Wenn Technik Kultur berührt

Interview mit Franca Borzaga, Gründungspartnerin und Mitglied des Verwaltungsrats Metal Working S.r.l.

Wirtschaftsforum: Frau Borzaga, Metal Working wurde 2008 gegründet – mitten in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit. Wie begann diese Geschichte?

Franca Borzaga: 2008 war sicher nicht der naheliegendste Moment, um ein Unternehmen zu gründen. Aber manchmal entsteht gerade dann Energie. Wir sind als vier Gesellschafter gestartet – und wir sind sehr unterschiedlich. Genau diese Unterschiedlichkeit hat uns geholfen, von Anfang an die wichtigsten Bereiche abzudecken: technische Kompetenz, kaufmännische Kompetenz, Vertrieb, Organisation. Und wir haben früh verstanden: Wenn man in einer Branche stark sein will, muss man lernen, sich zu differenzieren – und verlässlich zu liefern.

Wirtschaftsforum: Wo steht Metal Working heute – in Zahlen und Struktur?

Franca Borzaga: Wir arbeiten heute mit einem Team von rund 50 Mitarbeitenden auf etwa 5.000 m2 Produktions- und Arbeitsfläche. Der Jahresumsatz liegt bei ungefähr 11 Millionen EUR. Inhaltlich haben wir drei Divisionen: Unsere größte Sparte sind Schachtgerüste für Aufzugsanlagen – davon produzieren wir rund 700 Stück pro Jahr. Die zweite Sparte umfasst Filtersysteme, die etwa 25% unseres Volumens ausmachen. Und dann gibt es noch eine kleine, besondere ‘Kunstdivision’, in der wir Restmaterialien gemeinsam mit Künstlern aus unserer Region zu zeitgenössischen Objekten weiterverarbeiten – so bekommt Material sprichwörtlich ein neues Leben. 

Wirtschaftsforum: Warum gerade diese Kombination aus Aufzugstechnik, Filtration und sogar Kunst?

Franca Borzaga: Die drei Bereiche haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Als wir gegründet haben, war uns klar: Aufzüge gehören stark zur Bauindustrie – und die ist zyklisch. Wenn Bauen stockt, kann Industrie stabiler sein. Also haben wir bewusst zwei Standbeine aufgebaut. Und die Kunst entstand aus einer ganz praktischen Idee: Statt Materialreste zu entsorgen, wollten wir sie sinnvoll nutzen – und daraus ist über die Jahre ein kreativer, identitätsstiftender Teil geworden. 

Wirtschaftsforum: Was ist das Besondere an Ihren Schachtgerüsten – worin liegt der technische Unterschied?

Franca Borzaga: Ein Kernpunkt ist unsere Entwicklungsarbeit an kaltgeformten, pressgebogenen Profilen. Diese werden nicht ‘klassisch’ als schwere Schweißkonstruktion gedacht, sondern modular montiert – ich vergleiche das gern mit Lego: präzise Teile, die sich sicher zusammenfügen lassen. Das bringt Vorteile beim Gewicht, beim Transport und bei der Montage – und es eröffnet auch gestalterische Freiheiten. In Forschungsprojekten haben wir das systematisch untersucht, mit numerischen Analysen und experimentellen Tests, auch gemeinsam mit Hochschulpartnern wie der Università di Trento und dem Politecnico di Milano.

Wirtschaftsforum: Stichwort Sichtbarkeit: Sie sagen, Sie liefern „das Kleid eines Liftes“. Was meinen Sie damit?

Franca Borzaga: Viele Menschen denken beim Aufzug an die Mechanik. In der Nutzung sehen sie aber oft etwas anderes: etwa eine transparente Struktur oder einen Schacht, in dem sich die Kabine bewegt – also das, was architektonisch präsent ist. Genau dort setzen wir an: Wir wollen designmäßig interessante Linien anbieten, die sich in Gebäude einfügen – vom Mehrfamilienhaus bis zur öffentlichen Einrichtung. Und wir arbeiten nicht nur in Italien, sondern auch gut mit Märkten wie Deutschland, dem Vereinigten Königreich oder Skandinavien zusammen.

Wirtschaftsforum: Ein Projekt hat besonders für Aufmerksamkeit gesorgt: der Aufzug im Kolosseum. Was war die Herausforderung?

Franca Borzaga: Das Kolosseum war in jeder Hinsicht außergewöhnlich – technisch, organisatorisch, emotional. Wir haben insgesamt rund fünf Jahre daran gearbeitet, auch weil Corona, Wetter und viele Abstimmungen dazwischenkamen. Die größte Herausforderung war der Denkmalschutz: Man darf dort nichts ‘verletzen’. Wir mussten also ein Befestigungssystem entwickeln, das ohne Eingriffe in die alten Mauern auskommt. Am Ende war es ein teleskopisches Presssystem, das die Installation möglich machte. Solche Projekte zeigen, dass Barrierefreiheit und Kulturerbe kein Widerspruch sein müssen – aber sie verlangen Präzision und Geduld.

Wirtschaftsforum: Sie arbeiten bereits an weiteren historischen Orten?

Franca Borzaga: Ja, wir sind zum Beispiel an einem Projekt für die Arena in Verona dran. Insgesamt werden historische Stätten nach und nach zugänglicher gemacht – das Thema Barrierefreiheit gewinnt, gerade in Italien, stark an Bedeutung. Gleichzeitig bleibt es immer anspruchsvoll, weil jedes Gebäude seine eigenen Regeln, Grenzen und Möglichkeiten hat.

Wirtschaftsforum: Kommen wir zur zweiten Sparte: Filtersysteme. Was ist Ihr Ansatz dort?

Franca Borzaga: Luftqualität wird oft unterschätzt – bis Probleme auftreten. Unsere Filtersparte entwickelt Filtergruppen und komplette Systeme für industrielle Prozesse und sensible Umgebungen. Wichtig ist dabei: Wir arbeiten sowohl mit Standardlösungen als auch mit maßgefertigten Ausführungen. Für uns ist das kein Nebenprodukt, sondern ein Feld, in dem Forschung und Sicherheit stark zählen – zum Beispiel, wenn es um anspruchsvolle Stäube, Explosionsschutz oder Prozesssicherheit geht. Unsere Entwicklungsarbeit hat auch zu Patenten und Patentanmeldungen geführt, etwa zu Verbindungsknoten, antibakteriellen Behandlungen oder speziellen Filtersystemen. 

Wirtschaftsforum: Wie halten Sie als mittelständisches Unternehmen Innovationsdruck und Fachkräftebedarf gleichzeitig aus?

Franca Borzaga: Indem wir Weiterbildung ernst nehmen – und indem wir Menschen entwickeln. Unser Team ist jung, wir re­krutieren auch an Universitäten und technischen Hochschulen. Gleichzeitig ist es nicht immer leicht, Generationen zu verbinden: Die Erwartungen an Arbeit, Zeit, Sinn und Karriere sind heute andere. Wir versuchen, das nicht zu bewerten, sondern es zu verstehen. Und wir haben ein konkretes Projekt gestartet: Acht Personen aus unserem Team werden gezielt mit externer Begleitung zu Führungskräften entwickelt – statt nur ‘fertige Manager’ einzukaufen. Das ist anstrengend, aber nachhaltig.

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