Neue Wege für kommunale Energie

Interview mit Dr. Gerd Rappenecker, Vorstand der Stadtwerke Göttingen AG

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Rappenecker, Sie sind seit vielen Jahren bei den Stadtwerken Göttingen. Wie hat sich das Unternehmen in dieser Zeit entwickelt?

Dr. Gerd Rappenecker: Ich bin seit 2011 technischer Vorstand und insgesamt seit 15 Jahren im Unternehmen. Die Stadtwerke Göttingen sind ein traditionsreicher Infrastrukturdienstleister mit über 160 Jahren Geschichte und versorgen die Region mit Strom, Gas, Wasser und Fernwärme. Eine Besonderheit ist, dass wir das Stromnetz nicht selbst betreiben. Als ich angefangen habe, waren wir noch stark in der klassischen Versorgerwelt verankert. Seitdem haben wir uns strategisch weiterentwickelt, neue Geschäftsfelder aufgebaut und das Unternehmen breiter aufgestellt. Wir agieren dabei in einer sehr dynamischen Stadt mit rund 125.000 Einwohnern, geprägt durch Universität, Forschungseinrichtungen und eine junge Bevölkerung – das beeinflusst auch die Anforderungen an Energie- und Infrastrukturkonzepte.

Wirtschaftsforum: Welche Meilensteine waren dabei entscheidend?

Dr. Gerd Rappenecker: 2013 sind wir in den Stromvertrieb eingestiegen – ein wichtiger Schritt in den Wettbewerb. Unser Ziel von 10.000 Kunden haben wir schon nach sechs Wochen erreicht. Danach haben wir das Contracting ausgebaut und 2017 entschieden, die Fernwärme deutlich zu stärken – eine sehr vorausschauende Entscheidung. Hinzu kamen Lade­infrastruktur mit rund 120 Ladesäulen sowie ein digitaler Vertrieb für Solaranlagen, Speicher, Wallboxen und Wärmepumpen. Damit erschließen wir gezielt neue Geschäftsfelder und entwickeln uns zunehmend zu einem ganzheitlichen Energiedienstleister.

Wirtschaftsforum: Wie setzen Sie die Energietransformation konkret um?

Dr. Gerd Rappenecker: Unser Fokus liegt klar auf Wärme und erneuerbaren Energien. Wir bauen die Fernwärme aus und wollen die Absatzmenge perspektivisch deutlich steigern – von rund 100 Millionen kWh im Jahr 2020 auf etwa 200 Millionen kWh bis 2030, auch wenn sich dieser Zeitrahmen voraussichtlich etwas nach hinten verschieben wird. Gleichzeitig investieren wir in erneuerbare Erzeugung: Wir betreiben unter anderem 18 Blockheizkraftwerke, ein Holzhackschnitzelwerk und nutzen industrielle Abwärme. 2025 konnten wir bereits rund 75% unserer Fernwärme aus erneuerbaren Energien und Kraft-Wärme-Kopplung erzeugen. Ergänzt wird das durch Solarprojekte, etwa einen Solarpark mit 31 MW. Weitere Projekte – unter anderem gemeinsam mit der Universität Göttingen und der Klosterkammer Hannover – sind bereits in Planung. Perspektivisch spielen auch Speicherlösungen und die intelligente Verknüpfung verschiedener Energiequellen eine wichtige Rolle, um die Volatilität erneuerbarer Energien auszugleichen. Ziel ist es, das bisher dominante Gasgeschäft schrittweise zu ersetzen.

Wirtschaftsforum: Wo liegen die größten Herausforderungen in diesem Wandel?

Dr. Gerd Rappenecker: Die Transformation ist komplex und langwierig. Genehmigungsprozesse und Projektlaufzeiten sind enorm – bei Windkraftprojekten muss man beispielsweise mit mehreren Jahren rechnen. Wir haben über viele Jahre versucht, entsprechende Projekte umzusetzen, diese jedoch zunächst einstellen müssen, unter anderem aufgrund schwieriger Rahmenbedingungen wie Naturschutzauflagen. Inzwischen eröffnen sich durch veränderte gesetzliche Rahmenbedingungen neue Chancen, die wir gemeinsam mit Partnern prüfen. Gleichzeitig müssen unsere Lösungen wirtschaftlich bleiben. Gerade im Wettbewerb zwischen günstigen fossilen Energieträgern wie Erdgas und erneuerbaren Alternativen zeigt sich, wie herausfordernd die Transformation ist. Deshalb setzen wir auf einen Mix aus Fernwärme und dezentralen Lösungen wie Wärmepumpen und bleiben dabei wettbewerbsfähig.

Wirtschaftsforum: Neben Energie spielen auch Mobilität und Stadtentwicklung eine Rolle. Welche Ansätze verfolgen Sie hier?

Dr. Gerd Rappenecker: Unsere beiden Parkhäuser entwickeln sich zunehmend zu Mobilitäts-Hubs mit Ladeinfrastruktur und Fahrradangeboten. Göttingen ist eine Fahrradstadt. Das greifen wir gezielt auf – unter anderem mit einem sicheren, überwacht zugänglichen Fahrradparkhaus. Gemeinsam mit der Stadt arbeiten wir zudem an neuen Quartierskonzepten mit zentralen Parkhäusern, weniger Verkehr und integrierter Infrastruktur. Stadtwerke sind heute weit mehr als Versorger: Wir gestalten aktiv die Stadtentwicklung und verbinden Energie, Mobilität und Infrastruktur intelligent miteinander.

Wirtschaftsforum: Was zeichnet Ihr Unternehmen als Arbeitgeber aus, und wie sehen Sie die Zukunft?

Dr. Gerd Rappenecker: Mit rund 190 Mitarbeitern und einem Umsatz von etwa 240 Millionen EUR sind wir gut aufgestellt. Besonderen Wert legen wir auf unsere Unternehmenskultur: Nach einer kritischen Mitarbeiterbefragung haben wir Kommunikation und Strukturen weiterentwickelt. Heute sind wir deutlich jünger aufgestellt, viele Mitarbeiter sind erst seit wenigen Jahren im Unternehmen. Nachhaltigkeit ist fest in unserem Handeln verankert – wir gehören zu den frühen Unterzeichnern des Deutschen Nachhaltigkeitskodex. Für die Zukunft setzen wir klar auf den Ausbau von Fernwärme, erneuerbaren Energien, Elektromobilität und digitalen Vertriebslösungen. Ich bin überzeugt, dass die Stadtwerke Göttingen aus der Transformation gestärkt hervorgehen werden. Ende Mai verabschiede ich mich in den Ruhestand – mit dem guten Gefühl, ein zukunftsfähig aufgestelltes Unternehmen zu übergeben.

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