruch in der Nachkriegszeit. Mit Sicherheit müssen wir uns von einem System umorientieren, das in den letzten 40 Jahren von der Politik, der Gesellschaft und Teilen der Landwirtschaft selbst als Idealbild angesehen wurde. Ich wünsche mir hierzu einen respektvollen und realistischen gesellschaftlichen Diskurs.

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