Qualität statt Expansion

Interview mit Michael Hatzel, Geschäftsführer der Lebkuchen-Konditorei Hatzel GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Hatzel, gemeinsam mit Ihrem Bruder, Konditormeister Christian Hatzel, produzieren Sie seit vielen Jahren handgemachte Elisen-Lebkuchen, die Sie nur über die erlesensten Adressen vertreiben – was macht Ihre Produkte einzigartig? 

Michael Hatzel: Wir leisten uns den Luxus, unsere Lebkuchen nach der Art und Weise und gemäß dem Rezept unseres Großvaters in Handarbeit herzustellen, der einst 1928 damit begann. Dadurch können wir die heute nicht mehr ganz so selbstverständliche Qualität eines klassischen ursprünglichen Lebkuchens anbieten, mit dem die industriell gefertigte Massenware nicht mithalten kann. 

Wirtschaftsforum: Dem weiteren Wachstum Ihres Unternehmens dürften damit enge Grenzen gesetzt sein. 

Michael Hatzel: Ja – und das ist auch gut so. Um ehrlich zu sein, könnten wir uns schier ohne Ende vergrößern – denn wir stehen vor dem Luxusproblem, dass wir gar nicht so viel herstellen können, wie nachgefragt wird. Gerade blicken wir etwa trotz gesamtwirtschaftlich angespannten Zeiten auf eine wunderbare Saison zurück. Unsere Kunden wissen: Wenn sie bei Hatzel bestellen, bekommen sie von uns pünktlich qualitativ hervorragende Produkte geliefert, mit denen sie wiederum ihren Kunden eine wahre Freude machen können. Daraus hat sich in vielen Fällen über die Jahrzehnte eine wunderbare vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Feinkostgeschäften und Konfiserien entwickelt, auf der wir weiter aufbauen wollen – anstatt in alle Richtungen zu wachsen. 

Wirtschaftsforum: Ihr erster überregionaler Kunde war damals das KaDeWe. 

Michael Hatzel: Mit dem Vertrieb unserer Lebkuchen jenseits unserer Heimatregion begannen wir in den frühen 2000er-Jahren, als sich die Stadt Selb und damit auch das Café mit angeschlossener Konditorei unserer Eltern in einer schweren Krise befanden: Denn in den Jahren nach der Grenzöffnung verloren hier über 5.000 Menschen – etwa ein Viertel der Einwohner – ihre Anstellung, nachdem die örtliche Porzellanindustrie massiv unter Druck geraten war. Wir standen dann vor der Wahl: Sollten wir unser Café schließen oder uns neue Vertriebswege suchen? 

Wirtschaftsforum: Sie entschieden sich für zweiten Weg. 

Michael Hatzel: Ich hatte an der Freien Universität Berlin studiert und mir damals immer ein bisschen Geld dazuverdient, indem ich die Lebkuchen aus unserer Konditorei auf Berliner Weihnachtsmärkten verkaufte. Ich wusste also, dass sogar sehr kritische Konsumenten, wie Berliner nun einmal sind, von unserer Qualität und unserem Geschmack überzeugt waren. Gleichzeitig erinnerte ich mich an einen alten Rat von Alfons J. Keller, dem einst größten Bauunternehmer aus der Ostschweiz, den ich aus einem anderen Zusammenhang kannte: „Grasen Sie die Wiese immer von oben ab – denn nach unten kommen Sie von ganz alleine!” Nachdem ich mir noch schnell bei C&A ein Jackett gekauft hatte, stand ich dann eines Morgens ohne Termin im KaDeWe und reihte mich in die Schlange der Außendienstmitarbeiter mit ihren Anzugdreiteilern ein. Als ich an der Reihe war, machte die Verantwortliche meinen Lebkuchenbeutel auf, roch hinein und sagte nur: „Das sind Lebkuchen!“ Sie kaufte direkt 2.000 Packungen – so viel, wie wir in Selb im ganzen Jahr abgesetzt hatten. Danach stand ich so unter Adrenalin, dass ich in die Konfiserie gegenüber ging und auch dort unangemeldet unsere Lebkuchen vorstellte – mit dem Argument, auch das KaDeWe sei inzwischen Kunde dieses hochinteressanten Produkts. Prompt kam die nächste Großbestellung. Wenig später begann auch unsere Zusammenarbeit mit Käfer, Harrod’s und vielen anderen tollen Kunden, ohne dass wir dazu groß für uns werben mussten. 

Wirtschaftsforum: Qualität zahlt sich eben aus? 

Michael Hatzel: Das mit Sicherheit – und trotzdem war unser Weg nicht nur eitel Sonnenschein. Als die Krise in der Porzellanindustrie auch für uns spürbar wurde, betrieben wir vermutlich das schickste Café in ganz Oberfranken, mit durchaus beträchtlichen Verbindlichkeiten bei der Bank. Als wir dort trotzdem mit unserer Idee vorstellig wurden, unsere Lebkuchen von nun an deutschlandweit zu vertreiben, stießen wir glücklicherweise nicht auf Ablehnung, sondern auf – wenn auch nicht unkritisches – Interesse: ein Glücksfall, dass wir damals wie heute mit einer Landbank zusammenarbeiten, die ihren hohen Anspruch an Regionalität auch mit Leben füllt. Heute hat sich unser Durchhaltevermögen längst bezahlt gemacht – und ich finde, eine gewisse Standhaftigkeit gehört zum Unternehmerdasein einfach dazu. 

Wirtschaftsforum: Woher kommt diese Haltung bei Ihnen und Ihrem Bruder? 

Michael Hatzel: Ich glaube, das hat mit unserer Erziehung zu tun. Wir haben immer unsere Eltern und Großeltern bewundert, wie sie in der Backstube tolle Produkte hergestellt und damit den Menschen eine Freude gemacht haben. Außerdem haben sie uns Bescheidenheit gelehrt. Wir hatten sehr viel Glück: Denn wir passen perfekt zu unserem Produkt – und das Produkt passt super zu uns!

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

„Keep it simple“ - Einfachheit als Geschäftsmodell

Interview mit Stephan Riese, CEO der reputatio systems GmbH & Co. KG

„Keep it simple“ - Einfachheit als Geschäftsmodell

Was braucht ein Unternehmen wirklich, um zu funktionieren? Für Stephan Riese ist die Antwort klarer, als viele denken. Mit reputatio systems entwickelt er Lösungen, die Komplexität reduzieren. Ein Gespräch über…

„Wer nach EtherCAT sucht, findet uns“

Interview mit Thomas Waggershauser, Geschäftsführer der acontis technologies GmbH

„Wer nach EtherCAT sucht, findet uns“

Ihre Lösungen kommen beim Start der Ariane 6 genauso zur Anwendung wie im Automotive-Segment oder in der Halbleiterindustrie. Trotzdem dürften nur Brancheninsider jemals von acontis technologies gehört haben. Dem Erfolg…

„Bullshit-Bingo bringt niemanden weiter“

Interview mit Eric Seitz, Geschäftsführer der PARTNERSEITZ GmbH

„Bullshit-Bingo bringt niemanden weiter“

Menschen mit chronischen Erkrankungen werden im Gesundheitssystem oft auf ihre Diagnose reduziert. Genau dort setzt PARTNERSEITZ an. Das Unternehmen bringt Betroffene, Pharmaunternehmen, Ärzte und Institutionen an einen Tisch – und…

Spannendes aus der Region Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge

BHS tabletop going green

Interview mit Dr. Philipp Diekmann, CEO der BHS tabletop AG

BHS tabletop going green

Die BHS tabletop AG, als Unternehmen tief in der Tradition verwurzelt, hat sich im Laufe der Jahre als führender Anbieter in der Tischkulturbranche etabliert. Durch kontinuierliche Innovation und ein starkes…

IT-Strategien für nachhaltigen Erfolg

Interview mit Christian Schlenk, Managing Director der RapidMax GmbH

IT-Strategien für nachhaltigen Erfolg

Die RapidMax GmbH steht für innovative IT-Dienstleistungen und Komplettlösungen, die weit über die reine Bereitstellung von Hardware hinausgehen. Mit einem klaren Fokus auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit gestaltet RapidMax IT-Prozesse effizient…

Nachhaltig Druck machen

Interview mit Melissa Sesselmann, Kaufmännische Leiterin der Kipp+Poffo Office Consulting GmbH

Nachhaltig Druck machen

Der technologische Fortschritt hat die Bürowelt in den letzten Jahrzehnten auf den Kopf gestellt. Schreibmaschine, Drucker, Faxgerät und Kopierer wurden teilweise vollständig ersetzt, Homeoffice-Lösungen sind Standard, das Schlagwort New Work…

Das könnte Sie auch interessieren

„Wir backen laufend frisch!“

Interview mit Mst. Reinhold Koll, Geschäftsführer der Koll GmbH

„Wir backen laufend frisch!“

Frische Backwaren und ein leckeres Stück Kuchen tragen wesentlich zum Wohlbefinden bei. Dazu leistet die Bäckerei Koll einen wesentlichen Anteil. Der Familienbetrieb mit dem Hauptsitz im österreichischen Kirchschlag in der…

„Wir sind größer geworden, aber eben kein Industriebäcker!“

Interview mit Marcell Meyer, Geschäftsführer der Heidebäckerei Meyer

„Wir sind größer geworden, aber eben kein Industriebäcker!“

Seit über 100 Jahren setzt die Heidebäckerei Meyer auf Handwerkskunst und regionale Rohstoffe: Seit den 1990er-Jahren ist das Unternehmen spürbar gewachsen und dabei doch Handwerksbetrieb durch und durch geblieben. Wie…

Brot mit dem Geschmack von morgen

Interview mit Andreas Swoboda, Geschäftsführer der BIO BREADNESS GmbH

Brot mit dem Geschmack von morgen

Als Teil der Pandriks Gruppe arbeitet BIO BREADNESS in Fulda, Deutschland, eng mit dem niederländischen Schwesterunternehmen Pandriks Bake Off B.V. zusammen, um Bio-Brot zu produzieren, das sich durch Qualität, Geschmack…

TOP